Neue Saison: RTL geht auf Nummer sicher

Noch mehr Doku-Soaps, genauso viele US-Serien und weniger einzelne Events: In der Krise verlässt sich RTL-Chefin Anke Schäferkordt auf das, was bisher schon funktioniert hat. Nur am Nachmittag muss der Sender auf stabile Quoten hoffen und probiert weiter aus. Ist das ein gutes Zeichen, wenn sich die Strategie des größten deutschen Privatsenders für die kommenden Monate in nur einem Satz zusammenfassen lässt? Für Anke Schäferkordt ist es das. Der Satz lautet: Bloß keine Experimente!

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In Hamburg präsentierte die RTL-Geschäftsführerin am Mittwoch die Ideen ihres Senders für die neue TV-Saison und erklärte in relativ knappen Worten, was die Zuschauer zu erwarten haben: RTL wolle sich zunehmend auf „etablierte Erfolgsformate“ konzentrieren, Sendungen mit Leichtigkeit und Humor würden wichtiger, amerikanische Serien seien weiter stark gefragt, deutsche Serien noch nicht hoffnungslos verloren, aber im Großen und Ganzen wird es im Fernsehjahr 2009/2010 noch mehr Doku-Soaps und Non-Fiction-Programme geben als jetzt schon. Das liegt daran, dass die Baustellen im Programm überschaubar sind – und Schäferkordt das Risiko scheut, mit all zu vielen Neuerungen das Publikum zu verschrecken, das RTL im 1. Halbjahr 2009 einen ziemlich ordentlichen Marktanteil von 16,7 Prozent in der werberelevanten Zielgruppe beschert hat.

Gleichzeitig bedeutet das aber auch, dass sich bei RTL in den kommenden Monaten wenig tun wird. Das Genre Comedy ist quasi tot: Schäferkordt verlässt sich weiter auf Mario Barth, dazu bekommt Mirja Boes eine neue Sketch-Comedy namens „Ich bin Boes“. Sitcoms sind nach derzeitigem Stand gar nicht mehr geplant. Stattdessen gibt es massig Live-Programme: von Kaya Yanar, Rüdiger Hoffmann, Cindy aus Marzahn, Bülent Ceylan und Eckhart von Hirschhausen. Mario Barth moderiert ein Weihnachts-Special, Innovationen fallen komplett flach – und das obwohl Schäferkordt glaubt: „Der Zuschauer möchte auch mal lachen können und nicht mit den Themen konfrontiert werden, die er vorher in den Nachrichten gesehen hat.“

Das ist angesichts der Dokusoapisierung des RTL-Programms, in dem es inzwischen von Schuldnerberatern und Krisenbewältigern wimmelt, eine interessante Ansicht. Zumal es davon bald noch mehr geben soll: Nach den vielen Serienflops konzentriert sich RTL stark auf nonfiktionale Programme, die günstiger zu produzieren sind und sich besser wiederholen lassen. Mit „Endlich wieder Arbeit!“ starten die Kölner nach dem gefloppten „Arbeitsbeschaffer“ vor anderthalb Jahren bereits den zweiten Versuch, eine Doku-Soap für Job-Sucher zu etablieren, dazu kommt eine Reihe über Nachbarschaftsstreits, die bei RTL II so ähnlich schon vor Jahren in der Planung war. Für den Rest verlässt sich
Schäferkordt auf Etabliertes: neue Folgen von „Bauer sucht Frau“, „Helfer mit Herz“, „Die Ausreißer“, „Teenager außer Kontrolle“, „Raus aus den Schulden“ und der „Super-Nanny“. Das ist nachvollziehbar – aber bedeutet eben auch, dass RTL weiter mit Überraschungen spart. Abgesehen vielleicht von „Rachs Restaurant“, einer Sendung, in der Sternekoch Christian Rach (der zudem neue Folgen seiner „Restauranttester“-Serie beisteuert) Gastro-Personal für ein
neues Restaurant castet, um das dann auch tatsächlich zu eröffnen. Die Idee erinnert sehr an die Pläne von Vox, das mit Tim Mälzer vor drei Jahren Ähnliches vor hatte, allerdings ohne dass es die Reihe jemals auf den Schirm schaffte.

Während „RTL aktuell“ mit einem „Wahlkampfbus“ im Herbst durchs Land reisen will und „Themenwochen“ vor der Wahl plant, die in Nachrichten und Magazinen sichtbar werden sollen, teilen sich Günther Jauch und Oliver Geissen im Show-Bereich die Jobs. Während Geissen mit Promis in der Zeitreiseshow „18 – Forever Young“ in Jugenderinnerungen schwelgt, darf Jauch schon im Oktober „Das große Ost-West-Duell“ moderieren – in schönster Tradition von „Typisch Mann, typisch Frau“ und „Mensch gegen Tier“ (die ohne Fortsetzung bleiben). „DSDS“ und „Das Supertalent“ stehen wieder an, der Rest ist bekanntlich abgesagt – inklusive Dschungelshow. Von neuen Projekten für Marco Schreyl war erstaunlicherweise nicht die Rede. Einzelne Events soll es so gut wie gar nicht mehr geben, erklärte Schäferkordt in Hamburg: „Wir werden uns in allen Genres auf länger laufende Reihen konzentrieren.“

Nur zwei Problemsendeplätze hat die RTL-Chefin für das kommende Fernsehjahr ausgemacht: Am Sonntagabend unterliegt ihr Sender im Spielfilmduell regelmäßig Pro Sieben (oder neuerdings sogar den Sat.1-Krimiserien), Anlass zu einer Änderung der Programmierung sieht Schäferkordt aber nicht. Auch in den kommenden Monaten laufen am Sonntagabend Hollywood-Blockbuster. Dazu ist der Sonntagabend für eigenproduzierte Movies reserviert, die von Fiction-Chefin Barbara Thielen beigesteuert werden, deren Abteilung gerade massiv zusammengestrichen wurde. Das bedeute aber nicht, dass es künftig weniger fiktionale Projekte geben werde, betonte Thielen am Rande des Programm-Screenings. Nach dem Erfolg von „Doctor’s Diary“ hofft RTL auf die Krimiserie „Countdown“. Die schon vor zwei Jahren angekündigte
Serie „Die 25. Stunde“ wird es wohl nicht mehr ins Programm schaffen. Stattdessen werden TV-Movies mit den Schwerpunkten Abenteuer und Komödie gedreht („Der Flaschengeist“ mit Sky Dumont, „Ausgerechnet Afrika“).

Nur am Nachmittag experimentiert RTL weiter: Ab Herbst gibt es ein neues Line-up, beginnend um 14 Uhr mit der Trash-Dokusoap „Mitten im Leben“, die die „Oliver Geissen Show“ ersetzt. Um 17 Uhr werden verschiedene Alternativen getestet (das Magazin „Life“, „Die Schulermittler“, „Helfen Sie mir“). Die beiden Stunden dazwischen pflastert RTL vorerst mit „Verdachtsfälle“ und „Familien im
Brennpunkt“ zu, die zum furchtbaren neuen Trend der „Scripted Reality“ gehören – Programme, die wie Dokusoaps aussehen, in denen aber Schauspieler von Autoren geschriebene „Geschichten aus dem Leben“ nachspielen.

Wenn sich das durchsetzt, braucht nie wieder jemand Angst haben, dass die Nachmittags-Talks zurückkommen. Das neu entdeckte Genre verspricht mindestens genauso viel Trash-Ambiente.

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