Wahl-TV: Peinlicher Abend bei Sat.1 und n-tv

Am Sonntagabend bewies das Privatfernsehen Deutschlands wieder einmal, warum die öffentlich-rechtlichen Sender eben doch unverzichtbar sind und ein Land ohne ARD und ZDF nicht vorstellbar ist. Am Tag der Bundestagswahl, dem wichtigsten politischen Ereignis der deutschen Demokratie, blendete sich mancher Sender zum frühestmöglichen Zeitpunkt aus der Berichterstattung aus und zeigte lieber Dokus aus der Konserve. Vor allem Sat.1 und n-tv fielen dabei negativ auf und sorgten für Kopfschütteln.

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So beendete Vollprogramm Sat.1 schon um 19 Uhr, also eine Stunde nach Schließen der Wahllokale die Ausstrahlung der gemeinsamen Sendung mit N24 und zeigte lieber verstaubte Polizei-Doku-Soaps – und das, obwohl in den Programmzeitschriften ein Wahl-Sendetermin bis 20 Uhr ausgedruckt war – gute Quoten für die Doku-Soaps also ausgeschlossen waren. Aus Senderkreisen hieß es, man habe von Vornherein vorgehabt, sich um 19 Uhr auszublenden, wenn die Wahlergebnisse langweilig würden. Sehr passend war daher ein Tweet der Kollegen von DWDL.de: „Nicht, dass demnächst noch die ‚Sat.1 News‘ ausfallen, wenns mal ein langweiliger Nachrichten-Tag war :-)“

Ein ähnlich bitteres Bild lieferte der selbst ernannte Nachrichtensender n-tv ab. Wer mal die ekstatische Berichterstattung von Sendern wie CNN an Wahltagen erlebt hat, wird n-tv seit Sonntag nicht mehr ernst nehmen können. Bis 20 Uhr zeigte man eine gemeinsam mit RTL produzierte Sendung, in der allerdings RTL-Mann Peter Kloeppel das Sagen hatte. Um Punkt 20 Uhr war dann Schluss mit Wahl und man ging zur traurigen Tagesorsdnung über. Und diese Tagesordnung sieht bei n-tv dann so aus, dass lieber Historien-Dokus wie „Mythos Apokalypse“ gezeigt werden als Aktuelles von der Wahl. Abgesehen von der gemeinsamen Sendung mit RTL gab es also keine eigene n-tv-Wahlberichterstattung. Traurig.

Lobenswert war hingegen die Berichtersatttung des sonst auch nicht gerade für übermäßige Nachrichtenkompetenz bekannten Infosenders N24. Er blieb immerhin bis 22 Uhr live auf Sendung und bot dank seines Analysten-Teams auch viel Interessantes. So waren fast alle Sat.1- und N24-Talker im Einsatz, also Stefan Aust, Sabine Christiansen, Hajo Schumacher, Michel Friedman und Hans-Hermann Tiedje. Sie lieferten meinungsstarke Analysen und sorgten für das gewisse Etwas. Auch die Schalte in die „Bild“-Redaktion, in der Kai Diekmann vorab die Montags-Schlagzeile seiner Zeitung („Guido! Merkel hat ’nen Neuen“) verriet, war ein nettes Gimmick.

Die öffentlich-rechtlichen Sender boten unterdessen solides Wahl-TV ohne große Schwächen, aber auch ohne größere Innovationen. Das Erste fiel durch Jörg Schönenborns umfangreiche Zahlen-Präsentationen positiv auf, auch die alte Politiker-Garde bei „Anne Will“ war wohltuend. Im ZDF gefielen u.a. die Gesprächsrunden und die modernere Aufmachung der Sendungen. Etwas zu dröge war das Programm von Phoenix, der Sender war dafür am längsten auf Sendung – bis 0.30 Uhr.

Positiv ist zudem noch anzumerken, dass alle Sender ihr Wahl-TV-Programm auch ins Netz streamten. So konnten Politik-Junkies parallel Das Erste, ZDF, RTL, N24 und Phoenix schauen – und immer dort den Ton lauter stellen, wo gerade etwas Spannendes passierte. Das Bewegtbild liefert bei solchen Events zwar weiterhin das beste Live-Erlebnis, doch mit der Technik des Internets ist es einfach noch praktischer als auf dem guten alten Fernseher.

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