Verloren im Interaktiv-Gewitter

"Ihre Wahl! Die Sat.1-Arena" mit Sabine Christiansen und Stefan Aust bot zur Premiere am Sonntagabend gleich eine Traumpaarung für eine politische Talkshow auf: Der schwarze Baron der CSU, Karl Theodor zu Guttenberg, gegen den Chef-Populisten der Linken, Oskar Lafontaine. Dabei zeigte sich nicht nur, dass „Lafo“ seinem schwarzen Widersacher rhetorisch überlegen war, sondern auch, dass die "Wahlarena" eine gute Sendung werden könnte - wenn man mindestens die Hälfte der Elemente aus der Premiere weglässt.

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Die „Wahlarena“ hatte nämlich nicht nur mit Aust und Christiansen zwei profilierte Moderatoren, sondern auch genug Stil-Mittel und Sendungs-Elemente für mindestens fünf bis sechs verschiedene TV-Formate. Das war für eine 60-Minuten-Sendung, die noch dazu von vier Werbepausen unterbrochen wurde, eindeutig viel zu viel.

Vor allem Stefan Aust schien teilweise gar nicht mehr recht zu wissen, wo ihm der Kopf steht, vor lauter Zuschauer-Videos (von Sabine Christiansen hartnäckig als „Webcams“ tituliert), E-Mails, Einspielfilmen, Twitter-Schnippseln und Talk-Runden. Dem Zuschauer schwirrte da erst recht der Kopf. Sowas ist man von der normalen Sonntag-Abend-Einschlafhilfe bei „Anne Will“ gar nicht mehr gewohnt.

Die „Wahlarena“ bei Sat.1 begann straff mit Aust und Christiansen an gläsernen Stehpulten, die versuchten zu Guttenberg zu grillen. Das war einigermaßen gelungen, auch wenn sich der CSU-Baron mit allerlei Sachverweisen stets gewandt den Anwürfen der beiden Moderatoren entzog. Aber immerhin war der Auftakt schon mal um Klassen bissiger und besser als die redenden Köpfe, die man von „Anne Will“ bis „Maybritt Illner“ sonst so in Polit-Shows geboten bekommt.

Nach der ersten Werbepause dann konnte man den Eindruck gewinnen, eine völlig andere Sendung zu sehen. Plötzlich saßen die Beteiligten an einer Art Raumschiff-Enterprise-Tisch und, huch!, Oskar Lafontaine hockte auch dabei. Da rieb man sich erstmal die Hände. Lafo versus zu Guttenberg, moderiert von Aust und Christiansen. Das war vielversprechend.

Leider wurde das mögliche Duell der beiden Polit-Antagonisten verschenkt. Die Macher der „Wahlarena“ packten einfach zu viel rein. Da waren die nervigen und völlig überflüssigen Einspielungen zum „Prinzen“-Sänger Sebastian Krummbiegel, der in der undankbaren Rolle des Vorzeige-Promi-Ossis einige Allgemeinplätze absondern durfte („Ich glaub‘ schon, dass die Krise das Hauptthema ist.“). Dann die permanente Beteiligung des Publikums via SMS, Twitter, Videos und E-Mails, die letztlich nur dazu diente, zu demonstrieren, wie schrecklich interaktiv und modern man bei Sat.1 ist.

Und um die Kindergarten-Frage zu stellen, ob wir eigentlich noch in einem gerechten Land leben, braucht man keine Schalte zu einem Wackel-Video mit einem hornbebrillten YouTube-Nerd. Dann nahm am Science-Fiction-Tisch auch noch die unvermeidliche, betroffene Mittelstands-Bauunternehmerin Platz. Das alles war gut gemeint aber bedeutete letztlich nur eine Zeit- und Ressourcenverschwendung.

Dem Zuschauerinteresse und dem Erkenntnisgewinn wäre mehr gedient gewesen, hätte man sich auf das Duell Lafo gegen zu Guttenberg mit zwei gut vorbereiteten Moderatoren und einigen Einspielfilmen konzentriert. Im Interaktiv-Gewitter aber kam beispielsweise Aust mit scharfen Nachfragen gar nicht Recht zum Zuge. Man muss Sat.1 aber zu Gute halten, dass die „Wahlarena“ bei der insgesamt bisher schwachbrüstigen Konkurrenz die bislang ambitionierteste und letztlich auch interessanteste Wahl-Sendung war. Technisch war die Show perfekt produziert. Wenn man nun großzügig streicht und entschlackt, könnte bis zur Wahl ein richtig knackiges Format daraus werden. Nur, dann ist die Sendung auch schon wieder vorbei.

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