„Wir sind keine Verschlussache“

ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender stört sich nicht an der teils massiven Kritik am neuen ZDF-Nachrichtenstudio. Im Interview mit MEEDIA erklärt er, Kritik sei geradezu erwünscht gewesen. Das neue Studio sei im Vergleich zum alten wie der Umstieg von einem Auto zu einer Mondrakete. Das geschlossene Internet-Forum, in dem über das neue Studio diskutiert wurde, will Brender nach einer gewissen Zeit wieder öffnen. Brender: "Wir sind ein öffentlich-rechtliches Unternehmen und keine Verschlusssache."

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Waren Sie von der starken Resonanz auf das neue Nachrichtenstudio im Online-Forum von „heute.de“ überrascht?

Nein, ich war überhaupt nicht überrascht. Wenn in einem Wohnzimmer Sessel und Stühle verrückt werden und neue Bilder an die Wand kommen, dann ändert sich das ganze Wohngefühl. Nachrichtenstudios sind für viele Zuschauer eine Art Wohnzimmer. Sie haben sich an die Moderatoren und das Interieur gewöhnt. Der Zeitpunkt der Veränderung ist immer ein Irritations-Höhepunkt. Mit einer starken Reaktion haben wir durchaus gerechnet.

Warum wurde das Forum „stumm“ geschaltet? Man kann die Beiträge dort zwar nach wie vor lesen, aber nichts neues mehr schreiben.

Zunächst einmal haben wir uns geöffnet und Kritik zugelassen, ja Kritik war sogar ausdrücklich erwünscht. Im Vergleich zu allen anderen Sendern haben wir sehr transparent gearbeitet. Nennen Sie mir bitte einen Sender, der so offen mit der Veränderung seiner wichtigsten Sendung umgeht. Oder nennen Sie mir eine Tageszeitung, die sich nach einer Format-Umstellung auf eine solche Diskussion eingelassen hat. Als sich dann nach einer gewissen Zeit die Kritiken in Inhalt und Form wiederholt haben, haben wir entschieden, erst einmal die kritischen Punkte aufzunehmen und uns an die Korrektur zu machen. Wenn die Veränderungen auf dem Schirm sichtbar sind, laden wir erneut zur Forumsdiskussion ein. Vielleicht hätten wir dieses Verfahren deutlicher machen müssen.

Stört sie die harte, manchmal unverschämte Art, wie einige Zeitgenossen im Internet anonym ihre Meinung äußern?

Wer sich einem Forum öffnet, muss damit rechnen, dass die Umgangsformen dort nicht immer perfekt sind. Das ist ja nichts Neues. Es ist ja nicht das erste Forum, in dem es hart zur Sache geht und in dem teilweise auch unfair argumentiert wird. Im Internet geht man nun mal so miteinander um, ob einem das gefällt oder nicht. Es gibt zum Glück aber auch eine Reihe von sehr vernünftigen Vorschlägen. Wir sind im Übrigen ein öffentlich-rechtliches Unternehmen und keine Verschlusssache.

Der fundamentalste Einwand scheint mir zu sein, dass die virtuellen Spielereien des neuen Studios keinerlei Erkenntnisgewinn bringen, sondern eher ablenken. Was sagen Sie dazu?

Wir starten mit einer völlig neuen Form des visuellen Erklärens. Aber auch wir müssen das erst erlernen, denn es gibt bislang dazu kein Vorbild in Nachrichtensendungen weltweit. Simulationen alleine bringen da nichts. Nur der reale Nachrichtentag führt zu einem nachprüfbaren Ergebnis.

Aber RTL hat schön länger ein virtuelles Nachrichtenstudio, in dem auch an 3D-Modellen Sachverhalte erklärt werden. Würden Sie das, wenn nicht als Vorbild, so doch als Vorläufer des neuen ZDF-Studios gelten lassen?

Weder Vorbild noch Vorläufer. Sowohl von der Nachrichtenphilosophie wie von der virtuellen Technik lassen sich RTL-Sendungen mit ZDF-Nachrichtensendungen nicht vergleichen. Das neue ZDF-Nachrichtenstudio ist in seiner Form bisher einmalig. Manche im Netz hatten unsere Erklärgrafik zum Atomkraftwerk Krümmel als sinnlos kritisiert. Viele Zuschauer haben sich aber gerade dazu gemeldet und gesagt, dass sie jetzt erst richtig verstanden hätten, wie ein Atomkraftwerk funktioniert bzw. nicht funktioniert. Die Rezeption ist also völlig unterschiedlich. Das Ziel eines solchen Erklärraums ist, schwierige Sachverhalte gerade auch zu politischen, sozialen und wirtschaftlichen Themen deutlicher zu machen. Zum Beispiel welche Auswirkung die Demografie auf die Rentenentwicklung hat. So etwas wird viel schwieriger zu visualisieren sein als die technische Funktionsweise eines Atomkraftwerks oder das Abenteuer einer Mondlandung.

Gab es neben dem Internet auch andere Reaktionen?

Wir haben eine begleitende wissenschaftliche Untersuchung zum neuen Studio durchführen lassen. Die überragende Anzahl, beinahe drei Viertel aller Befragten, finden die Veränderungen gut und sind zufrieden. Unser eigentliches Ziel, das wir mit dem neuen Studio erreichen wollen, nämlich Nachrichten verständlicher zu machen, wird von einem Großteil der Zuschauer akzeptiert. Dem sind wir also in den ersten Tagen durchaus näher gekommen. Das ist das Allerwichtigste – Diskussionen im Netz hin oder her.

„heute journal“-Moderator Claus Kleber sagte im „Tagesspiegel“, dass er die Übergänge von Moderationen zu den erklärenden Elementen noch nicht voll im Griff hat. Überfordert das Studio die Moderatoren?

Wenn Sie mit Ihrem Auto selbst jeden Tag von München nach Augsburg fahren, dann kennen Sie jeden Stein auf der Strecke. Der Betrieb des neuen Nachrichtenstudios ist im Vergleich dazu eine Reise zum Mond. Da ist es klar, dass Moderatoren, Techniker und Redakteure sich erst an die neue Reiseroute und das Reisefahrzeug gewöhnen müssen. Das alte Studio war im Vergleich zum neuen ein lauter, heißer, altertümlicher Maschinenraum. Natürlich haben wir vor dem Start wochenlang simuliert und geübt. Wie bei der Mondfahrt aber ist die Reise erst gelungen, wenn die Astronauten auch sicher gelandet sind. Aber das gelingt mehr und mehr. Die Moderatoren werden immer sicherer.

Würden Sie ein „heute“-Blog in Erwägung ziehen?

Im Nachrichtengeschäft haben wir zur Zeit genug zu tun. Das fordert alle Kräfte. Wir wollen interaktive Nachrichten online machen. Die Diskussionen werden dann an den Nachrichten selbst aufgehängt. Da kann ein Gespräch von Nutzern und Redaktion zustande kommen. Aber ein eigenes Blog ist nicht geplant.

Ein Fall, wie gerade bei der ARD, als eine Meinungsverschiedenheit zwischen „Tagesschau“-Chef Kai Gniffke und Ulrich Deppendorf via Internet öffentlich geführt wurde – schadet so etwas dem Ansehen der öffentlich-rechtlichen Nachrichten oder nützt es der Transparenz?

Ich habe nie etwas gegen öffentliche Diskussionen. Man sollte aber darauf achten, mit solchen Diskussionen nicht von der Hauptsache unseres Jobs abzulenken, nämlich gute Nachrichten zu machen. Aber ich will meine Kollegen nicht kritisieren.

Sie sind beim ZDF auch für den Sport zuständig. Laut ARD-Teamchef Radsport Roman Bonnaire erlaubt der bis 2011 datierte Vertrag mit dem Tour-Veranstalter Amaury Sports Organisation auch die Rückkehr zum alten, längeren Format. Die Quoten der kurzen Beiträge von ARD und ZDF zur Tour waren nun nicht besonders gut. Dies alles hat Spekulationen befeuert, ARD und ZDF könnten bald wieder zur alten, umfangreichen Live-Berichterstattung der Tour zurückkehren. Ist das denkbar?

Ich weiß nicht, wer sowas verzapft. Bevor irgendetwas an der Form der Tour-de-France-Berichterstattung verändert wird, müssen sich ARD und ZDF zusammensetzen und das besprechen. Jetzt eine Veränderung anzuregen halte ich für verfrüht. Warten wir doch erst mal ab, wie die Tour de France 2009 auch in Sachen Doping endet. In der Regel ist es ja nicht so, dass die Schlagzeilen darüber mit dem Zieleinlauf in Paris ein Ende haben. Es wird eine ausführliche Analyse der aktuellen Tour geben, und zwar in programmlicher und sportlicher Hinsicht. Und auch mit Blick auf das Thema Doping.

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