Hässliches Gezwitscher um Lobofone

Sascha Lobo und weitere Web-Promis haben für die neue Vodafone-Kampagne ihre Köpfe hingehalten. Und von der Community ordentlich was übergebraten bekommen. Beschimpfungen füllten die Kommentar-Spalten. Na bitte, funktioniert doch, mag der Vodafone-Werber da denken. WAZ-Mann Christian Nienhaus hat eine "U-Bahn Zeitung" angekündigt. Doof nur, dass es in NRW gar keine richtige U-Bahnen gibt. Und Verleger sehen offenbar nur noch einen Weg aus der Krise. Google soll ihnen Geld geben. Nur, warum eigentlich?

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Eine Werbung hielt in dieser Woche die deutsche Web-Welt in Atem. Vodafone startete eine neue Werbekampagne, bei der unter anderem einige in der Szene bekannten Web-Persönlichkeiten als Testimonials verpflichtet wurden. Twitter-König Sascha Lobo, Blog-Verkäufer Robert Basic, Bloggerin Ute Hamelmann oder der Sieger von YouTubes Secret Talent, Sven Gurrath. Dazu gibt es eine Website, die so heißt, wie der Claim: „Es ist Deine Zeit“. Dazu noch ein Blog und einen Facebook-Account über den die Pressekonferenz sogar kommentierbar übertragen wurde. Nix allzu Revolutionäres also, aber auch nicht ganz so Steinzeit wie viele Web-Kommentatoren tun. Falls die Marketing-Menschen bei Vodafone und der verantwortlichen Agentur Scholz & Friends dachten, dass die Community vor Begeisterung „Hurra“ schreit, gab es im Anschluss an die Präsentation womöglich lange Gesichter. Seitenlang konnte man sich durch ätzende und hämische Kommentare klicken. Böses Gezwitscher über Vodafone bei Twitter wurde ratzfatz zum neuen Volkssport.

Warum eigentlich? Die Kampagne ist nicht besser oder schlechter als Vieles, was sonst so in der Werbung zu sehen ist. Dass die Testimonials von der breiten Masse nicht erkannt werden, muss kein Hindernis für einen Erfolg sein. Dafür haben Lobo und Konsorten sicher auch keine David-Beckham-mäßigen Saläre eingestrichen. Die Web-Gemeinde hat sie jedenfalls erkannt und schäumt auf Knopfdruck. Die Vermutung liegt nahe, dass sich da einiges an Neid und Missgunst Bahn bricht. Vor allem Hahnenkamm-Träger Lobo bekommt in Kommentaren reichlich Fett ab. Der zur Kampagne gehörige Clip mit der Musik von David Bowie („Heroes“) ist emotional und gut gemacht, trotz oder vielleicht sogar wegen der teils extrem schrägen Gesangseinlagen der Testimonials (am schlimmsten ist dieser Ragnar Sólberg). Und wie so oft in solchen Fällen, wenn sich viele Leute ganz furchtbar erregen: Alle reden drüber, alle machen mit – in Blogs bei Twitter, bei Facebook. Die Scholzens und ihre Freunde können also ganz cool zu ihrem Kunden Vodafone gehen und sagen: Guckt mal, funktioniert doch!

Ob WAZ-Geschäftsführer Christian Nienhaus öfters im Verbreitungsgebiet seiner Zeitungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist? Es scheint nicht so. Im Interview mit der Marketing-Fachzeitschrift „Horizont“ verkündete er, das Konzept für eine „U-Bahn Zeitung“ für Nordrhein-Westfalen in der Schublade zu haben. Könnte noch dauern, bis das Blatt kommt. Denn wie der Düsseldorfer Thomas Knüwer via Twitter korrekt angemerkt hat: Es gibt in NRW keine echte U-Bahn. Diese Wägelchen, die in Städten wie Köln und Düsseldorf ab und an unter die Erde rumpeln, sind im Prinzip aufgemotzte Straßenbahnen. Die einzigen deutschen Städte mit echten U-Bahn-Strecken sind Berlin, München und Hamburg. In der Hansestadt ist es aber ja bekanntlich zum Teil eine Hochbahn. Aber gut, man weiß ja, wie Nienhaus es gemeint hat. Er meinte gewiss eine urbane Pendlerzeitung, die gerne in Bus und Bahn gelesen wird. „U-Bahn Zeitung“ klingt halt urbaner und cooler als „Straßenbahn-Postille“.

Ganz und gar nicht bewegen will sich offenbar RTL. Der Marktführer unter Deutschlands Privatsendern scheint in eine Art Schockstarre verfallen zu sein. Den Eindruck gewinnt man jedenfalls, wenn man sieht, was Geschäftsführerin Anke Schäferkordt für die neue Programmsaison 2009/2010 vorgestellt hat. Im Prinzip hat sie verkündet: Alles bleibt wie es ist. Keiner rührt sich! So eine Marktführerschaft ist eine fragile Angelegenheit und wenn man zuviel daran rumwackelt, kippt womöglich das Ganze. Das RTL-Programm präsentiert sich glattgeschliffen ohne jede Kante. Es gibt weiter haufenweise Doku-Soaps, die eine oder andere US-Serie, eine Neuauflage von „Deutschland sucht den Superstar“ aber keine Dschungel-Show. Dabei war die vergangene Staffel von „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ eine Sternstunde des Trash-Unterhaltungs-TV. Es ist in letzter Konsequenz dann auch wieder folgerichtig, dass die Dschungel-Show, die sich immer mehr zu einer Art Medien-Satire hin entwickelt hat, abgesetzt wird. Alles, was das RTL-Gleichgewicht aus US-Serie, Doku-Soap und Günther Jauch zu stören droht, fliegt aus dem Programm.

Eine Art Regierungs-Programm hat der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger auf seiner Jahres-Pressekonferenz abgegeben

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