Kathrin Lehmann: „Super-Nanny“ der Bosse

Kathrin Lehmann will aus Führungskräften Menschen mit Ecken und Kanten machen – denn nur die, so die Philosophie der Medientrainerin, kommen beim Zuschauer gut an und können in TV und Print überzeugen. Wichtigstes Instrument, um als echter Mensch und nicht als "Firmenroboter" wahrgenommen zu werden, ist die Körpersprache, deshalb gehört nervöses Fuß-Wippen zu den "Don´ts" in Lehmanns Regel-Katalog. Im MEEDIA-Interview erklärt sie außerdem, wie wichtig Kritik ist – selbst für Führungskräfte.

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Frau Lehmann, können Sie uns jemanden verraten, der Ihrer Meinung nach im Umgang mit der Presse immer wieder alles falsch macht, was man nur falsch machen kann?

Ich finde, Herr Mehdorn ist so ein Typ. Unser Ex-Bahn-Chef hat sich durch stetes Mauern gegenüber der Presse immer wieder verschlossen gezeigt, Fehler nicht zugegeben und Kritik einfach ausgebremst. Und jetzt, nachdem er gehen musste, sagt er auch noch, er verstünde das alles gar nicht! Das ist für mich nicht nachvollziehbar. Dieser Mann war offenbar nicht oder schlecht beraten. Er hätte jemanden gebraucht, der ihm sagt, er muss sich Kritik auch einmal stellen, Einsicht zeigen und Verantwortung übernehmen – das ist ganz wichtig für die Glaubwürdigkeit. Ein positives Beispiel ist dagegen der Telekom-Vorstand René Obermann, der macht das wirklich klasse. Er entschuldigt sich bei Pannen oder hält im Bespitzelungsskandal den Kopf hin. Und er hat eine emotionale Sprache – allerdings ohne dabei an Sachlichkeit zu verlieren. Er übernimmt Verantwortung und zeigt Eingeständnis, das macht ihn menschlich. Ein Faktor, der wichtig ist: Menschlichkeit. Man will es ja nicht mit irgendeinem Firmenroboter zu tun haben, sondern mit einem Menschen mit Ecken und Kanten und möglichst auch noch Herz.

Welches sind denn die häufigsten Fehler, die Sie immer wieder beobachten?

Die liegen oft in der Körpersprache: Viele Protagonisten wirken extrem ernst, obwohl sie z.B. gerade über tolle Unternehmensentwicklungen sprechen. Dann gibt es oft das Phänomen, dass sie in ihrer Sprache sehr ruhig wirken, die Körpersprache aber das genaue Gegenteil zeigt. Das ist einfach nicht rund! Da nestelt jemand mit den Fingern, wackelt mit dem Knie und will souverän erscheinen. Und genau das  sind ja die Sachen, die gerne ins Bild genommen werden. Ein Fehler ist es auch, anderen unhöflich ins Wort zu fallen. Passiert gerne, wenn jemand Macht demonstrieren will. Zuschauer nehmen das oft als Respektlosigkeit oder Überheblichkeit wahr. In solchen Momenten schwinden Sympathiepunkte schnell dahin.

Können Sie in zwei Sätzen erklären, was das Ziel eines Medientrainings ist?

Ziel ist es, in der Öffentlichkeit nachhaltig glaubwürdig wahrgenommen zu werden, um dem Unternehmen, für das man in der Öffentlichkeit steht, ein gutes Image zu verschaffen. Je überzeugender man sich präsentiert und zielgruppenorientiert kommuniziert, desto größer ist der Erfolg. Genau das lernt man in einem Medientraining.

Aber kann es nicht schnell passieren, dass die Manager, die Ihr Training besuchen, danach fast schon „zu perfekt“ agieren? Und dadurch unglaubwürdig werden?

Das darf nicht das Ziel sein, ganz klar. Ich glaube, Perfektion ist langweilig. Menschen mit Ecken und Kanten sind diejenigen, die auch in der Öffentlichkeit einen großen Wiedererkennungseffekt haben. Je mehr die Persönlichkeit eines Menschen im Vordergrund steht, also auch bei einem Medientraining, desto höher ist der individuelle Praxisnutzen bei seinen künftigen Auftritten. Dabei geht es nicht um Perfektion im Sinne von „der oder die ist glatt, macht alles richtig und hat irgendwann eingefrorene Gesichtszüge“, das findet ein Zuschauer eher langweilig. Viel besser ist es, in einem Medientraining die persönlichen Stärken und Schwächen herauszufiltern, die Stärken nach vorne zu stellen und damit diesem Menschen im Umgang mit den Medien das allerbeste Handwerkszeug mit auf den Weg zu geben.

Welches Handwerkszeug ist das?

Als erstes ist es das Bewusstmachen der verbalen und non-verbalen Signale.
Fachkompetenz allein genügt dabei nicht, es kommt viel mehr auf die Ausstrahlung, die Körpersprache an. Viele unterschätzen das. Aber die Inhalte, das was ich sage, machen nur etwa zehn Prozent dessen aus, was beim Zuschauer ankommt. Der entscheidende „Rest“ ist Körpersprache: Gestik, Mimik, Stimme und Tonfall. Wer hier nicht einen harmonischen Eindruck hinterlässt, wirkt wenig glaubhaft. In seinen Ausführungen sollte man realistisch und natürlich sein, Ernsthaftigkeit, Verantwortung, Emotionen und Humor zeigen. Je mehr ein Zuschauer die verschiedenen Facetten einer Persönlichkeit wahrnehmen kann, desto gewinnender ist der Eindruck, den er sich macht. Ganz wichtig ist natürlich auch eine intensive Vorbereitung auf den Gesprächspartner, die Sendung und das jeweilige Publikum. Nur wer es schafft, publikumsorientiert zu kommunizieren, sorgt dafür, dass seine Botschaften auch ankommen.

Die wichtigste Regel, die Sie Ihren Kunden einbläuen?

Das A und O, um wirklich vor der Kamera zu gewinnen, ist, dass man glaubwürdig rüberkommt. Das hört sich erstmal sehr allgemein an. Aber was steckt dahinter? Wichtig ist es also, wie schon gesagt, sich genau darüber zu informieren, mit wem man ein Gespräch führt. Ist es der Redakteur einer Zeitung, eines TV- oder Radiosenders? Dann sollte man sich schlau machen, was für dessen Leser, Zuschauer oder Hörer interessant sein könnte. Um in der Öffentlichkeit positiv wahrgenommen zu werden, muss ich es schaffen, meine Statements zielgruppenorientiert zu transportieren. Ich kann die interessantesten Botschaften haben, aber wenn ich den Transfer nicht hinbekomme, dann war es umsonst. Man sollte also immer so sprechen, dass es der andere versteht – egal, wann und mit wem.

Wie lange dauert es, aus jemandem einen Medienprofi zu machen?

Das ist ein Prozess, der viel mit Vertrauen zu tun hat. Erstmal müssen sich die Kunden öffnen und auch bereit sein, Kritik anzunehmen. Viele der Führungskräfte, die ein Training machen, haben das Problem, dass sie aus ihren eigenen Reihen kein ehrliches Feedback erhalten.  Genau das suchen sie dann bei mir. Meine Mediencoachings beginnen immer mit einem ersten Kennlern-Gespräch. Auf das eigentliche Training bereite ich mich anschließend wie ein Redakteur vor: Ich recherchiere intensiv, um den Kunden später mit genau den Situationen und Inhalten zu konfrontieren, die auf ihn auch wirklich zukommen.

Kommen die Kunden denn meistens mit einem konkreten Termin, den sie vor der Brust haben, zu Ihnen? Oder denken viele da schon langfristiger?

Es ist eine Mischvariante. Es gibt Kunden, die sitzen in zehn Tagen bei Maybrit Illner auf der Couch und wissen gar nicht, was das bedeutet: „Darf ich eigentlich Fragen stellen bei so einer Talkrunde? Muss ich in die Kamera gucken? Und wohin mit meinen Händen?“ Wir denken uns vielleicht: „Ist doch ganz leicht – einfach den Moderator oder Gesprächspartner anschauen und entspannt sitzen!“ Was leicht klingt, ist in der Praxis alles andere als das! Da sind Unsicherheiten – mit der fatalen Konsequenz, dass der Zuschauer, der sich das ansieht, das Ganze komisch findet. Die meisten Kunden aber denken vorausschauend und sagen sich: „Ich möchte heute beginnen, mich auf den generellen Umgang mit den Medien vorzubereiten, um dort morgen wirklich überzeugen zu können.“

Was ist mit deutschen Medienmanagern, brauchen die auch manchmal Nachhilfe? Oder sind Menschen, die tagtäglich mit Medien zu tun haben, von Haus aus besser geschult?

Das denke ich schon. Die Vorstände von Medienunternehmen sind im Umgang mit Journalisten in der Regel souveräner. Was nicht unbedingt heißen muss, dass sie es besser machen. Aber ich habe noch nicht festgestellt, dass da eine enorme Nachfrage existiert. Die besteht zur Zeit eher verstärkt bei den Unternehmen, die gerade jetzt, in Krisenzeiten, einmal mehr Gesicht und Profil zeigen wollen und müssen.

Und was ist mit der Gegenseite, also uns Journalisten: Wie können wir trotz intensiven Medientrainings unserer Gesprächspartner, das aus Ihnen herausholen, was wir von ihnen wissen wollen?

Am besten ist es immer noch, den anderen zu überraschen. Damit kann man unheimlich viel erreichen. Also etwa Fragen stellen, mit denen er nicht gerechnet hat. Da darf es auch ruhig mal zu Irritationen kommen, nach dem Motto „na, was will die denn jetzt von mir“. So eine Situation gibt jedem Interviewten auch die Möglichkeit, mal aus seiner starren Rolle rauszukommen und sein „wahres“ Ich zu zeigen. Um so einen authentischen Moment zu erreichen, muss ich als Interviewer vor allen Dingen bei der Recherche ansetzen: Nebenschauplätze anschauen, Details beachten und nicht die erstbeste Frage nehmen, sondern noch mal weiterdenken.

Im Internet: www.medientraining-hamburg.de

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