Die merkwürdige Sprachlosigkeit bei G+J

In der Kommunikationspsychologie gibt es eine unumstößliche Regel: Man kann nicht nicht kommunizieren. Auch wer nichts sagt, sendet eine Botschaft. Bei G+J war dies am Donnerstag der Fall. Nachdem "Horizont" Details der Umstrukturierung der Vermarktung enthüllt hatte, war die News für die Mediendienste Thema des Tages. Der Baumwall blieb sprachlos: keine Reaktion, keine Agenturmeldung, Anrufe bei der Presseabteilung wurden nicht erwidert. Ein Schweigen, das Bände sprach – und dem Haus nur schaden kann.

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Natürlich hatte der, wie sich schnell herausstellen sollte, den Tatsachen entsprechende Artikel das Management kalt erwischt. Intern waren die Pläne zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch als „Betriebsgeheimnis“ eingestuft. Dass sie dennoch von einem der wenigen Eingeweihten an die Medienöffentlichkeit „durchgesteckt“ worden waren, ist ein ernstes Problem – vor allem aber ein internes, denn die undichte Stelle ist offensichtlich im eigenen Management zu lokalisieren. „Löchrig wie ein Schweizer Käse“ nennt ein früherer Manager den Apparat am Hamburger Hafen, und das gilt wohl auch für die eine oder andere Führungskraft.
Für die Kommunikatoren, die sensibel über die Außendarstellung des Traditionsverlags wachen, kommt der Vorgang einem Fiasko gleich: Brüskierte Mitarbeiter, die von den Medien über den Abbau von 85 Arbeitsplätzen informiert werden, sind das eine Problem, das andere ist die öffentliche Wahrnehmung. Jede, auch die schlechte Nachricht, die ein Unternehmen zu verkünden hat, bietet eine Chance: nämlich nach innen und außen zu signalisieren, dass auch die harte Entscheidung die richtige und für die Konzernzukunft wichtige ist. Diese Chance hat Gruner + Jahr am Donnerstag vertan. Man hat (wohl bewusst) den realen Kenntnisstand der Öffentlichkeit ignoriert, obwohl die Kontrolle über die Nachricht und das Timing längst verloren gegangen war.
Dass praktisch zum gleichen Zeitpunkt beim Mutterkonzern Bertelsmann eine ähnliche Nachricht verbreitet wurde, macht die Unterschiede in der Dialogkultur deutlich. Bertelsmann selbst gab den Abbau von 130 Jobs in der Gütersloher Zentrale bekannt und machte daraus auch kein Geheimnis: Die Meldung wurde über die deutsche Presse-Agentur verbreitet.
Zu diesem Zeitpunkt, alle Mediendienste hatten inzwischen ausführlich über die Radikalkur bei Gruner + Jahr berichtet, fand sich auf der Homepage des Verlags kein Wort der Erklärung. Statt dessen ging eine PR-Meldung zum Facelift eines Kundenmagazins online: „Pünktlich zur beginnenden Ski-Saison präsentiert sich das DSV aktiv Ski & Sportmagazin in neuem Gewand…“
Es fällt schwer, in dieser Öffentlichkeitsarbeit, die sich aufs Verweigern reduziert, etwas anderes als ein gravierendes Image-Problem zu sehen. Dies zu beseitigen, wäre die Aufgabe des G+J-Chefkommunikators Claus-Peter Schrack. Doch von dem ist auch vier Monate nach seinem Amtsantritt wenig zu sehen. Viele Medienjournalisten klagen, dass es keine Gesprächsangebote oder Hintergrundrunden gibt. Schwer zu beurteilen, ob sich der seit 1. Juni wirkende Chef-Sprecher noch ins für ihn neue Metier einarbeitet oder ob sich hier schon der künftige Umgangsstil mit den Medienvertretern andeutet. In die öffentliche Wahrnehmung geriet der 43-Jährige bei Gruner nur einmal – als er beim Segelcup des Hauses auf der Hamburger Außenalster den letzten Platz einfuhr.

Nachtrag: Um 10.05 Uhr am Freitag, rund 23 Stunden nach dem „Horizont“-Bericht, verbreitete Gruner + Jahr eine Erklärung, in der die seit Donnerstag bekannten Informationen bestätigt werden.

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