60 Jahre „Mopo“: die unkaputtbare Zeitung

Mit der "Hamburger Morgenpost" ist es wie mit dem kleinen gallischen Dorf. Nach allem, was dem Blatt in den vergangenen Jahrzehnten widerfuhr, dürfte es eigentlich gar nicht mehr existieren: etliche Besitzerwechsel, der Wettbewerb mit übermächtigen Springer-Titeln, oder ein bizarrer Sparkurs unter "Heuschrecke" Montgomery, unter dem sogar die komplette Fotoredaktion abgeschafft wurde. Doch die "Mopo" überlebte alle Experimente, ist wieder profitabel und vermeldete zuletzt sogar ein Auflagenplus.

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Mit der „Hamburger Morgenpost“ ist es wie mit dem kleinen gallischen Dorf. Nach allem, was dem Blatt in den vergangenen Jahrzehnten widerfuhr, dürfte es eigentlich gar nicht mehr existieren: etliche Besitzerwechsel, der Wettbewerb mit übermächtigen Springer-Titeln, oder ein bizarrer Sparkurs unter „Heuschrecke“ Montgomery, unter dem sogar die komplette Fotoredaktion abgeschafft wurde. Doch die „Mopo“ überlebte alle Experimente, ist wieder profitabel und vermeldete zuletzt sogar ein Auflagenplus.

Den energischsten Versuch, das damals heruntergewirtschaftete Boulevardblatt zu sanieren und zu einer starken Metropolenzeitung zu machen, unternahm Ende der 80er Jahre Gruner + Jahr. Der damalige Vorstandschef Gerd Schulte-Hillen hatte die Zeitung 1986 erworben und dem Renommierverlag damit einen Tagestitel am Standort spendiert. Von den Magazin-Journalisten wurde das in der Stadt als „Mottenpost“ verspottete Blatt eher kritisch beäugt. Bis zuletzt blieb die „Mopo“ das Schmuddelkind in der Gruner-Familie.

Schulte-Hillen machte keine halben Sachen: Mit Wolfgang Clement wurde ein prominenter Chefredakteur verpflichtet. Dass dieser parteipolitisch gebunden war, fiel nicht ins Gewicht, schließlich hatte die „Morgenpost“ bis in die 70er Jahre der SPD gehört. Zugleich wurde der Titel gründlich relauncht und auf das Format der österreichischen „Neue Kronenzeitung“ geschrumpft. Um die Redaktion auf Vordermann zu bringen, waren einige Redakteure und Ressortleiter von „Bild“ verpflichtet worden, die den Laden in bester Schlämmer-Manier gründlich aufmischten, letztlich aber daran scheiterten, das alternative Kaufblatt zum „Bild“-Klon zu formen.
Für die Redaktion war der Alltag hart: Man war es gewohnt, sich mit ungleichen Mitteln im Wettbewerb behaupten zu müssen, dazu kamen das schmutzige Papier, der „Kartoffeldruck“, die frühen Schlusszeiten, die knappen Spesenetats. Doch es gab immer wieder Achtungserfolge, die auch bei der Konkurrenz für Wirbel sorgten. Die „Mopo“ war das etwas andere Boulevard-Blatt: kritisch, im Zweifel weiterhin links, mit einem Touch Modernität und Zeitgeist, aber auch anrüchigen Rubriken wie den „Treffpunkten“, in denen das horizontale Gewerbe warb. Es gab ein eigenes Ressort für Pop-Kultur, die erste Umweltseite der Republik, eine wöchentlichen Szene-Führer, und der Kulturchef hatte mal für Fassbinder vor der Kamera gestanden. Und die „Mopo“ hatte oft eine andere Perspektive bei der Themenfindung: Wenn das „Abendblatt“ mit Rathaus-Politik aufmachte, hielt die Mannschaft aus dem roten Backsteinbau in Ottensen schon mal mit einem Enthüllungsbericht über Schimmel in städtischen Sozialwohnungen dagegen.
Die Redaktion war für junge Schreiber ein Durchlauferhitzer. Manche mehr oder weniger steile Karriere wurde hier gestartet, andere blieben einfach bei „der letzten Zeitung vor der Autobahn“ hängen und sind heute noch dort. Als ich dort vor zwei Jahrzehnten zum Volontariat antrat, fragte mich der Chefredakteur, in welches Ressort ich wollte. „Lokales oder Sport“, antwortete ich. Und welches Ressort, fragte er, liege mir überhaupt nicht? „Kultur.“ Ich muss nicht hinzufügen, dass der „Kulturkeller“ meine erste Volo-Station war.
Nachdem Wolfgang Clement 1989 ins Politische zurückwechselte, folgte noch eine Reihe von Chefredakteuren. Unter dem Bayer Ernst Fischer war die Auflage Anfang der 90er Jahre am höchsten (173.000 Exemplare), der Springer-Mann Willi Schmitt wurde schon nach vier Wochen wieder abgelöst, und Mathias Döpfner (ja, genau der) startete 1996 mit großem personellen und finanziellen Aufwand den letzten G+J-Relaunch. Ein Jahr später waren die Millionen weg und die Auflage deutlich abgesackt. Die „Mopo“ war eben auch für Erfolgstypen ein harter Brocken. Döpfner wechselte zur „Welt“, die er mit weitaus mehr Geschick sanierte. Von Wolfgang Clement, dem späteren Ministerpräsidenten und Superminister im Kabinett Schröder, ist der Satz überliefert: „Es ist leichter, ein Land wie Nordrhein-Westfalen zu regieren als die ‚Hamburger Morgenpost'“ zu führen.“ Wohl jeder, ob Volontär oder Chefredakteur, hat bei der „Mopo“ seine persönliche Belastungsgrenze kennengelernt. Nicht immer eine schöne, aber eine lehrreiche Erfahrung.
Als Gruner die Zeitung an Medien-Investoren veräußerte, stellte sich schnell heraus, dass das Blatt durchaus profitabel sein kann, wenn der Overhead des Großverlags wegfällt. Dass die „Mopo“ gegen den Kaufzeitungs-Trend in vergangenen Jahren kaum an Auflage verlor und eine mehr als ordentliche Rendite abwarf, rief am Ende den britischen Mogul Montgomery auf den Plan, der den Titel 2005 zusammen mit dem Berliner Verlag aufkaufte und in der Folge auspresste. Dass die Zeitung sowohl „Monty“ als auch dessen Exekutor und vormaligen „Mopo“-Chefredakteur Josef Depenbrock überlebte, ist angesichts der grotesken Sparmaßnahmen eher verwunderlich. Die „Mopo“ scheint eben unkaputtbar.
Mit dem wirtschaftlichen Niedergang des Montgomery-Imperiums übernahm der Kölner Verlag DuMont auch die Hamburger Zeitung, die unter ihrem seit 2008 amtierenden Chefredakteur Frank Niggemeier, 47, in der IVW zuletzt sogar ein (Mini-)Plus in der Auflage vermelden konnte. Noch ist unklar, welche Pläne die neuen Eigentümer mittelfristig verfolgen. Der Sparkurs der Vergangenheit wurde bislang nicht zurückgedreht, zu Investitionen wie einem neuen Redaktionssystem können sich die Kölner im Krisenjahr bislang nicht durchringen. Verglichen mit anderen Titeln werkelt an der Griegstraße eine Rumpfmannschaft.
Dem Blatt sieht man das nicht unbedingt an. Dass die Zeitung im Mini-Format, wie die „Frankfurter Rundschau“ in dieser Woche schrieb, so konzipiert worden sei, dass die Lektüre exakt so lange dauert wie das Essen einer Currywurst, ist nur eine Legende. Aber eine, die zur „Mopo“ passt. Man kann die Zeitung lesen oder darüber lästern, man kann sie schätzen oder verachten – nur ändern, das haben die Jahre gezeigt, kann man sie nicht. Und das ist irgendwie auch gut so.

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