„Immer eigenwillig und unberechenbar“

60 Jahre hat die "Hamburger Morgenpost" auf dem Buckel. Am 16. September 1949 wurde sie von der SPD in der Hansestadt gegründet. Seither hat die "Mopo" zahlreiche Höhen und Tiefen und viele Besitzer, unter anderem G+J, hinter sich gelassen. Vor der Übername durch DuMont gehörte die "Mopo" zum Reich des Investors David Montgomery, der ab 2006 einen gnadenlosen Sparkurs fuhr. Im MEEDIA-Interview kündigt Chefredakteur Frank Niggemeier den Relaunch der "Mopo"-Website fürs nächste Jahr an.

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Die „Mopo“ hat 60 Jahre bewegte Geschichte hinter sich. Wie sehen sie die „Hamburger Morgenpost“ heute?

Als tägliche Pflichtlektüre für alle, die wissen wollen, was Hamburg bewegt. Darüber hinaus, und das ist genauso wichtig, steht die „Mopo“ seit Jahren verlässlich als wirtschaftlich erfolgreiches und fest im Hamburger Markt verankertes Produkt da. Wir behaupten uns hier in einem Medienumfeld, das bundesweit ebenso schwierig wie einmalig ist. Die „Mopo“ tritt täglich am Kiosk gegen „Bild“ an, gegen das „Abendblatt“ und gegen die „Welt“. Wir sind hier umgeben von Titeln aus dem Hause Springer. Ein Kollege hat das neulich mit dem berühmten gallischen Dorf verglichen und ich denke dieser Vergleich trifft es ganz gut. In Hamburg ist die „Mopo“ – und die Kollegen von der „taz Nord“ mögen mir das nachsehen – die einzige Alternative zum Springer-Konzern. Dass es uns mit einem vergleichsweise kleinen Team jeden Morgen gelingt, eine Zeitung an den Kiosk zu bringen, die sich in diesem Marktumfeld behaupten kann, darauf sind die Kollegen hier zu Recht stolz.

Ist es nicht eigentlich Irrsinn, in Hamburg eine Boulevardzeitung gegen „Bild“ zu machen?

Nein, warum? Es funktioniert jetzt schon seit 57 Jahren – solange ist „Bild“ hier auf dem Markt, drei Jahre weniger als wir. Und wer sich die Auflagenentwicklung in den letzten Jahren anschaut, wird feststellen, dass die „Mopo“ im Hamburger Markt stabiler ist. Das gilt wochentags und erfreulicherweise auch für unsere Ende 2006 eingeführte Sonntagsausgabe.

Muss man Sie um Ihren Job beneiden oder bedauern?

Gute Frage. Die Antwort darauf fällt nicht jeden Tag gleich aus. Aber meistens natürlich: beneiden.

Was ist denn toll daran, „Mopo“-Chefredakteur zu sein?

Mit einem kleinen, aber hoch motivierten Team zu arbeiten, das ebenso engagiert wie meinungsfreudig ist. Die Zeitung steht schon aus ihrer Geschichte heraus für liberale und soziale Grundwerte. Aber sie ist auch immer ein Stück eigenwillig und unberechenbar. Diese Lebendigkeit ist liebenswert und lesenswert. Die „Mopo“ hat Ecken und Kanten, manchmal auch Macken. Aber gerade das macht ihren besonderen Charakter aus. Und nebenbei: Bei der Morgenpost liegen meine journalistischen Wurzeln. Hier habe ich vor 20 Jahren volontiert, hier habe ich mich immer wohl gefühlt.

Und was nervt?

Von dem ehemaligen Chefredakteur und späteren Ministerpräsidenten Wolfgang Clement ist die Feststellung überliefert: „Es ist ist leichter, ein Land wie Nordrhein-Westfalen zu regieren,als die „Hamburger Morgenpost“ zu führen.“ Das ist einerseits leicht überspitzt. Andererseits: Treffender hat es bislang noch niemand formuliert.

Wie wollen Sie die „Mopo“ fit machen für die nächsten 60 Jahre?

Mit DuMont Schauberg gehört die Morgenpost seit diesem Jahr zu dem drittgrößten deutschen Verlag. Also zu einem Haus, das mit Erfahrung und Tradition auf der einen Seite undKnow How sowie Multimedia-Affinität auf der anderen eine Basis bietet, die die besten Voraussetzungen für die Zukunft liefert. Die größte Herausforderung ist ein Balance-Akt, dem sich derzeit viele Tageszeitungen stellen: Auf der einen Seite müssen wir uns weiterentwickeln. Zunächst einmal muss das nachgeholt werden, was in der Zeit unter dem Finanzinvestor Montgomery versäumt wurde: Wir brauchen, und bekommen, ein neues, modernes Redaktionssystem. Wir brauchen, und bekommen einen zeitgemäßen Internet-Auftritt. Die ersten Resultate werden im Oktober zu sehen sein. Ein grundlegender Relaunch inklusive neuem Content Management System und neuem Layout ist dann für Frühjahr 2010 geplant. Aber auf der anderen Seite brauchen wir auch Kontinuität. Die Eigenständigkeit der erfolgreichen Marke „Morgenpost“ muss erhalten bleiben. Wir haben eine sehr enge Leser-Blatt-Bindung, das zeigt uns das tägliche Feedback, das wir bekommen. Und das ist das Wichtigste, bei aller Notwendigkeit zur Veränderung: Dass die Morgenpost ihren Charakter behält. Denn das war – über all die Jahre und die Veränderungen – ein wesentlicher Grund für den Erfolg der „Mopo“.

Gibt es Aktionen zum Jubiläum?

Es gibt Leseraktionen, eine 72-seitge Beilage im alten Berliner Format und interne Veranstaltungen. Aber auf die großen repräsentativen Feiern vergangener Jahrzehnte haben wir angesichts der Krise, wie andere Verlage auch, in diesem Jahr bewusst verzichtet.

Viele meinten, die Zeitung sei unter der Herrschaft des angelsächsischen Investors David Montgomery fast kaputtgespart worden. Wie bewerten Sie den damaligen Sparkurs heute – war es bittere Medizin, die aber doch hilfreich war?

Bitter war sie auf jeden Fall. Hilfreich? Kaum. In der Mecom-Zeit sind zwar hohe Renditen erzielt worden – allerdings zu einem hohen Preis: Investitionen in wesentliche Bereiche sind jahrelang sträflich unterblieben. Es gab keine erkennbare verlegerische Strategie, keine Impulse, kein Know How, keine Modernisierung. Diese Versäumnisse werden jetzt und im nächsten Jahr unter Kosten- und Zeitdruck nachgeholt.

Kann, muss noch weiter gespart werden?

Auch die „Mopo“ ist von dem Rückgang der Anzeigen im Krisenjahr nicht verschont geblieben – auch wenn die Einbrüche nicht so drastisch sind wie bei den Abo-Zeitungen. Dazu kommt der Investitionsstau aus den letzten Jahren, der jetzt zügig abgebaut werden muss. Mit anderen Worten: Die Herausforderung wird sein, die Kostenstrukturen so anzupassen, dass sie in Zukunft den dauerhaft zu erwartenden Einnahmen entsprechen.

Wie würden Sie zu einem Verbund der regionalen Boulevardzeitungen in Deutschland stehen, „Mopo“ im Norden, „Express“ im Westen, „Berliner Kurier“ im Osten, „Abendzeitung“ im Süden?

Am nächsten ist uns der „Kurier“ im Osten. Mit den Berliner Kollegen sind redaktionelle Synergien jetzt seit Jahren geübte Praxis, etwa in den Ressorts Panorama, Politik oder Service. Auch mit dem „Express“ gibt es seit diesem Jahr einen intensiven Austausch von Themen und Texten. Mit der „AZ“, die ja bekanntlich kein DuMont-Titel ist, gibt es ebenfalls eine Zusammenarbeit. Die findet allerdings nicht täglich, sondern eher ereignisbezogen statt.

Verglichen mit anderen regionalen Boulevardtiteln wie „Express“ in Köln oder „Abendzeitung“ in München, ist die „Mopo“-Auflage vergleichsweise stabil. Sehen Sie dafür spezifische Hamburger Gründe?

Die „Morgenpost“ hat die jüngste Leserschaft aller Hamburger Tageszeitungen. Und unsere Leser haben eine enge Bindung an das Blatt: Wenn wir aus dem gewohnten Berichterstattungsschema herausgehen, bekommen wir häufig eine Vielzahl von Leserbriefen, zustimmend oder ablehnend. Das ist ein wenig wie in einer großen Familie. Es gibt viele Meinungen, die werden gerne auch lautstark vorgetragen, nicht jeder ist mit jeder Schlagzeile einverstanden. Aber es gibt einen Grundkonsens. Das trägt uns auch in schwierigen Zeiten.

Angeblich soll die „Mopo“ so konzipiert worden sein, dass man die Lektüre während dem Verspeisen einer Currywurst erledigt haben kann. Schon mal selbst ausprobiert?

Das habe ich unlängst auch in einer überregionalen Tageszeitung gelesen. Klingt lustig – und führenden Sozialdemokraten wird ja in der Tat eine starke Affinität zu dieser Art von Fast Food nachgesagt. Aber ich habe so meine Zweifel, ob Gründungschefredakteur Heinrich Braune, als er im September 1949 die Lizenz bei der britischen Militärregierung beantragte, tatsächlich die Currywurst als Maß aller Dinge vor Augen hatte.

Hinweis der Redaktion:

In einer früheren Fassung dieses Artikel war in der Überschrift und im Vorspann zu lesen, die „Hamburger Morgenpost“ würde 2010 einen Relaunch durchführen. Diese Aussage entstand aus einem Missverständnis der autorisierten Antworten Frank Niggemeiers. Mit dem Relaunch und dem neuen Layout hat er lediglich die Website der „Hamburger Morgenpost“ gemeint. Wir bitten, das Missverständnis zu entschuldigen.

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