Rechenspiele um die „Münchner Allianz“

Als "Vernunftehe" bezeichnet die "Süddeutsche Zeitung" das sich anbahnende Vertriebs-Bündnis von Burda und der WAZ-Gruppe. Offensichtlich liegen solche Zweck-Gemeinschaften am Markt rivalisierender Medienhäuser im (Krisen-)Trend. Wie man aus der Branche hört, spricht derzeit jeder mit jedem und lotet aus, wie das Potenzial des Wettbewerbers gewinnbringend in die eigenen verlegerischen Aktivitäten eingebunden werden kann. Auf dem Vertriebssektor ergeben sich dadurch interessante Perspektiven.

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Verlierer bei dieser Entwicklung dürfte die Bauer Media Group sein, die in den vergangenen Monaten für spürbare Unruhe unter den Grossisten gesorgt hatte. Aber auch Axel Springer hat demnächst bei den Bemühungen, die Grosso-Struktur zugunsten hochauflagiger Titel zu optimieren, neben Gruner + Jahrs Deutschem Presse Vertrieb (DPV) mit einem weiteren gewichtigen Player zu tun. Alleingänge à la Bauer wird es wohl seltener geben, zumal auch die Gerichte den harten Kurs gegenüber einzelnen Grossisten korrigieren. Der Druck, den Bauer und Springer durch ihre Dominanzstrategien zuletzt auf die Grossisten ausübten, dürfte in Zukunft geringer werden.

Branchenkenner gehen davon aus, dass gerade Burda die Optionen sorgfältig abgewogen hat. Angeblich hat es Offerten von allen großen Medien-Konzernen gegeben. Realistischer erscheint allerdings die Annahme, dass Gespräche geführt wurden – für ein konkretes Angebot erscheinen die Vertriebs-„Philosophien“ von Burda auf der einen und Bauer und Springer auf der anderen Seite doch zu konträr: Springer und Bauer ist daran gelegen, beste Bedingungen für „Schnelldreher“ mit hohen Auflagen und niedrigen Copy-Preisen auszuhandeln, Burda verfolgt mit seinem Portfolio überwiegend andere Ziele.

Die Entscheidung für die WAZ macht aber schon wegen der räumlichen Konstellation Sinn: Deren Zeitschriften-Geschäft wird gerade am Standort München gebündelt, wo die WAZ bereits Mehrheitsgesellschafter beim Modernen Zeitschriften Vertrieb ist, dem dritten Partner im künftigen Vertriebs-Bund und größten unabhängigen Nationalvertrieb in Deutschland. Hier zeichnet sich ein attraktives Synergie-Potenzial ab, das einen Kostenabbau ohne Leistungseinbußen verspricht: die Königsdisziplin beim Medienmanagement im Krisenjahr 2009.

Zudem sind bei der WAZ zwei Führungskräfte im „Team“, die sich bestens bei der mächtigen Konkurrenz auskennen: Zeitschriften-Chef Manfred Braun war langjähriger Geschäftsführer bei Bauer, WAZ-Geschäftsführer Christian Nienhaus managte zuvor bei Springer den Vertriebsriesen „Bild“.

Eine Allianz mit Gruners DPV sei, so berichten Insider, wegen der hohen Kostenstruktur am Ende nicht in Frage gekommen. Aber auch die Gruner-Vertriebstochter befindet sich offenkundig in regem Ausstausch mit anderen Marktteilnehmern. Kurt Otto, Leiter Marktkommunikation beim DPV, zu MEEDIA: „Vor dem Hintergrund der aktuellen Marktlage fokussieren sich die Player im Vertriebsmarkt auf zukunftsorientierte Lösungen im Verbund. Um solche Lösungen zu erreichen, denken wir, wie auch viele andere, in neuen Bahnen und in alle Richtungen. Die Grosso-Tagung in Baden-Baden, wo alle Beteiligten zusammenkamen, war da natürlich idealer Raum für Ideen, Gespräche und Gerüchte. Zu aktuellen Überlegungen nehmen wir im DPV momentan keine Stellung.“

Dies eröffnet den Raum für weitergehende Spekulationen. Theoretisch denkbar, wenn auch kartellrechtlich heikel, wäre es, dass Gruner + Jahr sich der Münchner Allianz anschließt. Dadurch entstünde eine Vertriebsmacht, die durch eigene Objekte oder als Service-Dienstleister mit insgesamt 37 Prozent mehr als ein Drittel des Marktes repräsentieren würde – ein unschätzbarer Vorteil bei Verhandlungen über die Geschäftsbedingungen. Allerdings könnten auch Bauer und Springer kontern und enger zusammenarbeiten – beide zusammen kommen auf einen Marktanteil von 46 Prozent.

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