ARD & ZDF: Digital-Sender und kein Ende

Am 1. November startet der Digitalkanal ZDFneo. Der Sender, der mit Programmperlen wie der Erstaustrahlung der preisgekrönten US-Comedyserie "30 Rock" glänzt, hat bereits für reichlich Zoff gesorgt. Privatsender sehen in ZDFneo ein verkapptes Vollprogramm. Dabei ist ZDFneo nur einer von vielen Digital-Ablegern. ARD und ZDF haben mittlerweile ganze digitale Sender-Familien errichtet, die beständig ausgebaut werden - der zweite Teil der MEEDIA-Serie über die Auswüchse von ARD und ZDF.

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Man kann schon verstehen, wenn sich Programmplaner von privaten Fernsehstationen verwundert am Kopf kratzen, wenn Sie das Programmschema des neuen ZDF-Digitalkanals ZDFneon betrachten. Da gibt es Top-US-Serien in deutscher Erstausstrahlung wie „30 Rock“ oder „In Plain Sight“. Es gibt allein vier neue Dokusoap -Formate wie „Mamas Traumjob“ oder „Der Straßenchor“. In „Mamas Traumjob“ tauschen acht Mütter ihr Familienleben für 14 Tage mit ihrem Traumjob. Ein solches Format könnte vom Konzept her ohne weiteres auch bei RTL 2 seine programmliche Heimat finden, wie überhaupt die Dokusoap ein ureigenes Format des Kommerzfernsehens ist. Nun ist die Dokusoap einer der Programm-Eckpfeiler eines mit Gebühren finanzierten ZDF-Ablegers.

ZDFneo geht aus dem ZDFdokukanal hervor und soll sich vor allem an junge Familien richten. In der „Selbstverpflichtungserklärung Programm-Perspektiven 2009 – 2010“ vom ZDF las sich die Beschreibung von ZDFneo noch so: „Es (das Programm, Anm. d. Red.) wird für die Zielgruppe 25 bis 50-jähriger und junge Familien vielfältige Inhalte aus den Bereichen Bildung, Kultur, Wissenschaft, Beratung, Information und Unterhaltung bieten.“ Von Dokusoaps, US-Comedyserien und „Miami Vice“-Wiederholungen war da noch nichts zu lesen. Damit soll nicht gesagt werden, dass ZDFneo ein schlechtes Programm bieten würde, im Gegenteil. Das Programm sieht nach hervorragender Unterhaltung aus. Die Frage ist nur, warum das ZDF Top-Unterhaltung wie „30 Rock“ oder gut gemachte Dokusoaps nicht wohl dosiert in seinem Haupt-Programm unterbringt, sondern dafür auf Gebührenkosten einen ganzen Kanal freiräumt, der genauso gut Vox plus oder ProSieben Reloaded heißen könnte.

ZDFneo ist nur ein Teil des mittlerweile weit verzweigten Digital-Reichs von ARD und ZDF. Der ZDFinfokanal soll im Internet durch ein ZDFinfoportal ergänzt werden. Man hat zwar schon die Nachrichten-Website heute.de, aber was soll’s? Der ZDFtheaterkanal wird laut Selbstverpflichtungserklärung zu einem umfassenden Kulturkanal ausgebaut. Warum auch nicht – es gibt zwar schon die beiden, gemeinsam mit anderen Sendern betriebenen, Kulturkanäle Arte und 3sat, aber Kultur entspricht wenigstens nachvollziehbar dem öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag.

Auch wenn man womöglich darüber streiten kann, ob Arte und 3sat beide notwendig sind, so sind dies immerhin Kanäle die in der Tat öffentlich-rechtliches Fernsehen abseits von Quotendruck und Mainstream bieten. Trotzdem braucht man beim ZDF zusätzlich noch einen weiteren eigenen Kulturkanal. Die ARD will da natürlich nicht nachstehen und hat mit EinsFestival ebenfalls einen digitalen Kultursender, allerdings werden hier bis auf wenige Ausnahmen fast ausschließlich Sendungen von ARD-Anstalten oder Partnersendern neu zusammengestellt.

Die ARD betreibt neben EinsFestival noch EinsExtra und EinsPlus. Sender, deren genauer Sinn und Zweck sich nicht unbedingt beim ersten Zuschauen erschließt. Außer man ist der Meinung, dass früher alles besser war und schaut statt der normalen „Tagesschau“ im Ersten lieber die „Tagesschau“ von vor 20 Jahren bei EinsPlus. Das hat für drei Minuten einen gewissen Unterhaltungswert, wenn man sich über die Ausmaße der Schulterpolster der Sprecher lustig machen kann, aber ansonsten: Was soll das? EinsPlus hatte vor dem Jahr 2005 den noch viel absurderen Namen EinsMuXx (das große X ist kein Vertipper) und sendete das ARD-Programm zeitversetzt. Das ergab immerhin noch einen gewissen Sinn. Seit der Umfirmierung zu EinsPlus wurde der Kanal volle Kanne zu einer Art Servicesender umgebaut mit Themenblöcken zu Gesundheit, Kochen, Natur, Reise, Wissen und Zu Hause.

EinsExtra soll laut ARD zu einem umfassenden Informationsprogramm ausgebaut werden. Doppelt hält auch hier besser, denn man hat ja bereits Phoenix als gemeinsam von ARD und ZDF betriebenen Ereigniskanal, der mittlerweile fast eher wie ein Dokukanal oder eine Abspielstation für ARD-Pressekonferenzen wirkt. Ursprünglich hätten ARD und ZDF Poenix gerne als reinrassigen Nachrichtensender positioniert. Das scheiterte 1997 aber am Widerstand der privaten Konkurrenz, die angesichts der öffentlich-rechtlichen Finanzübermacht und Werbefreiheit um die Existenz der werbefinanzierten Nachrichtensender N24 (ProSiebenSat.1 Media Group) und n-tv (RTL Group) fürchtete.

Nicht verhindert werden konnte ebenfalls 1997 der Start des ARD/ZDF-Kinderkanals Kika. Das öffentlich finanzierte Kinderfernsehen macht den privaten Kindersendern Nick, bzw. Nickelodeon und Super RTL seither das Leben schwer. Zumal der Kika das Konzept von Super RTL mit Toggolino eine eigens für Vorschulkinder gestaltete Programmschiene und Web-Präsenz anzubieten mit Kikaninchen nun relativ offensichtlich kopiert. Auch der Sender für die Kleinen will, von Gebühren gepäppelt, immer größer werden.

Darüber hinaus werden die Dritten Programm der ARD digital mittlerweile fast flächendeckend bundesweit übertragen und haben Dank stetigem Ausbau mittlerweile fast den Charakter von zusätzlichen Vollprogrammen erreicht. Ein Ende der digitalen Expansionswut von ARD und ZDF ist nicht in Sicht. Der Start von ZDFneon und die angekündigten Weiterentwicklungen von EinsExtra und dem ZDFtheaterkanal belegen das. Privat-TV-Anbieter werden in Zukunft mit mehr statt weniger gebührenfinanzierter Konkurrenz leben müssen.

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