Irans Opposition ertwittert Neuauszählung

Der Volksaufstand im Iran geht weiter. Hunderttausende protestieren gegen Amtsinhaber Ahmadinedschad. Da die Regierung die Medien fesselt, organisiert sich der Widerstand im Internet. Oppositionsführer Mussawi nutzt Twitter für Aufrufe: "Es gibt keine nationale Berichterstattung im Iran mehr, jeder sollte helfen, Mussawis Botschaft zu verbreiten. Ein Mensch = Ein Sender." Unterdessen stellen iranische Bürger eine Flut von Fotos und Videos ins Netz. Beinah in Echtzeit entsteht so ein Bild der aktuellen Ereignisse.

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Der Anführer des Proteststurms heißt Mir Hossein Mussawi (Mitteilungen verbreitet er unter dem Twitter-Namen: Mousavi1388 – das iranische Jahr 1388 begann im März 2009). Der ehemalige Ministerpräsident und Anführer der Opposition gegen die Wahlfälschung durch Staatspräsident Mahmud Ahmadinedschad nutzt alle verfügbaren Kanäle des Web2.0, um seine Anhänger zu mobilisieren. Seine Aufrufe verbreitet er vor allem über Twitter. Anhand seiner Mitteilungen lassen sich die Entwicklungen im Umfeld der Präsidentschaftswahl in Echtzeit mitverfolgen.

Bereits im Vorfeld der Wahlen heißt es: „Irans Basij-Miliz wurde befohlen, Ahmadinedschad zu unterstützen, trotz Imam Khomeinis klarer Botschaft, dass das Militär nicht in die Politik eingreifen soll“. Mussawi infomiert darüber, dass sein Internet-TV-Sender von der Regierung abgeschaltet wurde – und wie man den Kanal trotzdem empfangen kann.

Am 10. Juni um 5.36 Uhr verbreitet er die „WARNUNG: 5 Millionen gefälschte Stifte sollen für die Wahlen am Freitag verteilt werden, die Tinte verschwindet nach 8 Stunden. BENUTZEN SIE IHREN EIGENEN STIFT, UM ZU WÄHLEN.“ Er lässt über seinen Twitter-Channel erste Hochrechnungen verbreiten, informiert über die Abschaltung des iranischen SMS-Systems und verlinkt Fotos und Videos von den Massenprotesten und der zunehmenden Gewalt. Der Twitter-Hashtag „#iranelection” setzt sich durch. Am 13. lässt Mussawi verlautbaren: „#IranElection Berichte von Gewehrschüssen auf dem Fatemi-Platz in Teheran, Valiasr von Bereitschaftspolizei abgeriegelt.“ – „ALLE Internet- und Mobilnetze sind gekappt. Wir bitten jeden in Teheran, auf die Dächer zu gehen und als Zeichen des Protests GOTT IST GROSS zu rufen.“

Allerdings gelingt es der iranischen Regierung zu keiner Zeit, den Datenverkehr komplett zu unterbinden. Sobald ein Server vom Netz genommen wird, treten neue Proxy-Server im Ausland an deren Stelle. „Mussawi bittet seine Anhänger im gesamten Iran ab Montag 16.00 Uhr zu protestieren.“ – „Es gibt keine nationale Berichterstattung im Iran mehr, jeder sollte helfen, Mussawis Botschaft zu verbreiten. Ein Mensch = Ein Sender.“ – „Twitter ist zur Zeit unser EINZIGER Weg, im Iran Nachrichten zu übermitteln, BITTE schaltet es nicht ab.“ Tatsächlich hat Twitter seine regelmäßigen Wartungsarbeiten („Down time“) verschoben.

Da die iranischen Medien nicht mehr funktionieren, treten Webportale als Verbreitungswege für aktuelles Foto- und Video-Material an die Stelle der Presse. Mussawi betreibt eine eigene Flickr-Seite und einen YouTube-Kanal. Die Anzahl der Bilder und Filme wächst ständig an. Auf Fotos wie diesen ist das Ausmaß der Proteste deutlich zu erkennen: Hunderttausende Menschen demonstrieren auf den Hauptverkehrsadern Teherans – von diesen eindruckvollen Bildern ist im staatlichen Fernsehen nichts zu sehen, auch ausländischen Korrespondenten blieb zeitweise der Zugang zu den Demonstranten versperrt. Dazu dokumentieren zahllose Bürgerjournalisten via Web2.0-Kanäle die Vorgänge im Iran.

Zum Hintergrund der Proteste: Die Beteiligung bei der Präsidentschaftswahl am Freitag erreichte ein Rekordergebnis, nach Schätzungen gaben mehr als 70 Prozent der wahlberechtigten Iraner ihre Stimme ab. Nach offiziellen Auszählungen erreichte Amtsinhaber Ahmadinedschad rund 63 Prozent der Stimmen, Mussawi liegt demnach bei 34 Prozent. Doch der Oppositionsführer spricht davon, dass er mehr als die Hälfte der Wahlberechtigen für ihn gestimmt hätten.

Die Regierung scheint tief gespalten zu sein. Der oberste geistliche Führer des Irans, Ajatollah Ali Chamenei, ordnete eine Überprüfung des Wahlergebnisses an. Ein Radiosender berichtete, dass bei den Demonstationen sieben Menschen ums Leben gekommen seien. Das Berichtsverbot für den Korrespondenten des ZDF ist am Montag überraschend wieder aufgehoben worden. Inzwischen hat der Wächterrat eine Neuauszählung der Wahlzettel angeordnet und sich damit auch dem Druck der über die Sozialen Netzwerke verbreiteten Bürgerprotesten gebeugt.

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