ProSieben: Vorsicht mit dem Trash!

Womöglich hat ProSieben-Geschäftsführer Thilo Proff seinen Sender in den vergangenen Wochen doch etwas arg vertrashen lassen: mit schnell wieder abgesetzten Clipshows, Promi-Bluescreen-Laberrunden und uninspirierten Konzepten wie "Germany's next Showstars", die nur wenige Zuschauer interessierten. Im Herbst besinnt sich Pro Sieben wieder etwas stärker auf Comedy und Fiction. Mit ganz großen Neuigkeiten spart Proff aber genauso wie der Konkurrent RTL.

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Andererseits: ProSieben kann man nun wirklich nicht vorwerfen, in den vergangenen Jahren nichts Neues ausprobiert zu haben. Da wird für die Zuschauer auch mal ein ruhigeres Jahr in Ordnung gehen. Zumindest wenn Proff die Kurve kriegt und sich das Image nicht mit zu vielen Billigproduktionen ruiniert: „Sommermädchen 2009“, „Giulia in love?!“, „Superspots“, „All about Sex – Promis klären auf“, „Deutschlands schrecklichste…“ – es ist schon erstaunlich, wie viel TV-Trash sich in so einen Sommer stopfen lässt.

Die Planung für den Herbst sieht wieder traditioneller aus – zumindest in der Prime Time. Am Sonntag ist für Nachschub aus Hollywood gesorgt, mit Premieren wie „I Am Legend“, „Casino Royale“, „Die Fremde in Dir“, „Harry Potter und der Orden des Phoenix“, „Transformers“ und „Pans Labyrinth“. Eigenproduzierte Filme laufen derzeit schon am Montag unter dem Motto „Thrill Time“. In den kommenden Wochen wechselt ProSieben dort wochenweise Wiederholungen mit neuen Produktionen ab. Nach „Crashpoint“, „Tornado“ (Wh.) und „Abgrund – Eine Stadt stürzt ein“ folgen demnächst „Tod aus der Tiefe“ und – rechtzeitig zum Beginn der Schweinegrippe-Hochsaison im Herbst – der Viren-Thriller „Faktor 8“. Außerdem werden „Der Bibelcode“ und „Fleisch“ wiederholt. (Irgendwo liegt bestimmt auch noch „Tsunami – Die Killerwelle“ aus dem Jahr 2006 rum.) Flankiert werden die Filme von mehr oder weniger thematisch passenden „Galileo Spezial“-Ausgaben.

Interessant wird vor allem, ob Alexandra Neldels ProSieben-Comeback gelingt: Die tolle Teamworx-Serie „Unschuldig“ floppte im vergangenen Sommer, aber Pro Sieben holt Neldels Figur Anna Winter für eine Spielfilmreihe zurück – jedenfalls wenn „Töte mich wenn du kannst“ am 21. September beim Publikum ankommt. Fürs nächste Jahr hat Geschäftsführer Proff wieder Mystery in Planung: „Gonger II – Das Böse schläft nie“ (das wie eine Parodie klingt, aber keine ist) und „Hepzibah – Sie holt dich im Schlaf“. Na, Hauptsache das versetzt niemanden in Schlaf. Und irgendwann braucht ja auch die zweite Staffel „Fringe“ wieder ein Plätzchen.

Gegen die RTL-Seriendominanz am Dienstag will sich Proff ab 15. September mit Erstausstrahlungen der „Simpsons“ in der Primetime wehren, was am Montag schon mal gut funktioniert hat. Im Anschluss testet ProSieben neue Folgen der bei kabel eins erfolgreichen US-Sitcom „Two and a half men“, danach folgt „Switch“-Parodist Max Giermann mit seiner Soloshow „Granaten wie wir“, am 3. November startet die vierte „Stromberg“-Staffel. Große Hoffnungen dürfte Proff auch in seinen Serienabend am Mittwoch setzen, wo am 16. September „Desperate Housewives“ zurückkehrt und den Neuling „Lipstick Jungle“, eine Art „Sex and the City“-Nachfolger, im Schlepptau hat. Den Donnerstag hat Detlev D! Soost bis Anfang Dezember mit der neuen „Popstars“-Staffel im Griff.

Und am Samstag darf sich in gewohnter Weise Stefan Raab breitmachen, mit drei Ausgaben „Schlag den Raab“, der „TV total Bundestagswahl“ und am 10. Oktober mit einer Neuauflage der „Stockcar Crash Challenge“. Eventuell folgt in diesem Jahr noch ein weiteres Raab-Event. Und im nächsten Jahr darf Raab ja im Wechsel mit der ARD einen deutschen Vertreter für den Eurovision Song Contest casten.

Dass auch Pro Sieben sparen muss, merkt man unter anderem an den vielen Wiederholungen der Eigenproduktionen – gerade laufen dienstags auch die Filmparodien aus dem vergangenen Jahr nochmal (zum Teil aber durchaus mit akzeptablen Quoten). Vier neue „Funny Movies“ sind schon in Planung. Und dann kommt Pro Sieben mit „1001 Nacht“-Neuverfilmungen aus dem Parodieren gar nicht mehr raus, sechs Folgen sollen’s werden. Aber apropos Sparen: Ist das ein Versehen, dass da in der nächsten Woche „Pretty Woman“ aus dem Jahr 1990 im ProSieben-Programm steht – obwohl der Film gerade erst bei Sat.1 gelaufen ist und dort Jahr für Jahr durchgenudelt wird? Oder nudelt ProSieben jetzt regelmäßig mit? Ach, herrjeh.

In der Daytime kommt es sehr darauf an, wie RTL sich in nächster Zeit mit seinen erfolgreich gestarteten Scripted-Reality-Formaten schlägt – und ob dem etwas entgegengesetzt werden muss oder sich „U20“ und „We are Family“ mit ihren gruseligen Doku-Soap-Experimenten behaupten können. Ganz sicher kommt ab 5. Oktober auf dem Sendeplatz um 16 Uhr „Reality Affairs“, für das ProSieben die Bezeichnung „Dokunovela“ erdacht hat, obwohl die Idee erst mal nur nach einer weiteren Real-Life-Doku-Soap klingt, in der die Protagonisten ihre Geschichten selbst erzählen sollen. Und zwar über eine Woche gestreckt. Prima: Das spart Castings. Und den Off-Sprecher. Da klappt’s am Ende auch mit der Rendite.

TV-Kurzcheck: ProSieben

– Die sichere Bank: Der Serienmittwoch – wenn „Desperate Housewives“ genug Schwung mitbringt, um „Lipstick Jungle“ anzuschieben.

– Die Risiken: Der neue Comedy-Dienstag – trotz „Simpsons“.

– Die Tendenz: Große Höhenflüge sind mit dem sanften Sparprogramm für ProSieben in nächster Zeit eher nicht drin. Aber mit ein bisschen Glück gelingt es dem Sender, mit Raabs Grand-Prix-Sondersendungen Anfang 2010 für soviel Aufmerksamkeit zu sorgen, dass sich das auch auf den Marktanteil auswirken wird.

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