Im Hyperraum der Mainzelmännchen

Der Kontrast könnte größer kaum sein. Eben liefen noch die Mainzelmännchen und Reklame für Wadenkrampf-Mittel und Alexandra CDs ("Zigeunerjunge"). Im nächsten Moment wurde "heute"-Moderator Steffen Seibert ins Bild gezoomt, dass man nach seinen Motion-Sickness-Pillen greifen mochte. Das neue, höchst virtuelle ZDF-Nachrichtenstudio feierte am Freitagabend eine pannenfreie Premiere und durfte durchaus beeindrucken. Ob der virtuelle Budenzauber auch ein Mehr an Infos bringt, muss sich zeigen.

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Es wurde gezoomt, geschwenkt, rein- und wieder rausgefahren, dass es den über 60-jährigen ZDF-Zuschauern vorkommen konnte, sie seien in eine TV-Achterbahn geraten. Das neue Nachrichten-Studio des ZDF isthypermodern und da zeigt man gerne, was man hat. Korrespondenten wurden rein und rausgezoomt . Bei einem Filmbeitrag rauscht die Kamera an Moderator Seibert vorbei geradezu ins Bild hinein. Schon zu Beginn, beim Vorspann, wird ein Effekte-Feuerwerk abgebrannt, wie wenn der Rasende Falke aus „StarWars“ in den Hyperraum beschleunigt.

Es war am Freitagabend die erste Sendung mit neuer Technik und da ist es nur verständlich, dass das ZDF zeigen wollte, was alles geht. Und es geht eine Menge. Beim Bericht über die Terror-Anschläge inJakarta rauschte das Bild aus dem All regelrecht in die Satellitenfotos vom Ort des Geschehens rein. Google Earth lässt schön grüßen. Bei einem so genannten Erklärstück stellte sich Steffen Seibert neben ein 3D-Modell des Pannen-Atomkraftwerks Krümmel und zeigte mit de Fingern mal hierhin, mal dorthin. Auch eine Kuchengrafik zu den Koalitionsproblemen im Kieler Landtag wurde nun neben Seiberts Kopf projeziert, was dem Moderator Gelegenheit gab, ein wenig mit der Hand darüber herumzufuchteln.

Das alles sah fantastisch und extrem modern aus. Und es funktionierte auch. Die Farbgebung mit dem vielen Hellblau soll wohl klar wirken. Tut sie auch. Die helle Farbe gibt dem ganzen Studio aber auch eine unterkühlte Atmosphäre. Und der riesige Tisch, an dem die beiden Moderatoren stehen wirkt so fremdartig, als stamme er aus dem Raumschiff aus „Independence Day“ direkt ins ZDF-Studio runtergebeamt worden. Man muss das ZDF dafür loben, dass in der „heute“-Sendung nicht ein Beitrag in eigener Sache gebracht wurde. Ein Privatsender hätte hier womöglich gerne mit seinen Möglichkeiten geprotzt. Seibert sagte am Ende lediglich, dass es sich um die erste Sendung aus dem neuen Studio gehandelt habe. „Ich hoffe, es gefällt ihnen schon jetzt oder sie geben uns und sich noch ein bisschen Zeit, sich daran zu gewöhnen“, sagte er. Sympathisch bescheiden.

Diskutiert werden konnte im Anschluss im Internet bei heute.de. Die Kommentare reichen von „absolute Klasse, bin begeistert“ über „künstlich und gewöhnungsbedürftig“ bis zu „Spielwiese für unausgelastete Technikfreaks“. Öfter war die Beschwerde zu lesen, dass die neuen Beschriftungen schwer zu lesen seien. Merke: Nicht jeder ZDF-Gucker hat einen HD-Großbildschirm daheim an der Wand hängen. Aber die Schelte hätte schlimmer ausfallen können. In Summe begeistert sind die Zuschauer ja selten, wenn sich was ändert. Die Premiere war jedenfalls gelungen. Gut möglich, dass die ZDF-Macher aber bald merken werden, dass die Güte einer Nachrichtensendung nicht von rotierenden 3D-Modellen und der Anzahl der Kameraschwenks pro 20 Minuten abhängt, sondern vom Handwerk der Journalisten. Bald schon wird man sich an das virtuelle Brimborium gewöhnt haben und sich nicht mehr von den eigentlichen Nachrichten ablenken lassen. Und das ist eine gute Nachricht.

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