„Zeit“-Polemik: Web gefährdet Demokratie

Autoren der gedruckten "Zeit" führen anscheinend einen Feldzug gegen die Unkultur des Internet. Jetzt polemisiert Feuilleton-Chef Jens Jessen gegen die Web-Enthusiasten, die meinen, das Netz solle in seinem Zustand des organischen Wucherns geschützt werden, "egal welche Missbildungen dabei entstehen". Zuvor hatte sich Adam Soboczynski über die "antiintellektuelle Hetze" im Internet geäußert. Dem Chef von Zeit Online hingegen scheint die Furcht seiner Print-Kollegen peinlich zu sein, wie ein Tweet verrät.

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Jessen will mit irrtümlichen Urteilen über das Internet aufräumen. Allen voran mit einem der „hartnäckigsten Gerüchten“, nämlich dem „innigen Verhältnis“ von Internet und Demokratie. Doch Diktaturen behinderten den Zugang zu Webseiten, „kommerzielle Internetplattformen“ seien bereit, „der Zensur diktatorischer Staaten entgegenzukommen“ – der Autor und denkt dabei offenbar an China und Yahoo. Sein Urteil: „Die Freiheitlichkeit des Netzes“ profitiere „nicht von seinen technischen Eigenschaften, sondern vom Zivilisationsstandard seiner sozialen Umgebung“. Die Tatsache, dass ein Zugang zum Internet immer auch Zugang zu relevanten Informationen bedeutet, erwähnt der Jessen nicht.

In einem argumentativen Schwenk wendet sich der Autor dann den – zweifellos vorhandenen – Gefahren ungehinderter Meinungsäußerung im Netz zu: „Wer je nach Argumenten gegen die direkte Demokratie suchen wollte, im Netz würde er fündig. Den spontanen Aufwallungen des Volkszornes, der Bereitschaft zur Diffamierung und Verfolgung Andersdenkender steht keine zivilisierende Bremse entgegen.“

Die Rede ist von „Egalitarismus“, von der Klickrate als kommerzieller Währung des Internets, die einer „Theoriebildung der Netzenthusiasten“ diene, ja, von einer „Immunisierungsstrategie“. Jessen: „Das Netz soll in seinem Zustand des organischen Wucherns, egal welche Missbildungen dabei entstehen, gegen jede Art von Dreinrede geschützt werden.“

Als Hauptmerkmal der Netzunkultur macht Jessen die „Intellektuellenfeindlichkeit“ aus. Die „Manifestationen im Netz“ könne man als „authentischen Ausdruck des Volkes“ deuten. Kritik daran sei nicht möglich, wenn „man nicht in den Verdacht des Antidemokratischen, des Arroganten und Elitären geraten will.“ Schlimmer noch: Es gebe eine „Etikette, die verlangt, dass alle sich so dumm stellen müssen wie der dümmste Diskussionsteilnehmer.“

„Die Pisa-Katastrophe, überall sonst beklagt, ist im Netz zur Norm erhoben worden. Die viel gerühmte Schwarm-Intelligenz erweist sich als Schwarm-Dummheit.“ Jessens Fazit: „Die gegenwärtigen sozialen Umgangsformen verraten keine Tendenz zur E-Democracy, sondern eher zum E-Bolschewismus“.

Einige Gedanken hatte Adam Soboczynski bereits am 20. Mai ventiliert. Auch hier finden sich ebenso zutreffende wie allzu globale Beurteilungen, aus denen vor allem die Furcht des Konservativen vor dem Internet herausklingt: „Der Reiz des Netzes besteht in der notorischen Aufhebung der geschlossenen Form vom Internetauftritt eines Anbieters, der auf diesen Umstand wiederum reagiert, indem er Beiträge möglichst populär verschlagwortet, damit sie in der Ergebnisliste von Google weit oben auftauchen.“

Soboczynskis Thema ist vor allem die interneteigene Intellektuellenfeindlichkeit im Netz. „Jedem, der wachen Auges durch das Internet streift, ist die antiintellektuelle Hetze in den Kommentaren vertraut.“ Es herrsche „das Diktat der Mehrheit ausgerechnet im Mantel des Demokratiezugewinns.“ Das sei eine Bedrohung für die Gesellschaft, denn „da der Intellektuelle aus der Mehrheitsdemokratie geistesaristokratisch herausragt, ist er der Einzige, der die Bedingungen der Staatsform, in der er lebt, zu reflektieren vermag.“ Immerhin – und damit schließt der Autor – der Intellektuelle werde in der Online-Zukunft nicht aussterben. Er werde „untertauchen“ und „Internetrandzonen bewohnen“.

Die Polemiken Jessens und Soboczynskis begleitete eine Glosse vom 3. Juni, in der Jens Uehlecke Twitter als „Klowand des Internets“ bezeichnet. „So hat das Unterschichten-Fernsehen endlich seine Entsprechung im Netz: Twittern ist Bloggen für Arme!“ Dass der Nutzer vor allem wählen kann, wessen Kurzmitteilungen er verfolgt – dieses enscheidende Feature von Twitter unterschlug Uehlecke.

Zu globalen Urteilen lässt sich auch Heinrich Wefing in seinem „Zeit“-Text „Wider die Ideologen des Internets!“ vom 28. Mai hinreißen. Angesichts von Kinderpornografie, Netzpiraterie, illegalem Glücksspiel, Beleidigung und Nazipropaganda sei ein gesellschaftlicher Kampf um Zensur entbrannt. „Es ist ein Kulturkampf, der sich da abzeichnet, unerbittlich und emotional, ein Clash von analoger und digitaler Zivilisation, in dem technische Innovation, kulturelles Unbehagen und politische Ratlosigkeit zusammenschießen.“

Um zu verstehen, warum die überfällige Regulierung des Internet bis heute nicht durchgesetzt werden konnte, müsse „man nicht ins Gesetzbuch schauen. … Man muss zu verstehen suchen, wie die Cyberpropheten und ihre Jünger ticken, man muss ihre Texte lesen“. Bisher sei jeder Regulierungsversuch an einem Heilsversprechen gescheitert: An der „Ideologie vom wilden, freien, unabhängigen Internet, in dem keine Regeln gelten. Und keine Regeln gelten sollen.“

Die aktuelle Kampagne der Print-„Zeit“ gegen das Internet im allgemeinen verwundert angesichts des eigenen höchst erfolgreichen Online-Ablegers: Zeit Online, dessen Redaktion Anfang des Jahres vom Hamburger Mutterhaus nach Berlin gezogen ist, gilt als der Newsportal-Newcomer des Jahres. Chefredakteur Wolfgang Blau scheint die Phobie seiner Kollegen vor der Cyber-Welt peinlich zu sein. In einer Twitter-Mitteilung schrieb er „Die elitäre, ignorante Haltung der alten Medien gegenüber dem Netz scheint in weltweiten Fieberzyklen zu steigen und fallen, die mich an Grippe erinnern.“

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