Lesen! Ein Interview, das jede Zeile wert ist

So ändern sich die Zeiten: Heute müssen Chefredakteure neben inhaltlichen Diskussionen auch die Frage beantworten, wie ihre Titel überhaupt Geld verdienen wollen. Selten finden zwei Chefs dabei so klare Worte wie Jochen Wegner von Focus Online und "Handelsblatt"-Boss Bernd Ziesemer in einem Interview mit dem "Medium Magazin". Beide sehen die besten Chancen in der Etablierung von Zusatzdiensten wie exklusiven Datenbanken, Kongressen, Paid Content oder innovativen Newsprojekten.

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Bei Focus Online heißen diese Zusatzdienste „Beiboote“, „die unser journalistisches Flaggschiff begleiten und uns mehr Freiraum verschaffen sollen“, sagt Wegner. Bereits ein bestehendes Beispiel für diese Strategie ist die Ärztebewertungsplattform Jameda. Darüber hinaus soll dieser Tage ein neues Finanzportal starten, dass in wenigen Wochen noch von dem Google News-Konkurrenten Nachrichten.de ergänzt werden soll. „Solche Angebote passen gut zur Marke Focus, die nicht nur für Nachrichten, sondern auch für Nutzwert steht.“

Auch das „Handelsblatt“ setzt auf Beiboote wie exklusive Datenbanken, kostenpflichtigen Newsletter für Finanzberater und andere Tools. „Für das ‚Handelsblatt‘ wird Paid Content in den kommenden Jahren eine wichtige Rolle spielen“, sagt Ziesemer. Jedoch glaubt er, dass die Probleme tiefer liegen: „Zu viele Angebote im Internet sind austauschbar, leider auch im Printjournalismus. Der Wert einer simplen Nachricht im Netz geht heute gegen Null.“ Die einzige Chance besteht also darin exklusive Nachrichten, die zur jeweiligen Medienmarke passen, zu bieten. So konzentriert sich Handelsblatt.com ganz auf exklusive Wirtschafts- und Finanznachrichten. „Alle Versuche, Spiegel Online nachzueifern, scheitern doch sowieso.“

Beide Chefredakteure sind sich einig darüber, dass im Web zu viele Nachrichten-Angebote, dieselben Meldungen bringen. Nur mit originären Leistungen würde sich jedoch tatsächlich Geld verdienen lassen. Wegner schränkt jedoch ein: „Es kann aber eine originäre journalistische Leistung sein, die Flut nicht exklusiver Informationen zu bewerten und zu filtern.“ Dies wird seiner Meinung nach eine der wichtigsten zukünftigen Aufgaben für Journalisten werden. „Menschen werden dafür bezahlen, nicht jede verfügbare Information zu bekommen, sondern ausgewählte.“
Wegner glaubt, dass die ökonomische Basis des Journalismus in den nächsten Jahren neu begründet werden wird. „Und wir Journalisten sind gut beraten, diesen fundamentalen Wandel nicht alleine den Unternehmensberatern, Controllern und Flanellmännchen zu überlassen.“

Der Focus Online-Macher beobachtet gerade die Entstehung eines paradoxen Medien-Urwaldes. „Die wenigen Baumriesen werden die Krise dank schierer Reichweite abwettern. Zwischen ihren Wurzeln gedeihen tausende profitabler Nischen-Medien – vom Gadget – bis zum Gossip-Blog.“ Die mittleren Wald-Etagen sterben jedoch ab. „Dort vegetieren die Me-too-Objekte, die keine eigene journalistische Vision besitzen. Sie haben keine kritische Reichweite, dafür aber die Infrastrukturkosten der Großen.“

Auch hier gibt Ziesemer seinem Kollegen recht. Vor allem die mittelgroßen Konzerne werden es schwer haben. „Wir als Mittelständler versuchen, uns verwaltungstechnisch und organisatorisch so schlank aufzustellen, dass wir mit den Wert schaffenden Teilen unseres Verlages überleben können.“ Besonders wichtig ist dem Wirtschaftsexperten: „Unsere starken Marken müssen aber auf jeden Fall eigenständig bleiben. An den Weg von Gruner + Jahr, eine Querschnittsredaktion für mehrere Titel, glaube ich deshalb nicht.“

Der „Handeslblatt“-Chef geht davon aus, dass die nächsten Jahre für die klassischen Medien unglaublich schwer werden, „und wer darauf keine Lust hat, sollte sich einen anderen Beruf suchen. Machen wir uns nichts vor: In zehn Jahren werden viele Zeitungen verschwunden sein.“

Keine Lösung der aktuellen Probleme sieht Ziesemer in dem Konzept kostengünstige Kleinredaktionen mit nur wenigen Festangestellten und vielen assoziierten freien Autoren: „Wenn Medien nicht mehr so bezahlen können, dass die Redakteure mit ihrem Gehalt ein bürgerliches Leben führen können, dann sollten diese Medien lieber untergehen. Qualitätsredaktionen brauchen Journalisten mit einem gewissen Selbstbewusstsein, dazu müssen sie ihnen eine gewisse ökonomische Sicherheit bieten. Wie bitte soll mein Finanzredakteur ein kritisches Interview mit Josef Ackermann führen, wenn er nicht weiß, wie er am Monatsanfang seine Miete bezahlen soll?“

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