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Warum Horst Schlämmer nicht lustig ist

Was ist dran an diesem Mann? Alle reden, schreiben, filmen, berichten über Horst Schlämmer. Aber warum? Der Komiker Hape Kerkeling, der als niederländische Königin Beatrix verkleidet vor Jahren einen echten Staatsbesuch heimsuchte und damit seinen persönlichen Humor-Zenith erreichte, spielt mit Horst Schlämmer die fiktive Figur des stellvertretenden Chefredakteurs des ebenso fiktiven „Grevenbroicher Tagblatts.“ Schlämmer ist […]

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Was ist dran an diesem Mann? Alle reden, schreiben, filmen, berichten über Horst Schlämmer. Aber warum? Der Komiker Hape Kerkeling, der als niederländische Königin Beatrix verkleidet vor Jahren einen echten Staatsbesuch heimsuchte und damit seinen persönlichen Humor-Zenith erreichte, spielt mit Horst Schlämmer die fiktive Figur des stellvertretenden Chefredakteurs des ebenso fiktiven „Grevenbroicher Tagblatts.“ Schlämmer ist unrasiert, hat schlimme Zähne, trägt einen alten Trenchcoat, ein Herren-Handtäschchen, er ist aufdringlich, größenwahnsinnig und hat ein Alkoholproblem. Wahnsinnig witzig. Nun geht die Sage um, Hape Kerkeling habe diese Figur entwickelt als Parodie auf Lokal-Journalisten oder Journalisten allgemein. Naja. Man kann nun weiß Gott sehr viel Unangenehmes über die Zunft der Journaille sagen, aber gibt es wirklich solche Horst-Schlämmer-Typen? Ich selbst habe jahrelang für ein Lokalblatt gearbeitet und dort auch volontiert. Da liefen weiß Gott einige seltsame Figuren rum. Aber so eine Type – nie gesehen.

Nun wird weiterhin salbadert, dass wir in der Schlämmer-Figur unsere zivilisatorisch unterdrückte Sau rauslassen würden. Der Schlämmer sei so eine televisionäre Form des Kölner Karnevals. Will heißen: In uns wohnt tief drin das Bedürfnis nach Dornkaat, ungepflegtem Erscheinungsbild, schlimmem Benehmen und hässlicher Kleidung. Vielleicht muss man aus Nordrhein-Westfalen stammen, um das nachvollziehen zu können.

Aber selbst wenn man annimmt, dies alles träfe zu – die Journalisten-Parodie, das subversive Element. Lustig ist der Schlämmer immer noch nicht. Der nuschelt in so einem rheinisch anmutenden Dialekt irgendwas in seinen Fünf- bis Sechs-Tage-Bart und torkelt rum. Medien-Deutschland applaudiert. Jetzt also der Film: „Isch kandidiere!“ Schnell ist bei sowas der Begriff von der Polit-Satire, der Parodie bei der Hand. Dabei ist es in Wahrheit ein Mummenschanz auf Nonstop-Nonsens-Niveau. Für alle spät medial Sozialisierten: „Nonstop Nonsens“ war eine Show mit Didi Hallervorden, die stets einen gespielten Witz enthielt.

Vielleicht ist der Erfolg der Schlämmer-Figur ja mit einer tief sitzenden Humor-Verunsicherung der Deutschen zu erklären. Der Hape ist per se mal lustig, das hat er in der Vergangenheit oft und gut bewiesen. Nun verkleidet er sich als hässliche Type mit ulkigem Dialekt – klar, das muss auch komisch sein. In Ermangelung eines inneren Humor-Seismographen wird also gelacht und applaudiert (am besten rhythmisch), dass dieSchwarte kracht. Die Medien, verkörpert durch Journalisten, müssen die Schlämmer -Figur schon deshalb komisch finden, um selbst nicht als humorlos dazustehen. Immerhin ist der Typ ja angeblich so eine Art Parodie auf den eigenen Berufsstand. Das kaschiert man am besten dadurch, dass man selbst am lautesten lacht und hemmungslos berichtet.

Dass der Hype um Schlämmer vor der Bundestagswahl mit diesem Film nun derartige Wellen schlägt, wer hätte das ahnen können. Hape Kerkeling gibt mittlerweile ja sowas wie eine bundesrepublikanische Fassung des US-Komikers Sacha Baron Cohen. Genau wie Cohen Interviews nur in den Rollen seiner Kunstfiguren Borat oder Brüno gibt, bekommt man Kerkeling derzeit nur noch in der Personifikation der Schlämmer-Figur zu sprechen. Der Unterschied freilich ist, dass Cohen als Borat oder Brüno tatsächlich subversiv und anarchisch ist. Schlämmer ist einfach nur blöd. Dass Hape Kerkeling ausgerechnet mit Horst Schlämmer seine beliebteste Figur geschaffen hat, ist fast tragisch. Hape Kerkeling ist eigentlich viel besser.

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