Bahn fälschte Leserbriefe und Forenbeiträge

Tabu-Thema heimliche PR und Werbung in Foren: Kaum ein Unternehmen spricht darüber, aber viele von ihnen bezahlen Agenturen und Lobby-Spezialisten, um in Weblogs, Foren und in Kommentaren verdeckte PR-Kampagnen zu fahren. Jetzt musst die Bahn zugeben, genau solche Aktionen beauftragt zu haben. LobbyControl spricht davon, dass die Bahn 2007 1,3 Millionen Euro in heimliche Kampagnen gesteckt hat. Bahn-Sprecher Ralf Klein-Bölting kostete die Affäre bereits den Job.

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Die Bahn räumte daraufhin am gestrigen Donnerstag tatsächlich ein, 2007 verdeckte Öffentlichkeitsarbeit betrieben zu haben. Zeitgleich distanzierte sich der neue Unternehmens-Chef Rüdiger Grube. Er lehne solche PR-Maßnahmen, bei denen der Urheber nicht erkennbar sei, entschieden ab,.
Im Tarifkonflikt mit der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) und im Zuge des geplanten Börsenganges setzte die Bahn vorproduzierte Medienbeiträge, Leserbriefe und Postings in Internetforen und zudem gefälschte Meinungsumfragen ein.
LobbyControl kennt sogar die Dienstleister hinter den fingierten User- und Leser-Meinungen: „Beauftragt wurde die Lobby-Agentur ‚European Public Policy Advisers GmbH’ (EPPA).“ Weiter heißt es: „Innerhalb dieses Auftrags beauftragte EPPA nach schriftlicher Auskunft der Deutschen Bahn wiederum die Denkfabrik berlinpolis e.V. mit PR-Maßnahmen. Die Vertragsbeziehung mit der EPPA und ihren Subunternehmen wurden bereits 2007 wieder beendet.“
Die Taktik des Logistik-Konzerns ist einfach, kostspielig und effektiv: Die öffentliche und politische Debatte wird dadurch beeinflusst, dass vermeintlich unabhängige Dritte im Sinne der Bahn in die Diskussion eingriffen. Für LobbyControl sind diese „Methoden der Manipulation von Öffentlichkeit und Politik absolut inakzeptabel“.
De Facto ist der Staats-Konzern mit diesem Vorgehen kein Einzelfall. Fast alle deutschen Forenbetreiber stöhnen schon lange unter den ständigen Versuchen von Unternehmen, ihre Produkte, Meinungen und Konkurrenten-Schelte verdeckt zu posten und so die Konsumentenmeinung heimlich zu steuern.
„Der Fall der verdeckten PR-Arbeit bei der Deutschen Bahn zeigt, dass wir dringend mehr Transparenz über die Arbeit von Denkfabriken und Lobbyagenturen in Deutschland brauchen“, schreibt LobbyControl. Die Initiative fordert deshalb die Bundesregierung und den Bundestag auf, „schnellstmöglich ein verpflichtendes Lobbyistenregister zu starten, in dem alle Lobbyisten ihre Kunden und Finanzierung offen legen müssen.“
LobbyControl informierte Grube am 19. Mai über die ehemaligen Methoden zur Öffentlichkeitsarbeit. Der Bahnchef beauftragte sofort die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, die den Sachverhalt überprüfen und aufklären sollte. Knapp zwei Wochen später informierte Grube nun die Öffentlichkeit. Er sagte: „Solche Aktivitäten sind mit dem Grundsatz eines transparenten und redlichen Dialogs mit der Öffentlichkeit in keiner Weise vereinbar. Ich werde umgehend im Unternehmen die notwendigen Konsequenzen daraus ziehen.“
Der Chef handelte schnell: So wurde mittlerweilse bekannt, dass die PR-Affäre den Chefkommunikator Ralf Klein-Bölting den Job gekostet hat. Der Generalbevollmächtigte für Marketing und Kommunikation muss den Staatskonzern verlassen.

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