„Sie irren – aber ich beneide sie“

"Spiegel", „Stern“, „Zeit“: Alle drei Renommiertitel waren in den letzten Wochen zumindest am Rande mit der Aufarbeitung einer mehr als vier Jahrzehnte zurück liegenden Geschichte beschäftigt. Im Mittelpunkt standen Verleger und Chefredakteure, und es ging um ihre Rolle bei den Studentenunruhen der 68er-Jahre. Die Namen Augstein, Nannen und Bucerius stehen für ein bis heute wirkendes journalistisches Vermächtnis – Vergangenheitsbewältigung zwischen Instrumentalisierung und Bagatellisierung.

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„Spiegel“, „Stern“, „Zeit“: Alle drei Renommiertitel waren in den letzten Wochen zumindest am Rande mit der Aufarbeitung einer mehr als vier Jahrzehnte zurück liegenden Geschichte beschäftigt. Im Mittelpunkt standen Verleger und Chefredakteure, und es ging um ihre Rolle bei den Studentenunruhen der 68er-Jahre. Die Namen Augstein, Nannen und Bucerius stehen für ein bis heute wirkendes journalistisches Vermächtnis – Vergangenheitsbewältigung zwischen Instrumentalisierung und Bagatellisierung.

Denn neben den Verlagen, die mit angeblichen Geldzahlungen der liberalen Blattmacher an die „Enteignet Springer“-Kampagne von Rudi Dutschke & Co. konfrontiert waren, gab es ja den Medienkonzern Axel Springer, der durchaus eigene Interessen bei der aktuellen Diskussion verfolgte. Das Haus, dessen Schatten in den 60er Jahren überlebensgroß schien, vor allem auch der Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner, sind seit einiger Zeit um eine Neubewertung von Ursache und Wirkung bei den gewalttätigen Protesten bemüht.

So war es spannend zu sehen, wie sich die Betroffenen aus der Affäre ziehen würden. Dem „Spiegel“ war es nur ein Einspalter auf der letzten Redaktionsseite wert, die Berichte über eine Unterstützung der radikalen Studenten durch Rudolf Augstein zu entkräften. Man verneinte nicht, dass gezahlt wurde, wohl aber, dass dies zum Zwecke eines „Anti-Springer-Tribunals“ erfolgt wäre. Dies allerdings war so auch nie behauptet worden.

Der „Stern“ immerhin wählte den direkten Weg und interviewte den Schriftsteller Peter Schneider, ehemals selbst Aktivist im Dutschke-Umfeld. Er hatte die Diskussion mit einer Buchveröffentlichung („Rebellion und Wahn“) und einem Artikel in der „FAZ“ losgetreten. Und siehe da: Schneider räumte ein, dass er den Namen Nannens irrtümlich in die Liste der Geldgeber eingereiht hatte. Er habe den „Stern“-Gründer mit Gerd Bucerius verwechselt. Damit war die Angelegenheit für die Chefredaktion wie für Gruner + Jahr geklärt: Der „Stern“ hat nicht gezahlt, sondern lediglich „Zeit“-Verleger Bucerius. Dass dieser in jenen Jahren auch „Stern“-Verleger und G+J-Gesellschafter war, wurde dabei nicht thematisiert.

Die überzeugendste Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit leistete am Donnerstag die „Zeit“. Gleich vier Artikel, allesamt lesenswert, ließen Zeitzeugen zu Wort kommen und arbeiteten die Dokumente aus dem Bucerius-Archiv auf. Der langjährige Chefredakteur Theo Sommer erinnert sich an die Treffen mit den schmuddeligen Linken, er offenbart auch, dass es bei seinem Verleger eine Akte mit der Aufschrift „Ideologische Zahlungen“ gegeben habe, die finanzielle Transaktionen an die Studenten-Komitees verzeichnete, wie an anderer Stelle nachzulesen ist, insgesamt 84286,52 Mark.

Aber Sommer liefert auch eine aufschlussreiche Charakterisierung von Bucerius, die eine aktive Unterstützung einer Enteignungskampagne als „absoluten Unsinn“ erscheinen lässt. Sommer räumt ein, dass es tatsächlich eine Wahrheit jenseits der Akten und Erinnerung von Zeugen geben könne, was ihn ehrt, aber er entkräftet diese Theorie mit einem sensiblen Psychogramm des „Zeit“-Verlegers vollends. Bucerius, der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete, sei überzeugt gewesen, dass Freiheit und Eigentum untrennbar seien.

Es spricht für die Ernsthaftigkeit der „Zeit“-Geschichte zum Thema, dass neben Sommers Artikel ein Interview mit einem Geldempfänger, ein Autorenbeitrag von Peter Schneider sowie eine detaillierte Aktenschau in Ausgabe Nr. 25 nachzulesen sind. Der Schriftsteller muss sich wohl vorwerfen lassen, im Detail (Nannen, Höhe der einzelnen Zahlungen) geschlampt zu haben. Gleichzeitig ist es ihm zu verdanken, dass die Debatte, die der Axel Springer Verlag bereits einseitig eröffnet hatte, so in einen breiteren Kontext eingebettet wurde, der klar macht, wie populär die Anliegen bei den liberalen Intellektuellen waren.

Und insgesamt wird in der „Zeit“ die Zerrissenheit der Liberalen in der Dutschke-Ära deutlich. Theo Sommer erinnert sich: „Die ‚Zeit’ hat Springer damals unter Dauerfeuer genommen. Sie warf den Schreibtischtätern von ‚Bild’ und der Berliner Springer-Presse ‚eine permanente Verhetzung der Studenten’ und ‚marktbeherrschenden Aufwiegeljournalismus’ vor und bekam vor Gericht recht. Im August 1967 veröffentlichte Chefredakteur Josef Müller-Marein, vom Verleger mit Fakten und Argumenten gespickt, zwei Leitartikel. Am 26. August schrieb er unter der Überschrift Axel Springers Fall: ‚Es kann keinem politisch denkenden Menschen im Sinn liegen, dass ein einziger Verleger übermächtig wird… Wenn Axel Springer ein Demokrat ist, sollte er sich über die Existenz eines jeden Blattes freuen, das er nicht besitzt. Wenn nicht, stoppt Springer!’“ Augstein hat wohl zweifellos ähnlich gedacht.

Bucerius fasste seine auch für die eigene konservative Leserschaft schwer nachvollziehbare Sympathie für die jungen Wilden nach einer Diskussion so zusammen:  „Sie irren – aber ich beneide Sie um Ihren Glauben und Ihre Redlichkeit.“ Die Protestler, der Verleger, die Motive: ein genialer Satz für alles.

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