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Schalke-Kicker Jones attackiert „NY Times“

Fußballer Jermaine Jones entscheidet sich künftig für die US-Nationalmannschaft zu spielen und gibt der "New York Times" ein Interview. Wurde der Schalker Profi dabei hereingelegt und ihm Rassismus-Vorwürfe untergeschoben? Äußerst unwahrscheinlich, aber Jones scheint mit dieser Behauptung durchzukommen – wohl auch, weil der Beitrag zuerst "nur" in einem Blog der NYT erschien. Die transatlantischen Missverständnisse entwickeln sich auch zu einem Lehrstück über den Umgang mit "neuen" Medien.

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Es dürfte wohl einmalig sein, dass ein Beitrag der „New York Times“ online weit über hundert Kommentare erhält, die fast durchweg aus Deutschland stammen. Bewirkt hat dies indirekt der Schalker Fußball-Profi Jermaine Jones, der dem Reporter Jack Bell seine Gründe erläuterte, künftig für die USA spielen zu wollen. Jones‘ krude Thesen, am Samstag zuerst online veröffentlicht, erregen seither nicht nur Fanforen und Sportjournalisten. Ausgehend von der Frage, warum er glaube, zuletzt nicht mehr in die deutsche Nationalmannschaft berufen worden zu sein, wird Jones so zitiert: “When somebody looks at me, I’m not the perfect German. When I look at people in the States, they look more like me. In Germany with my tattoos people say, ‘Ooh, he’s not a good man.’ But look at Beckham, he has tattoos and no one says that. Maybe because I don’t have blue eyes and blond hair. But that is not a problem for me. I don’t have a good feeling about stuff in Germany.“
Die hinter dem Thema „Blauäugigkeit“ erkennbaren Rassismus-Vorwürfe nahm man dem in Frankfurt aufgewachsenen Fußballer erwartungsgemäß übel.
Am Montag versuchte Jones‘ deutsche Agentur „Rogon“ mit einer Mail an die NYT, den sich abzeichnenden Totalschaden für ihren Mandanten noch zu begrenzen.  Die „Times“ fügte die Anmerkungen – er habe sich missverständlich ausgedrückt – gutmütig und getreulich hinzu. Laut Bell habe Jones in dem Telefoninterview zuerst seine Frau dolmetschen lassen wollen, dann aber doch selbst geantwortet, „speaking quite well in halting but passable English“.
So weit, so unglücklich. Richtig ernst wurde es erst am Mittwoch, als Jermaine Jones sich zum Opfer erklärte und die Nachrichtenagenturen einen Text von der Schalker Homepage verbreiteten. Jones: „Als wir über mögliche Gründe für meine anhaltende Nichtberücksichtigung durch den Deutschen Fußball-Bund gesprochen haben, kam der Journalist nach ein paar anderen Überlegungen auf das Thema Hautfarbe zu sprechen. Da habe ich genau das Gegenteil von dem gesagt, was im Artikel zu lesen ist.“ Vielmehr habe er Fragen in dieser Richtung „drei Mal“ verneint. Schließlich – der letzte Punkt der Verteidigung – sei eine vereinbarte Autorisierung der Zitate nicht erfolgt.

Die Strategie von Jones‘ Beratern enthält gleich drei kaum glaubhafte Unterstellungen: Dass ein Journalist der „New York Times“ seinen Gesprächspartner mit Gewalt zu bestimmten Aussage dränge, ihm diese dann einfach in den Mund lege, und zuletzt einer Autorisierung zustimme.

Der Presse der USA mag es wirtschaftlich schlecht gehen, an ihrem journalistischen Ethos – und speziell dem der „NYT“ – sollten Zweifel aber nur mit sehr guten Beweisen gewagt werden. Die hat Jermaine Jones natürlich nicht, wohl aber ein massives Problem mit seinem Image und seiner Glaubwürdigkeit.
Umso erstaunlicher, wie deutsche Medien Jones‘ verzweifeltes Dementi wiedergeben: Es stehe „am Ende des Tages Aussage gegen Aussage“, findet – stellvertretend für viele andere – die „Rheinische Post“. Das implizite Misstrauen gegen die doch renommierten Kollegen aus New York erklärt sich vielleicht mit einer Formulierung im selben Artikel: „der Fußball-Blogger“ wird Jack Bell da genannt. Ein Blogger nimmt es womöglich nicht so genau?

Bell, wiewohl kein angestellter Redakteur, darf als in jeder Hinsicht vollwertiger „Times“-Journalist gesehen werden, dafür spricht auch sein gelassen-souveräner Umgang mit den Vorwürfen aus Deutschland. In der Print-Version seiner Geschichte am Mittwoch verzichtete er freiwillig auf die haarsträubende Passage mit den blauen Augen. Unter dem ursprünglichen Blogeintrag türmen sich unterdessen Kommentare aus Deutschland, die – wohlformuliert und meist sachlich argumentierend – versuchen, eventuelle Schäden durch Jones‘ Zitate in der amerikanischen Öffentlichkeit abzuwenden. Das ist zum Glück wohl gar nicht nötig.
Bell selbst nimmt zweimal Stellung, direkt mit dem Vorwurf der Verfälschung konfrontiert. Er habe nie von „blonde-blue eyed“ gesprochen: „I simply took notes from what the man said.“

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