„Spiegel“: Wackelbild als Wahl-Cover

Viele "Spiegel"-Leser waren überrascht, als sie das aktuelle Heft in der Hand hielten. Das Cover hat eine Eigenschaft, die sie sonst nur von Postkarten oder "Wackelbildern" ihrer Kinder kennen: Es wechselt das Motiv, je nachdem, aus welchem Winkel es betrachtet wird: Kanzlerin Merkel oder Kanzler Steinmeier, ein Wechselbild nicht nur für Wechselwähler. "Es kommt so ... oder so", lautet die Headline der Chefredakteure Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron, die ein ungewöhnliches Experiment wagten.

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Lenticularfolie nennt sich der Stoff, aus dem die doppelte Bildwirkung herrührt. Für die „Spiegel“-Chefs Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron war die Cover-Gestaltung schon technisch eine Herausforderung. „In Titelbildgröße und Millionenauflage“ habe es das noch nicht gegeben, schreiben sie im Editorial zur Heftnummer 39. Die Folie wurde von einer Kasseler Firma gedruckt und dann mit der Klebetechnik, die für DVDs angewandt wird, auf das fertig gedruckte Magazin aufgebracht. Für die Chefredakteure war entscheidend, dass der normale Redaktionsschluss dadurch nicht wesentlich vorgezogen werden musste. Dennoch blieb die Qualität der technischen Umsetzung spannend. „Wir haben bis zuletzt gebangt, ob die Folie auf dem Titel auch passgenau sitzt“, sagt Mascolo, „aber es hat sehr gut funktioniert.“

Die Verwendung der beiden Folien-Motive mit Merkel und Steinmeier, illustriert vom Münchner Künstler Alfons Kiefer, führte dazu, dass am Ende vier Titelbilder im Umlauf waren. Besucher von Spiegel Online sahen am Samstag zunächst ein Cover, das einen leeren Thron in einer Wiesenlandschaft zeigt, dazu die Titelzeile: „Deutschland vor der Wahl“. Hinzu kamen am Montag die beiden Illustrationen, die Titel Numer vier verdecken: Dieser zeigt die beiden Groß-Koalitionäre rangelnd auf demselben Thron, versehen mit der Headline: „Aber bitte nicht wieder so.“
Warum die Chefredaktion diese Abfolge wählte, erklärt Mascolo: „Man versteht das Titelkonzept nur, wenn man den Spiegel in die Hand nimmt. Einzelne Motive erwecken für sich genommen leicht einen irreführenden Eindruck.“ Die Idee, mit einem „Wackelbild“ auf dem Cover habe der Leiter der Titelbildredaktion, Stefan Kiefer, schon seit langem gehabt.

Dass die Idee ausgerechnet bei der Wahlnummer umgesetzt wurde, hat mehrere Gründe. Zum einen brachte Kiefer von einer China-Reise einen Dummy eines dortigen Herstellers mit einer Lenticularfolie in Titelbildgröße mit, was schon mal zeigte, wie ein solches Motiv haptisch wirken würde. Zum anderen war die Chefredaktion vor Bundestagswahl in einem Dilemma. Mascolo: „Der Duell-Titel mit den beiden Kandidaten für das Kanzleramt ist in der Wahlwoche beim ‚Spiegel‘ ja schon klassisch. Und für uns stand lange fest, dass wir in der Ausgabe ein Doppel-Porträt bringen würden.“ Als klar war, dass exklusive Foto-Shootings mit beiden Kandidaten für das Cover nicht mehr zu realisieren waren, habe man nach alternativen Ideen gesucht.
Mit dem Ergebnis ist Mascolo sehr zufrieden: „Uns reizte das Ungewöhnliche, etwas zu machen, was noch nie jemand probiert hat.“ Für ihn ist das Cover auch ein Bekenntnis zum Printprodukt, da die Wirkung des Titels nur dadurch erfahrbar sei. Die ersten Reaktionen der Leser sind laut Mascolo positiv: „Es gibt eine Menge Leute, für die das alte Kinderspiel mit den Wackelbildern seinen Zauber nicht verloren hat.“

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