„Google-Killer“ überzeugt viele auf Anhieb

Kühner Marketing-Trick von Microsoft: Zwei Tage vor dem annoncierten Start ging die neue Suche unter www.bing.com schon am Pfingstsonntag still und leise ans Netz – obendrein verwirrend, weil in verschiedenen Versionen für die USA, England und Deutschland. Das Wagnis hat sich gelohnt, erste Reaktionen fallen weit positiver aus als erwartet. Ein großer Vorzug: Bing ist (noch) spamfrei und erfreut den Nutzer mit seiner jugendlichen Unschuld. Eine Herausforderung für Google wird Bing aber vorerst nicht.

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In den ersten Stunden mischte sich allerdings Ärger unter die Neugier der Nutzer: Vorübergehend wurden offenbar die Features und Resultate von Microsofts alter – und demnächst überholter – „Live“-Suche in eine „Bing“-Optik überführt; Inhalte und Trefferlisten der US-Version (die man in Deutschland manuell ansteuern muss) unterscheiden sich obendrein stark von der deutschsprachigen Seite. Das allerdings hatte Microsoft so angekündigt, zusammen mit der defensiven Prognose, man werde „Jahre über Jahre über Jahre“ (Microsoft-Chef Steve Ballmer) brauchen, um Google ernstlich Paroli bieten zu können.
Die ersten Reaktionen waren allerdings überwiegend positiv; auch bei professionellen Beobachtern, die bei Web-Projekten der Softwarefirma aus Erfahrung skeptisch sind. Techcrunch-Chef Michael Arrington hielt sich selbst zurück, resümierte aus hunderten Kommentaren aber, Bing sei „offenbar so etwas wie ein Hit“. Der Guardian trieb, ganz zeitgemäß, Twitter-Studien, und findet die Einschätzungen „reasonably positive“. Gefallen findet sogar der schräge Einfall, die Startseite mit offenbar wechselnden, exotischen Fotos wie aus dem Reiseprospekt zu unterlegen.
Was Microsoft im Sinn hat, ist trotz aller Vorläufigkeit auch in der deutschen Variante gut zu erkennen: Den Nutzer über Kategorien und Zusatzoptionen durch die Suche zu führen.
Das Unternehmen selbst teilte vorsorglich mit, man habe Bing vorerst für vier Bereiche optimiert: Kaufentscheidungen, Reise, Gesundheit und lokale Unternehmen. Für alles andere bittet das sonst so allmächtige Microsoft wohl indirekt um Nachsicht, wenn es im Vergleich zu Google noch schlecht aussieht – auf allzu viel Geduld sollte der Softwarekonzern da jedoch nicht hoffen.
Die vier Sektoren sind immerhin clever gewählt. Lokale Suche ist ein weitgehend offenes Zukunftsfeld, auf dem auch Google noch Schwierigkeiten hat; Gesundheit ist ein dankbares Thema, wenn es darum geht, dem Suchenden Orientierung zu bieten (oder auch nur zu suggerieren). Bei Produkten und Reisen schließlich tobt ziemlich ungehemmt jener Kampf, der Google im Großen und Ganzen ratlos macht und Nutzer frustriert zurücklässt: Ein Heer von mehr oder minder seriösen Suchmaschinen-Optimierern, Traffic-Dealern und Keyword-Vermarktern regiert hier die Trefferlisten, die ohne ausgefuchste Suchstrategien oder das Ausweichen auf Spezialportale schlicht unbrauchbar sind. Die Abwesenheit des berüchtigten „Google-Spam“ ist ein Startvorteil für jeden Konkurrenten.
Hier liefert Bing auf Anhieb bessere Ergebnisse – und sei es nur, weil noch niemand etwas für Bing „optimieren“ konnte. Die Suche nach Hotels in einer Stadt liefert Hotels in jener Stadt; schön nacheinander mit ihrer Homepage. Microsoft hat angekündigt, gerade bei solchen Suchanfragen zusätzliche Tools und Dienste einzubinden, die das mutmaßliche Ziel – Auswahl und Buchung – erleichtern sollen. Im Moment wirkt gerade die karge Schlichtheit der Treffer freundlich und beruhigend.
Eine Suche nach „Bing“ ergibt dagegen ein ernüchterndes Bild: Gesponserte Links – wie bei Google – preisen „Bing bei Ebay“ und „Bing bei Amazon“ an, das Ergebnis ist natürlich reiner Nonsense. In einer Box mit „verwandten Suchvorgängen“ erscheinen unter anderem Bing Crosby, ein gleichnamiger Auto-Vergaser und eine gleichnamige Pornodarstellerin; von hier lässt sich die Suche weiterführen, wenn denn die gewünschte Richtung in der Auswahl enthalten ist. Sollten die hierfür entwickelten Algorithmen alltagstauglich sein, wäre es eine palsuible Erweiterung gängiger Suchtechniken.
Eine unscheinbar darüber verlinkte „News“-Suche dürfte für Online-Journalisten in den nächsten Tagen ein beliebtes Ziel sein; schließlich sind die automatisch aggregierten „Google News“ ein wesentlicher (und umstrittener) Bezugspunkt ihrer Arbeit. Hier hat Microsoft aber offensichtlich noch viel zu tun; die Resultate sind weder gebündelt noch sinnvoll hierarchisch organisiert, etliche Treffer sind nicht einmal relevant, weil der Suchbegriff nur in Links oder Teasern vorkommt. Hier liefert die „Bing“-Suche zum Beispiel prominente Treffer zum neuen Google-Produkt „Wave“, das mit Bing wenig zu tun hat – außer, dass es vom Internet-Marktführer aller Klassen wohl gerade jetzt lanciert wird, um Microsoft und Bing blass aussehen zu lassen.

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