WELT Online: „Wir kämpfen um den 3. Platz“

WELT Online gehört seit Jahren zu den reichweitenstärksten Angeboten unter den deutschen Nachrichten-Websites. Seit dem Frühjahr verstärkt der frühere "Welt am Sonntag"-Vize Romanus Otte das Internet-Angebot der WELT-Gruppe zusammen mit Oliver Michalsky als Doppelspitze. MEEDIA sprach mit den beiden stellvertetenden Chefredakteuren über die nächste Phase der Integration von Online und Print, das Interesse an Social Media-Inhalten und die Zukunft des Online-Journalismus.

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Herr Otte, Sie sind seit dem 1. April diesen Jahres stellvertretender Chefredakteur von „Welt Online“. Wie fällt Ihre Bilanz der ersten 100 Tage aus?

Romanus Otte: Sehr gut! Wobei es ja auch kein kompletter Neuanfang war. Ich bin im April zu „Welt Online“ gestoßen, habe aber zuvor ja bereits den gemeinsamen Newsroom der WELT GRUPPE/BERLINER MORGENPOST mit aufgebaut. Ich kenne also die Online-Strukturen in unserer Gruppe sehr genau. Als Doppelspitze gehen Oliver Michalsky und ich nun den nächsten Schritt.
Wie sieht der aus?

Romanus Otte: Wir gehen in die nächste Phase der Integration von Online und Print, mit der wir schon 2006 begonnen haben. Beide Mediengattungen sind damals in einem Newsroom ganz eng zusammengerückt, das war ein echtes Novum. Heute erstellen wir wie selbstverständlich journalistische Inhalte für alle Kanäle aus einer Hand, neben Print und Online auch Mobile.

Oliver Michalsky: Konkret heißt das: Insgesamt arbeiten rund 400 Redakteure der „Welt-Gruppe/Berliner Morgenpost“ für unsere Angebote „Die Welt“, „Welt am Sonntag“, „Welt Kompakt“, „Welt Online“ und „Welt Mobil“ sowie „Berliner Morgenpost“ und „Morgenpost.de“. Von ihnen sind lediglich acht Kollegen ausschließlich für die Steuerung von „Welt Online“ verantwortlich. Wir können also sagen: Online- und Print sind zusammengewachsen.

Wie sieht das Zusammenspiel im Redaktionsalltag aus – etwa festgemacht an einem zeitgeschichtlichen Ereignis wie dem Tod von Michael Jackson?

Oliver Michalsky: In der Praxis so, dass Romanus Otte und ich am Tag der Todesnachricht ab Mitternacht in der Redaktion waren (lacht). Im Ernst: Wir hatten in diesem Fall natürlich einen sehr langen Vorlauf. Von den ersten Online-Artikeln bis zum letzten Redaktionsschluss der Zeitung lagen 17 Stunden. Entsprechend vielfältig war bereits unsere Online-Berichterstattung, bevor überhaupt die Print-Fassung angegangen wurde.

Worin unterscheiden sich Artikel zwischen Print und Online generell?

Romanus Otte: Die Zeiten, in denen Artikel in Print ‚wertvoller’ waren als in Online, sind definitiv vorbei. Ein guter Text ist ein guter Text ist ein guter Text! Ein Online-Text mag anderen Kriterien der Aufbereitung unterliegen – das wichtigste Kriterium bleibt immer die Qualität.

Welche anderen Kriterien sind das bei „Welt Online“?

Oliver Michalsky: Online funktioniert die Ansprache der Nutzer eher über die Headline, Optik und Verlinkungen und ist oftmals auch direkter als in Print.

Heißt das, Online-Artikel fallen inzwischen sogar länger aus als in der Zeitung?

Romanus Otte: Das kommt durchaus vor, schließlich gibt es keine Platzbegrenzungen. Außerdem ist es ein Irrglaube, dass lange Texte online nicht gelesen werden. Manchmal bringen wir in der Zeitung kürzere Fassungen von Interviews oder Reportagen und einen längeren Text online . Dazu kommen natürlich noch multimediale Inhalte wie etwa Videos.

Wie wird dieser Online-Mehrwert angenommen?

Oliver Michalsky: Sehr gut. Wir registrieren ein sehr hohes Lese- und gleichzeitig Mitteilungsbedürfnis.

Inwiefern?

Oliver Michalsky: Wir haben sehr aktive Leser, was sich in unseren Nutzerkommentaren widerspiegelt. Als einziges großes deutsches Nachrichtenangebot bieten wir eine offene Kommentarfunktion und setzen stark auf den Dialog. Das bedeutet: Leser haben die Möglichkeit, in Echtzeit auf Artikel zu reagieren. Das wird sehr gut angenommen, manchmal haben wir Hunderte Kommentare auf Geschichten.

Wie zufrieden sind Sie im Allgemeinen mit der Entwicklung von „Welt Online“?

Romanus Otte: Wir haben unsere Offensive im gemeinsamen Newsrooms 2006 begonnen und stetig fortgeführt. Mit der inhaltlichen und technischen Weiterentwicklung unserer Angebote – zum Beispiel dem gerade erfolgten Relaunch von „Welt Mobil“ – haben wir schon viel erreicht. Allerdings wollen und müssen wir jeden Tag besser werden.

Oliver Michalsky: Dabei setzen wir auch weiter stark auf Meinung. Wer hat schon wie wir mit Thomas Schmid einen Chefredakteur, der für vier Marken verantwortlich ist und sich dabei noch Zeit nimmt, selbst regelmäßig zu bloggen?

Und von der Reichweite?

Oliver Michalsky: Wir sind ein journalistisches Portal mit journalistischen Inhalten – und kein Klick-Generierer. Wir wollen in erster Linie durch qualitativ hochwertige journalistische Inhalte überzeugen und wachsen. Auf unserer Website finden Sie täglich so viele aktuelle eigene Artikel wie bei keinem anderen Qualitätsnachrichtenangebot.

Im Juni konnten Sie 21 Millionen Visits und rund 180 Millionen Page Views ausweisen – unter den redaktionellen deutschen Nachrichtenangeboten rangieren Sie damit nach Bild.de, Spiegel Online und inzwischen stern.de auf Platz vier. Sind Sie damit zufrieden?

Romanus Otte: Wir kämpfen um den dritten Platz hinter den Marktführern Spiegel Online und Bild.de. Das ist unser erklärtes Ziel.

Eine Möglichkeit dazu wäre, verstärkt auf Social Media-Anwendungen zu setzen, die Traffic generieren. Was haben Sie hier vor?
Oliver Michalsky: Soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter, Xing oder StudiVZ sind mehr als ein Zeitgeist-Phänomen, weswegen wir uns auch aktiv dort beteiligen. Nur einige aktuelle Beispiele: @Welt Kompakt ist einer der beliebtesten Medien-Tweeds. Wir selbst twittern wie andere Ressorts ebenfalls direkt aus dem Newsroom.

Und Sie beide twittern als stellvertretende Chefredakteure auch noch.

Oliver Michalsky: Absolut. Romanus sogar noch mehr als ich.

In gewisser Weise in der Experimentierphase befindet sich die ganze Verlagbranche bei ihrer Suche nach einem tragfähigen Geschäftsmodell im Internet. Wie kann man mit journalistischen Inhalten im Internet endlich Geld verdienen?

Oliver Michalsky: Das wäre eine Frage an die Verlagsgeschäftsführung. Wir Journalisten sorgen für erstklassige Inhalte.

Aber die Frage muss gestattet sein: Die Schere zwischen Online und Print ist immer noch sehr groß: Online wächst zwar, doch der Markt für Online-Werbung nach immer noch nur einen Bruchteil der Print-Erlöse aus, die in der Krise massiv wegbrechen. Wie lange kann das gut gehen?

Romanus Otte: Aus publizistisch-journalistischer Sicht gibt es keine Schere – alle Medienkanäle bauen immer mehr aufeinander und ergänzen sich optimal.

Ein Hauptkritikpunkt, der von Verlagsseite – wie etwa jüngst von Hubert Burda – zu hören ist, ist der Vorwurf, Google würde den Inhalte-Anbietern Traffic – und damit Werbe-Erlöse klauen. Stimmen Sie zu?

Oliver Michalsky: Aus redaktioneller Sicht kann ich dazu nur sagen: WELT ONLINE hat durch Google an Wahrnehmung, also auch an Reichweite gewonnen.

Trotzdem ächzt die Medienbranche weiter schwer unter den Auswirkungen der epochalen Wirtschaftskrise, die vor allem die Print-Branche schwer trifft. Erleben wir in diesen Tagen den großen Zusammenbruch der Print-Branche zugunsten von Online.
Romanus Otte: Klares Nein. Natürlich ist der Siegeszug von Online nicht aufzuhalten. Gleichzeitig bin ich aber auch davon überzeugt, dass wir in zehn Jahren noch gedruckte Produkte lesen und kaufen werden

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