Vertrauenskrise bei „Washington Post“

Die "New York Times" widmet sich mit ernster Sorge der Vertrauenskrise bei der "Washington Post", für die Verlegerin Katharine Weymouth nachträglich die Verantwortung übernommen hat. NYT-Autor David Carr hält der Absolventin der Harvard School of Business vor: "Sie hat nie in einer Redaktion gearbeitet. Das ist ein Teil ihres Problems." Doch für Weymouth kommt es noch schlimmer: Inzwischen üben zahlreiche namhafte Reporter aus dem eigenen Blatt ganz offen Kritik an ihrer Verlegerin.

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Die eilig abgesagten Dinner-Gespräche mit Politikern und Redakteuren, die für 25.000 Dollar aufwärts im Haus der Verlegerin stattfinden sollen, sind mit dem Verweis auf übereifrige Marketing-Leute keineswegs ausgestanden. Mitarbeiter äußern ihre Empörung nicht nur anonym. „Post“-Redakteur Hank Stuever erklärte: „Katharine kann davon ausgehen, dass ihre Journalisten enttäuscht, empört und mit den bisherigen Erklärungen unzufrieden sind.“

Richard Leiby, Kunst-Experte des durch den Watergate-Scoop weltberühmten Blattes, ergänzte: „Unser Ansehen hat einen schweren Schlag erlitten.“ Die politischen Reporter in der US-Hauptstadt befürchten, auf Jahre zum Gespött ihrer Gesprächspartner zu werden. Nach Einschätzung von Carr hat die Verlegerin „die Dynamik des Themas in der Redaktion völlig unterschätzt.“

Und natürlich wird die Affäre auch mit Blick auf die aktuelle Krise der amerikanischen Qualitätszeitungen ausgeschlachtet. Nicht nur, dass der Anschein käuflicher „Post“-Redakteure ausgerechnet vom Online-Journal Politico, betrieben von ehemaligen „Post“-Kollegen, aufgedeckt wurde: Katharine Weymouth darf jetzt überall nachlesen, dass sie sich einmal als Fan der „Huffington Post“ geoutet hat. Wenn etwas den Fortbestand der journalistischen Flaggschiffe gegenüber den frechen Netzangeboten rechtfertigen könnte, dann – so dachte man – ihre vermeintlich höhere ethische Messlatte.

In der Sonntagsausgabe entschuldigte sich Katharine Weymouth bei den Lesern (online leider nur für Abonnenten frei) der „Washington Post“.

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