Neue „Newsweek“: das Anti-Online-Magazin

Wen trifft die Digitalisierung der Medien am meisten? Fernsehsender schreien: "Uns!", Pornoproduzenten in den USA verlangen Staatsgelder und Tageszeitungen müssen zusehen, wie immer mehr Leser die jederzeit abrufbare Informationsflut des Netzes bevorzugen. Das US-Nachrichtenmagazin "Newsweek", von ebendiesem Problem gebeutelt, versucht, sich mit einem umfassenden Relaunch als Gegenpol zum schnelllebigen Online-Business zu positionieren.

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Weniger News, mehr Tiefe – das waren die Schlagworte, mit denen „Newsweek“-CEO Tom Ascheim den Relaunch schon vor Monaten ankündigte. Und noch etwas machte Ascheim deutlich: Man wolle die Kernzielgruppe von „Newsweek“ – deutlich – verkleinern. Von ein Reduktion der 2,6-Millionen-Auflage (allein in den USA) um eine halbe bis zu einer Million Exemplare war die Rede. Hintergrund: Ascheim, dessen Blatt zum Haus der Washington Post Company gehört, will dem Nachrichtenmagazin mehr Profil verleihen – einerseits, um sich als Print-Gegenpol im Internetzeitalter zu präsentieren, andererseits, um Werbekunden mit einem hochwertigeren Blatt an sich zu binden.

Ob letzteres klappt, bleibt abzuwarten; gerade ist erst die zweite Ausgabe der neuen „Newsweek“ erschienen. Ersteres hingegen ist offensichtlich gelungen: „Newsweek“ wirkt durch und durch hochkonzentriert – und dadurch auf eine gewisse Art modern. Hier sollen die Leser nicht ihre Zeit verbummeln, denn das können sie im Web, hier wird gearbeitet.

Nicht mehr die aktuellen Themen sind es, mit denen „Newsweek“ versucht, die Leser zu ködern – dieser Ansatz wurde komplett fallengelassen. CEO Ascheim ist bewusst, dass Magazine gegenüber dem Internet in Sachen Aktualität  immer im Nachteil sein werden. Deshalb der Versuch, sich vor allem auf zwei Sorten von Geschichten zu konzentrieren: einerseits Reportagen, die „auf genauen Beobachtungen und neuen Recherche-Ergebnissen fußen“, andererseits ausführliche Essays, die anhand von Argumenten und Belegen für ihren Standpunkt eintreten.

Die Wahl der Titelthemen wurde jedoch nicht nur in dieser Hinsicht überarbeitet: zukünftig will Chefredakteur Jon Meacham zudem „versuchen, provokativer zu sein“. Mit der zweiten Ausgabe nach dem Relaunch gelingt das bestimmt: „Everything you think you know about iran is wrong“ titelt das Heft – und zeigt einen verdrießlichen Mahmud Ahmadinedschad auf dem Cover. Der Titel dürfte das Magazin viele Abonnenten kosten, aber das ist ja Teil des „Newsweek“-Plans.

Die Verknappung der Inhalte und die Konzentration auf wenige, wichtige Themen geben dem Heft durchaus Profil. Der Effekt wird dadurch verstärkt, dass Meacham mit dem Relaunch häufiger auf bekannte Autoren setzt und diese prominent auf der Titelseite ankündigt. Hier wird nicht mehr zusammengetragen, was die Welt gerade bewegt, vielmehr will „Newsweek“ Agenda-Setting betreiben. Allgegenwärtige Themen würden nur noch dann behandelt, wenn „Newsweek“ „tatsächlich  etwas zu der Konversation beitragen kann“, wie Meacham sagt.

Auch das Layout unterstreicht die neuen Ansprüche der „Newsweek“-Macher, sich aufs Wesentliche konzentrieren zu wollen: großformatige Bilder, ein ruhiger Gesamtaufbau, wenig Ablenkung.  Dazu die neue Ressort-Unterteilung in „Scope“, „The Take“, „Features“ und „Culture“ – hier werden weniger thematische Grenzen gezogen, denn formelle: unter „Scope“ laufen etwa die kurzen Stücke, unter „Features“ die langen Reportagen.

Insgesamt überzeugt die neue „Newsweek“ also. Aber wo sind die Schwachstellen? 1. Insgesamt bietet das Magazin mit 60 Seiten Umfang relativ wenig „Futter“. Natürlich, auch vor dem Relaunch konnte die „Newsweek“ nicht gerade mit ihrem Umfang überzeugen – doch die Neuausrichtung hätte die Chance gegeben, Themen in aller Tiefe auszubreiten. Gerade einmal sieben Seiten umfasst dagegen die längste Story im Blatt. 2. Teilweise wirkt das Magazin, als wäre das Web noch nicht erfunden. Wo sind die Hinweise auf weiterführende Links? Wo die Einladung, zu kommentieren? Es ist, als gäbe es Newsweek.com nicht, dabei wurde die Site gerade ebenfalls relauncht. 3. Bei aller Konzentration: etwas Abwechslung tut jedem Auge gut. Sogar dem eines übereifrigen „Newsweek“-Lesers.

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