Wir brauchen eine Netzkultur!

Die kommunikativen Marktplätze des Internet, die durch die Entwicklung des so genannten Web2.0 gefördert und in ihrer Bedeutung herausgehoben wurden, sind Schauplätze vielerlei Missverständnisse. Die vielleicht größte Ausprägung dieser Missverständnisse ist der tiefe Graben, der sich zwischen manch klassischem Print-Journalisten und manch web-affinen Blogger Grand-Canyon-artig aufzutun scheint. Wie sehen die Haltungen idealtypischer Protagonisten des „Print“- […]

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Die kommunikativen Marktplätze des Internet, die durch die Entwicklung des so genannten Web2.0 gefördert und in ihrer Bedeutung herausgehoben wurden, sind Schauplätze vielerlei Missverständnisse. Die vielleicht größte Ausprägung dieser Missverständnisse ist der tiefe Graben, der sich zwischen manch klassischem Print-Journalisten und manch web-affinen Blogger Grand-Canyon-artig aufzutun scheint. Wie sehen die Haltungen idealtypischer Protagonisten des „Print“- und des „Blog“-Lagers aus?

Der Print-Mensch:

„Wir brauchen einen professionellen Journalismus, der sich an allgemeingültigen Werten und überprüfbaren Normen orientiert. Nur durch ein institutionalisiertes System aus Recherche, Fakten-Checks und der Beherrschung journalistischen Handwerks lässt sich die gesellschaftliche Aufgabe des Journalismus erfüllen. Blogger sind oftmals arrogant und besserwisserisch, sie pöbeln und schreiben meistens aus den klassischen Medien ab, über die sie so gerne herziehen. Ansonsten drehen sich Blog meist um sich selbst. Dabei bleiben die Blogger zudem den Beweis schuldig, dass sie in der Lage wären, mit ihrer Schreiberei ihren Lebensunterhalt zu verdienen oder eine wie auch immer geartete gesellschaftliche Aufgabe zu erfüllen.“

Der Blogger:

„Print-Journalisten sind arrogant und schauen von oben auf Blogger herab. Print-Journalisten fordern Qualität und Recherche, in Wahrheit schreiben sie selbst ständig ungeprüft Agentur-Meldungen, andere Artikel oder aus Blogs ab. Wenn sie Fehler machen, werden diese nicht zugegeben und korrigiert, sondern verschwiegen. Print-Journalisten sind es nicht gewohnt, mit ihren Lesern zu kommunizieren, sie können sich nicht vorstellen, dass manche Leser in Spezial-Gebieten besser Bescheid wissen könnten als sie. Blogger sind es gewohnt, zu kommunizieren, Fehler in Weblogs werden schnell korrigiert. Blogger legen ihre Quellen offen. Print-Journalisten tun so, als sei es eine Riesen-Rechercheleistung wenn sie mal wieder einen Artikel aus der „New York Times“ abgeschrieben haben. Im Zeitalter des Web2.0 fällt die Abschreiberei der Print-Medien aber auf und darum reagieren sie zickig.“

Interessant ist dabei vor allem, mit welcher emotionalen Heftigkeit, die Diskussion von beiden Seiten geführt wird. Spricht man mit altgedienten Print-Journalisten, so kritisieren viele vor allem, den unverschämten Ton, der in Beiträgen, Foren und Kommentarspalten im Social Web vorherrsche. Ganz von der Hand weisen lässt sich dieser Vorwurf nicht. Man kann zwar einwenden, dass es nun mal zu offener Kommunikation gehört, dass man sich auch mit harter Kritik auseinandersetzen muss oder dass es eben immer einen gewissen (geringen) Prozentsatz an „Idioten“ gebe, die rumpöbeln und man solle das dann nicht so ernst nehmen…Wie schreib Google-Guru Jeff Jarvis in seinem Buch: „The age of openness is the age of forgiveness.“

Das kann man so sehen, wenn man ein dickfelliges Nervenkostüm hat. Sensibleren Naturen mag der teils anschwellende Cyber-Groll dieser oder jener Community schon etwas mehr auf den Geist gehen. Wenn anonyme Kommentatoren den Relaunch einer Website oder ein Meinungsstück mit teils unflätigen, beleidigenden und negativen Kommentaren überziehen, darf man schon mal schlucken. Es geht nicht darum, dass keine Kritik geäußert werden soll, es geht schlicht um den Ton und eine latente Aggressivität, die hier manchmal auszubrechen scheint.

Man stelle sich nur einmal vor, man würde die Herrschaften, die in Kommentaren derart stänkern persönlich auf einem Podium treffen oder ihnen auf der Straße begegnen. Die Erfahrung zeigt, dass die schärfsten Web-Hunde meist zu zahmen Schoßhündlein mutieren, wenn sie von Angesicht zu Angesicht trifft. Im echte Leben funktioniert die Kinderstube meistens wieder. Immerhin. Warum aber setzen gutes Benehmen oder gar so etwas Altmodisches wie Höflichkeit aus, wenn man sich im Web bewegt? Der Verdacht liegt nahe, dass es zumindest zum Teil an der Anonymität liegt. Die Anonymität war auch einer der Erfolgsfaktoren der legendären Website Dotcomtod, die zu Zeiten der New Economy mit oft ätzenden (leider oft auch zutreffenden) Berichten und Kommentaren allzu aufgeblasenen Internet-Fantasieschlössern die Luft abließ. Unvorstellbar, dass Artikel in der Deutlichkeit von Dotcomtod von Autoren mit voller Namensnennung veröffentlicht worden wären. Seither hat die Publikationsform der Weblogs enorm an Popularität gewonnen und in vielen Kommentarspalten finden sich neben zahlreichen konstruktiven, kritisch fundierten und lesenswerten Beiträgen auch solche, die scheinbar aus purer Lust an der Pöbelei heraus entstanden sind.

Dies ist die eine Seite, einer teilweise aus den Fugen geratenen Web-Kommunikation. Die andere Seite der gleichen Medaille sind zahlreiche private Einträge, Fotos und Videos bei Sozialen Netzen wie Facebook. In den USA hat neulich ein AP-Journalist massiven Ärger mit seinem Arbeitgeber bekommen, weil er einen kritischen Kommentar über einen AP-Kunden bei Facebook veröffentlicht hat. Das Blog von Holtzbrincks E-Lab hat sich gerade auch mit der Frage befasst, wie die Pinnwand bei Facebook bisher rein private Kommunikation zumindest halböffentlich macht. Ein ironisch gemeinter Kommentar wird vielleicht zu ernst genommen oder man hat Angst, dass andere „Freunde“ die Bemerkung in den falschen Hals bekommen. Es werden Fotos von privaten Situationen (Urlaub, Party etc.) veröffentlicht ohne darüber nachzudenken, wer diese Bilder sehen kann. Dies sind Dinge, mit denen man sich früher nicht auseinandersetzen musste. Eine falsch verstandene ironische Bemerkung kann im direkten Gespräch sofort abgemildert oder zurückgenommen und relativiert werden. Im persönliche Gespräch ist man einfach vorsichtiger, zurückhaltender, auch weil man die Reaktionen auf das Gesagte direkt im Gesicht seines Gegenüber lesen kann. Wenn man sich gut kennt, wird unter vier Augen gewiss auch die eine oder andere Gehässigkeit über den Kollegen, den Ex-Freund, den Vorgesetzten oder wen auch immer herzlich belacht und man geht zur Tagesordnung über. Man weiß, wie es gemeint ist und es gibt keine „Beweise“ über die private Lästerei. Im Web ist das alles nicht mehr einfach.

Informationen, egal ob wertvoll, erhellend, banal oder bösartig sind erst einmal da und gehen nicht mehr weg. Ein ruinierter Ruf ist im Web schwieriger gerade zu rücken als im echten Leben. Diese potenzielle soziale Sprengkraft des Social Web geht einher mit einer gewissen Verwahrlosung der Sitten – siehe Anonymität. Es fällt leichter, in der Anonymität des Netzes über jemanden oder etwas Hämisches oder Negatives zu schreiben als in der wirklichen Welt. Die Wunden der virtuellen Wüterei sind dann aber durchaus real und bisweilen schwieriger zu heilen als dies von Angesicht zu Angesicht möglich wäre.

Bräuchten wir also nicht so etwas wie einen Konsens darüber, was man online tun und lassen kann und was lieber nicht? Eine solche Netzkultur würde voraussetzen, dass wir ein Gespür dafür entwickeln, welche Folgen das Veröffentlichen von privaten Inhalten hat oder haben kann. Netzkultur bedeutet aber auch, dass wir zu einer neuen Verantwortlichkeit und Rücksichtnahme in der alltäglichen Online-Kommunikation finden. Wahrscheinlich wird es noch ein Weilchen dauern, bis wir zu einer solchen Netzkultur finden. Und es wird noch manche Wunde gerissen und manche „Flame-War“ ausgetragen werden. Bis sich eine solche Netzkultur etabliert hat, gibt es ein einfaches Rezept für angenehmen Umgang: Man stelle sich vor, man trifft denjenigen, über den man schreibt, am nächsten Abend in der Kneipe auf ein Bier. Und benimmt sich dann auch so.

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