Die Nische als Zukunft der Zeitung

Es geht mal wieder um nichts weniger als die Zukunft der Zeitung. Diesmal mischt sich der US-Medienforscher Umair Haque in die Diskussion ein. Haque ist Direktor des Havas Media Lab, einer Forschungseinheit des französischen Werbe-Netzwerks Havas. Haque schrieb einen Blog-Beitrag für Harvard Business Publishing, in dem er den geplagten Zeitungs-Verlegern die Leviten liest und seinen Ausweg aus der Zeitungskrise weist: Zeitungen müssten zu Nischen-Anbietern, "Nichepapers", werden.

Anzeige

Es geht mal wieder um nichts weniger als die Zukunft der Zeitung. Diesmal mischt sich der US-Medienforscher Umair Haque in die Diskussion ein. Haque ist Direktor des Havas Media Lab, einer Forschungseinheit des französischen Werbe-Netzwerks Havas. Haque schrieb einen Blog-Beitrag für Harvard Business Publishing, in dem er den geplagten Zeitungs-Verlegern die Leviten liest und seinen Ausweg aus der Zeitungskrise weist: Zeitungen müssten zu Nischen-Anbietern, „Nichepapers“, werden.

Medienforscher Haque beginnt seine Ausführungen mit einer Analyse zur strukturellen Krise der Gattung Tageszeitung. Nicht Journalisten hätten die Zeitungen des 20. Jahrhunderts profitabel gemacht, sondern die Leser. „Zeitungen des 20. Jahrhunderts waren niemals so außergewöhnlich profitabel wegen dem, was sie geschrieben haben. Es war die Dynamik des Kleinanzeigen-Monopols, das die massiven Renditen befeuert hat.“ Die Struktur der Zeitung des 20. Jahrhundert sei nun nicht länger fit für das 21. Jahrhundert. „Die Herangehensweise von gestern an Nachrichten schafft keine Bildung, keine Aufklärung und keine Information. Die Vierte Gewalt befindet sich in einem Stadium der Auflösung. Die Nachrichten-Industrie selbst hat Nachrichten in einem sich wiederholenden Abwärts-Wettlauf zur Massenware degradiert. Es ist an der Zeit für eine bessere Form von Nachrichten.“

Diese „bessere Form von Nachrichten für das 21. Jahrhundert“ nennt Umair Haque Nichepapers. Diese sind nach seiner Definition Marktführer in einem eng definierten Feld, seien es Finanzen, Politik oder Entertainment.

Was Nichepapers auszeichnet:

– Wissen, nicht Nachrichten: Zeitungen wollen ihren Lesern Nachrichten vermitteln, Nichepapers wollen bedeutungsvolles, lange gültiges Wissen vermitteln.
– Themen, nicht Artikel: Nichepapers entwickeln Themen anstatt schnell erzählter und schnell vergessener Geschichten.
– Einzigartigkeit statt Auflage: Zeitungen streben nach Auflage, indem sie die immergleichen Geschichten in immergleicher Weise erzählen. Nichepapers streben nach Einzigartigkeit, indem sie eine Perspektive entwickeln, analysieren und Erzählstrukturen finden, die von Konkurrenten nicht nachgeahmt werden können.
– Provokation, nicht Perfektion: Zeitungen suchen die Perfektion in Grammatik, Einleitungen, Überschriften. Nichepapers suchen stattdessen die Provokation, manchmal auch die Provokation zum Selbstzweck.
– Aufgaben, nicht Technik: Nichepapers kümmern sich nicht um Technik. Sie nutzen Blog, Videos, Wikis, Twitter oder lange Artikel. Oder alles gleichzeitig. Je nachdem, was für eine Aufgabenstellung am besten geeignet ist.

Haque nennt dann auch einige Beispiele für Online-Angebote, die seiner Definition von Nichepapers entsprechen: Die Nachrichten- und Politiksite Talking Points Memo, den Promi-Blogger Perez Hilton, Business Insider und die Huffington Post.

Nichepapers sind laut Haque überlegen, weil sie ökonomischer arbeiten als traditionelle Zeitungen: „Nichepapers bieten mehr fürs Geld: größerer Nutzen bei weit geringeren Kosten. Leser bekommen mehr, besseren und schnelleren Content. Verleger brauchen weniger Kapital, haben geringere Vertriebs-, Marketing- und Produktionskosten und damit ein geringeres Risiko.“ Und so gut wie keine Einnahmen, könnte man hinzufügen.

Die Analyse von Haque mag auf den ersten Blick bestechend wirken. Sie ist aber nicht in allen Punkten schlüssig und spart wesentliche Probleme aus. Zunächst einmal entsprechen die von ihm aufgeführten Beispiele für Nichepapers nicht alle seinen eigenen Definitionen. Das Web-Angebot „Huffington Post“ beispielsweise ist thematisch extrem breit gefächert und beschränkt sich keineswegs auf eine Nische oder ein eng definiertes Themenfeld.

Der wichtigste Einwand aber, den man Haque entgegenhalten kann, ist, dass er sich zwar um das Publikum und die Machart von Nachrichten kümmert, sich dabei aber aufs Web beschränkt und die Erlösseite komplett ausblendet. Mit seinen Methoden schafft man es vielleicht, eine elegante Web-Präsenz hinzulegen. Wie man damit aber Geld verdienen kann, das bleibt die große Frage, die er nicht im Ansatz aufgreift. Auch Medien außerhalb des Webs werden von ihm ausgeblendet. Welche Lösungsansätze gibt es für die Anbieter von Print-Produkten, vulgo: Verleger und Betreiber von TV- und Radiostationen, mit den strukturellen Veränderungen der Branche umzugehen? Wie sieht es mit dem Spannungsfeld zwischen unabhängiger Berichterstattung und kommerziellem Druck durch Werbung aus? Was ist mit Bezahl-Inhalten, wo können sie Sinn ergeben, wo nicht? Wie müssen sich Offline-Medien im digitalen Wandel ändern? Was ist von Stiftungs-Modellen oder öffentlichen Geldern für Medienbetriebe zu halten? All dies bleibt bei Haque unbeantwortet. Nach wie vor gilt: Das Web ist toll, das Web ist wichtig – das große Geld verdienen Medienunternehmen aber, zumindest derzeit noch, woanders.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige