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„Journalisten verdienen miese Bezahlung“

Der Medienwirtschafts-Professor Robert G. Picard hat der Medienzunft in einem Essay im nur noch online erscheinenden "Christian Science Monitor" die Leviten gelesen. "Journalisten verdienen es, schlecht bezahlt zu werden", schreibt er, weil sie in den meisten Fällen keine Werte mehr schaffen würden. Nachrichtenjournalismus sei zu einem Massenprodukt verkommen. Wenn Medien wollen, dass Leser mehr für Inhalte zahlen, müsse sich der Journalismus fundamental ändern: "Passt Euch an oder sterbt."

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Professor Picard absolviert gerade eine Gast-Professur am Reuters Institut der Oxford Universität. Sein Essay im „Christian Science Monitor“ ist die Kurzfassung einer seiner Vorlesungen dort. „Journalisten denken von ihre Arbeit gerne in moralischen oder gar geheiligten Dimensionen. Sie glauben, dass sie die demokratische Gesellschaft bereichern, den Mächtigen die Wahrheit entgegenhalten und den Geplagten Trost bieten“, schreibt Picard. In Wahrheit aber würden Journalisten derzeit verdienen, niedrig bezahlt zu werden. Die Bezahlung sei lediglich eine Kompensation für die Schaffung von Werten, analysiert der Professor, und Journalisten würden einfach nicht genügend Werte schaffen.

Journalistische Werte bestünden aus dem Bereitstellen von Informationen, einem Gefühl der Zugehörigkeit und Gemeinschaft, Versicherung und Sicherheit. In der Vergangenheit hätten die Kosten und Schwierigkeiten bei Herstellung und Vertrieb die Zahl der Inhalte-Lieferanten beschränkt. Diese Knappheit hat den Wert der Inhalte hoch gehalten. Damit sei es nun vorbei, so Picard.

Um wirtschaftliche Werte zu schaffen, hätten sich Journalisten und Nachrichten-Organisationen viele Jahre darauf verlassen, exklusiven Zugang zu Informationen zu haben und die Möglichkeiten, diese Informationen zu verbreiten. „Heute kann jeder gewöhnliche Erwachsene Nachrichten beobachten und sammeln, deren Bedeutung gewichten, Töne, Bilder und Videos hinzufügen und diese Inhalte mit Leichtigkeit veröffentlichen und vertreiben. Und das alles wird größtenteils ohne jede Bezahlung gemacht“, so Robert G. Picard.

Die meisten Journalisten hätten zudem die gleichen Fähigkeiten, den gleichen Zugang zu Geschichten und zu Quellen, würden die gleichen Fragen stellen und im Endeffekt die gleichen Geschichten produzieren. Journalismus sei so zu einer Massenware verkommen. Und für Massenware, so die bittere Schlussfolgerung, ist niemand bereit, viel Geld zu zahlen.

Um aus der Massenproduktion auszubrechen, müssen Journalisten laut Picard Inhalte und Services bereitstellen, die das Publikum nirgendwo anders findet. „Wenn Werte geschaffen werden sollen, dann dürfen Journalisten nicht länger in traditioneller Weise nacherzählen, was anderswo bereits berichtet wurde. Journalisten müssen innovativ sein und neue Wege finden, um Informationen zu beschaffen, zu verarbeiten und zu vertreiben, um so Inhalte und Services anzubieten, die Leser, Zuhörer und Zuschauer nirgendwo anders bekommen.“ Dann wäre es auch möglich, einen vernünftigen Preis für solche Inhalte zu erzielen.

Picard fordert Zeitungen auf, sich viel stärker zu spezialisieren. Auf die USA bezogen nennt er einige Beispiele. Der „Boston Globe“ könne sich auf Bildungs- und Gesundheitsthemen spezialisieren, weil in seinem Einzugsgebiet viele hochkarätige Bildungs- und Medizin-Einrichtungen beheimatet sind. Die „Dallas Morning News“ könne sich auf Öl- und Energie-Themen stürzen, die „Chicago Tribune“ auf Flugzeug-Themen usw. „Jede Zeitung muss in Sachen Qualität und Quantität der unbestrittene Marktführer in Sachen lokaler Nachrichten sein“, fordert Picard.

Journalisten müssten sich zudem unternehmerische Fähigkeiten aneignen und offener werden für Innovationen. Dann könnten Sie es auch wieder Werte schaffen, so Picard. Und hoffentlich auch wieder gut verdienen.

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