Datenlecks, Textpiraten, Allzweckwaffen

Ein vertraulicher Brief des NRW-Regierungssprechers an "Focus"-Chef Helmut Markwort war plötzlich gar nicht mehr vertraulich. Internet-Darling Twitter musste mit ansehen, wie seine Interna genüsslich von dem US-Blog "TechCrunch" ausgebreitet wurden, die dpa will ihren Kunden den Kampf gegen Text-Piraten erleichtern und bietet ein Programm mit dem furchterregenden Namen Attributor zur Piraten-Jagd an. Und Allzweckwaffe Jörg Pilawa ist immer noch nicht beim ZDF. Lange kann es nun aber wirklich nicht mehr dauern.

Anzeige

Wer auch immer den Brief des NRW-Regierungssprechers Hans-Dieter Wichter an „Focus“-Chef Helmut Markwort weitergereicht hat – er oder sie hat für einen aufschlussreichen Einblick in den Medienbetrieb gesorgt. Zu Erinnerung: „Focus“ berichtete in seinem NRW-Teil kritisch über die Sparmaßnahmen von „WAZ“-Chefredakteur Ulrich Reitz. Daraufhin schrieb Wichter höchst vertraulich an Markwort, dass dieser Bericht für Irritationen gesorgt habe und bat um Klärung. Ganz nebenbei wurden die Anzeigen erwähnt, die das Bundesland in jenem Sonderteil schaltet. Nun hat die „Frankfurter Rundschau“ notiert, dass es in der NRW-Regierung sogar einen eigenen Etat für den „Focus“-NRW-Teil gibt, und zwar unter dem Stichwort „Standortwerbung“. Wir haben es also offenbar mit einer Art Medien-Missverständnis zu tun. Die Leute in der NRW-Regierung dachten offenbar, es handelt sich bei den NRW-Seiten im „Focus“ um eine verkappte Anzeigen-Sonderveröffentlichung. Beim „Focus“ dagegen dachte man offenbar, man könne einen ganz normalen Bericht schreiben. Ganz schön peinlich für den NRW-Regierungssprecher. Aber auch Helmut Markwort dürfte die Sache nicht angenehm sein. Die SPD jedenfalls schäumt und fordert Aufklärung im Landtag. Mal sehen, was dabei herauskommt. Übrigens: Den Regierungsbrief im Wortlaut hat ein Weblog veröffentlicht, das Düsseldorf-Blog. Nur mal so am Rande erwähnt, falls mal wieder jemand sagt oder schreibt, Blogs würden ausschließlich aus Printmedien abschreiben.

Ein weit größeres Datenleck als die Landesregierung in NRW musste der Microblogging-Dienst Twitter verkraften. Ein Hacker schickte rund 310 vertrauliche Dokumente an das US-Tech-Blog TechCrunch. Darunter Protokolle von Bewerbungsgesprächen, Telefon-Mitschriften, Rechnungen, eine Ausschreibung für eine Twitter-TV-Sendung, Finanz-Prognosen usw. TechCrunch zeigte sich verantwortungsbewusst und veröffentlichte nur die Teile der gehackten Twitter-Dokumente, die Nachrichtenwert besaßen. Vertrauliche Infos, die Personen schädigen konnten, wie die Protokolle von Bewerbungsgesprächen, blieben unter Verschluss. So erfuhr die Öffentlichkeit z.B., dass Twitter im dritten Quartal 2009 erstmals mit 400.000 Dollar Umsatz rechnet. Ende 2010 soll der Twitter-Umsatz dann bereits jährlich bei 140 Mio. Dollar liegen. Nach Schätzungen vom Februar wohlgemerkt. Wo das Geld herkommen soll, wird auch erklärt: Kommerzielle Twitter-Accounts, Such-Anzeigen, eine Art Twitter-Version von Googles Adsense-Programm und Bezahl-Dienste. TechCrunch hat den Scoop natürlich weidlich ausgenutzt und eine ganze Reihe („Twitter Confidential“) daraus gemacht. Alles ganz schön interessant und wieder ein eindrucksvoller Beleg dafür, dass Weblogs auch eigene Inhalte liefern, und dass sich Twitter Gedanken seine Datensicherheit machen sollte.

Kurzarbeit, wohin man blickt. Während das in Krisenzeiten beliebte Instrument in der Industrie gang und gäbe ist, ist Kurzarbeit im Mediensektor noch ein recht ungewöhnliches Phänomen. Der Hamburger Jahreszeitenverlag will jetzt wegen drastischer Anzeigenrückgänge Kurzarbeit einführen. Bereits im Frühjahr hat die Axel Springer AG für die Wirtschafts-Titel des Tochterunternehmens Financial Media Kurzarbeit eingesetzt. Im produzierenden Gewerbe ist der Sinn der Kurzarbeit leicht verständlich. Es gibt weniger Aufträge, also auch weniger Arbeit. Darum: Kurzarbeit, die vom Staat gefördert wird. Schnurrt die Konjunktur wieder, wird die Kurzarbeit beendet und keiner musste entlassen werden. Soweit die Theorie. Bei Medienhäusern, so hieß es zumindest früher immer, geht das so nicht, weil der größte Teil der Arbeit gleich bleibt, auch wenn die Umsätze sinken. Zwar füllen die Redakteure eventuell weniger Seiten, da weniger Anzeigen geschaltet werden. Aber bereits zu Boom-Zeiten wurden große Teile der Texte ja von freien Journalisten zugeliefert. Wenn es finanziell klamm wird, kommt auf Festangestellte in der Regel eher mehr Arbeit zu, weil die Budgets für Freie als erstes zusammengestrichen werden. Außerdem kämpfen die Medien nicht nur mit einer Konjunkturdelle, sondern mit einem Strukturwandel. Das Einführen von Kurzarbeit bei Medienhäusern hat was vom Prinzip Hoffnung.

Die dpa bringt ihre schärfte Waffe im Kampf gegen die grassierende Text-Piraterie im Internet in Stellung: den Attributor. Dabei handelt es sich keineswegs um einen Spoiler-bewehrten Rennwagen, der sich bei Bedarf in einen waffenstarrenden Kampf-Roboter verwandelt. „Hier spricht der dpa-Attributor! Widerstand ist zwecklos!“ BUMM BUMM BUMM. Obwohl der lustige Name das nahelegt. Nein, der Attributor ist ein Programm, das angeblich über 35 Mrd. Websites automatisch nach urheberrechtlich geschützten Texten absucht. Die dpa hat sich die exklusiven Vertriebsrechte für Deutschland, Österreich und die Schweiz von der us-amerikanischen Attributor Corporation gesichert. Und was passiert, wenn der Attributor einen Textdieb gefunden hat. Vielleicht ist die Idee mit diesem waffenstarrende Robotor doch nicht so blöd…

Bleiben wir beim Thema Waffen. Der Wechsel der ARD-Allzweckwaffe Jörg Pilawa zum ZDF ist immer noch nicht offiziell. Hinter den Kulissen wird mittlerweile aber fest davon ausgegangen., dass der Wechsel stattfindet. Zu groß wäre der Gesichtsverlust für ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut, da das Tauziehen um Pilawa mittlerweile durch diverse Medienberichte öffentlich geworden ist. Auch dürfte es dem ZDF bei einer Absage schwerer fallen, einen neuen Kandidaten zu finden. Jedem, der dann gefragt wird wäre klar, dass er nach Pilawa nur die zweitliebste Wahl der Mainzel-Männer ist. Für Pilawa ist das Gezerre um seine Person nur von Vorteil. Er kann sich zurücklehnen, abwarten und am Ende vielleicht einen noch besseren Vertrag rausschlagen. Und die ARD kann schon mal vorsichtshalber an einer entsprechenden Pressemitteilung feilen. Formulierungsvorschlag: „Ohne Jörge Pilawa geht die ARD nicht unter.“ Irgendwas in dem Stil.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige