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„Tagsüber Dosenfraß, abends Delikatessen“

Obelix ist in den Zaubertrank gefallen, Alexander Kühn scheint in die Flimmerkiste gepurzelt zu sein. Seit seiner Kindheit schaut der "Stern"-Redakteur beinahe alles, was über den Äther flimmert. Mit seiner Web-TV-Kolumne "Was kuckt Kühn" will er Licht ins Fernsehdunkel bringen. Im MEEDIA-Interview spricht er über die Vorliebe für Klassiker, öffentlich-rechtlichen Dosenfraß, das sinkende Quotenschiff "Wetten, dass...?" und erklärt, warum das deutsche Fernsehprogramm eine Taschenlampe braucht.

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Herr Kühn, ist deutsches Fernsehen wirklich so schlecht wie sein Ruf?
Das deutsche Fernsehen ist ein großes Meer, in dem noch immer viele Schätze zu heben sind. Man sollte allerdings wissen, wo man suchen muss. Da setzt ja „Was kuckt Kühn“ an: Ich helfe auf stern.de den Leuten bei der Auswahl. Es ist Hilfe zur Selbsthilfe: Das deutsche Fernsehen ist das, was der Zuschauer daraus macht.

Was fehlt im deutschen Fernsehprogramm?
Eine Taschenlampe. Damit man die wahren Kostbarkeiten findet, denn die sind ja vorwiegend in der Nacht versteckt, vor allem die öffentlich-rechtlichen Sender machen das gern. Wären ARD und ZDF Köche, würden Sie einem den ganzen Tag über billigen Dosenfraß vorsetzen, um dann, wenn alle schlafen, die Delikatessen aufzufahren – und sich wundern, wenn die Leute sich beschweren.

„Was kuckt Kühn“ denn gerade?
Meine neue Lieblingssendung ist „Der Hotelinspektor“ auf RTL. Haben Sie das mal gesehen? Dieser freundliche ältere Herr mit Anzug, Krawatte und Einstecktüchlein, der in irgendwelchen Landgasthöfen in der Walachei  übernachtet, um am Tag der Abreise den Wirt ins Gebet zu nehmen wegen der hässlichen Gardinen und des zu warmen Weißweins. Großartig!

In Ihrer Kolumne schwärmen Sie mit Vorliebe für die Klassiker der Fernsehunterhaltung. Vor kurzem haben Sie Ihr Idol Loriot, bürgerlich Bernhard Victor Christoph-Carl von Bülow, für den „stern“ interviewt. War früher denn wirklich alles besser?
Unsinn! Oder hätten Sie gern Heinz Schenk zurück? Es ist ja nicht so, dass in den 60ern und 70ern der gesamte deutsche Fernsehhumor auf Loriot-Niveau stattgefunden hätte – zum Glück aber neigt der Mensch dazu, Schlechtes zu vergessen. Ich fürchte allerdings, so jemanden wie Vicco von Bülow würde man bei einem Sender heute gar nicht mehr dulden.

Er würde jedes Programm schmücken!
Dieser Mann, ich hab das ja bei der Autorisierung erlebt, arbeitet derart sorgfältig und gewissenhaft an seinen Pointen – die heutigen Redakteure, egal von welchem Sender, würden an ihm verzweifeln. Die stehen so unter Druck, die müssen in kürzester Zeit ein Maximum an Sendungen rausballern – die können nicht noch auf so etwas wie Qualität achten.

Die ARD hat sich mit Ihrer Telenovela „Eine für alle“ wieder einmal in die Nesseln gesetzt. Was machen die Öffentlich-Rechtlichen falsch?
Der ARD kann man keinen Vorwurf machen! Ich muss die jetzt echt mal verteidigen!

Bitte?
Ich hatte auf stern.de dieser Serie einen großen Erfolg vorausgesagt. Meine These ging so: Die jungen Zuschauer schauen am Vorabend am liebsten schlecht gemachte, schlecht gespielte Serien auf RTL; es ist also nur folgerichtig, dass die ARD mit „Eine für alle“ eine Serie ins Rennen schickt, die noch schlechter gemacht und schlechter gespielt ist als alle RTL-Soaps zusammen – denn dann werden die Leute lieber ARD schauen. Die Rechnung ist nicht aufgegangen. Ich weiß bis heute nicht, wo mein Denkfehler lag.

Aktuell schreiben Sie an einer Geschichte über das sinkende Quotenschiff „Wetten, dass…?“. Ist es wirklich so schlimm um die Sendung bestellt, wie alle meinen?
Ich bin neulich im Bayerischen Fernsehen in die Übertragung einer Papstmesse aus Nazareth hineingeraten – und musste sofort an „Wetten, dass..?“ denken: Alles war prunkvoll inszeniert, der Ablauf erfolgte nach uralten Ritualen, auf der Bühne agierte eine in die Jahre gekommene Lichtgestalt in einem schillernden Gewand….

… Gottschalk und Gottes Stellvertreter…
… und beide haben dasselbe Problem: Ihnen laufen die Anhänger davon.

Auf stern.de erschienen Sie bis vor kurzem täglich, jetzt ein- bis zweimal pro Woche mit längeren Clips.
Wenn das Programm genügend Wunderbares oder Abschreckendes bietet, sogar dreimal.

Was erwartet die User in der nächsten Folge „Was kuckt Kühn“?
An diesem Freitag empfehle ich den neuen „Wallander“ mit Kenneth Branagh. Den Höhepunkt des bisherigen Fernsehjahres aber erleben wir nächste Woche Donnerstag.

Nämlich?
In der Arte-Reihe „Durch die Nacht mit…“ zeigt Liza Minelli ihrem Freund Fritz Wepper New York. Wie die beiden, schon ziemlich in die Jahre gekommen, durch die Stadt ziehen, Liza gibt Autogramme und erklärt jedem: „This ist my friend Fritz!“ – das ist hinreißend. Und wann läuft`s? Nachts um halb zwölf. Schon daran können Sie die hohe Qualität dieser Sendung erkennen.

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