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‚Schockierend, dass eine Zeitung das druckt‘

Die meisten kennen Hans Zippert durch seine tägliche "Welt"-Kolumne "Zippert zappt". Doch der Satiriker hat ein weites Spektrum: Ende der 1980er Jahre war er Chefredakteur der "Titanic", arbeitete für das "FAZ Magazin" und "Geo". Im Gespräch mit MEEDIA verrät Zippert, dass seine "Inspirationsquelle die Seiten vom ARD-Videotext" sind, und das es den meisten Leser-Ärger bei Tierwitzen gibt: "Es gibt keine Probleme, wenn man sich über die Schweinegrippe lustig macht, wo ja nur Menschen sterben".

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Sie schreiben Reisegeschichten, Kolumnen, Kinderbücher – was machen Sie am liebsten?
Am liebsten habe ich Einfälle, ohne sie ausführen zu müssen, denn sobald man eine Idee aufschreibt, wird sie automatisch schlechter, jedenfalls bei mir ist das so.

Jeden Tag eine witzige Kolumne – ist es nicht eine Belastung, sich so der Öffentlichkeit, dem Zwang auszusetzen?
Das ist kein Zwang, sondern eher eine Sucht. Wie jeder Autor bin ich krankhaft geltungssüchtig und daher ist es für mich die höchste Erfüllung, meine Texte jeden Tag auf der ersten Seite einer Tageszeitung gedruckt zu sehen. Außerdem ist es ein sehr gutes Training.

Training wofür?
Um witzig zu bleiben und um eines Tages vielleicht zwei tägliche Kolumnen zu bewältigen. Oder drei.

Die Fähigkeit, humorvoll zu schreiben hat also mit ständiger Übung zu tun?
Ein gewisses Grundtalent schadet nicht. Aber man kann sich fast alles erarbeiten.

Und damit läuft es immer?
Es gibt Tage, an denen mir tatsächlich erstmal nichts einfällt. Aber die empfinde ich als besondere Herausforderung. Dann denke ich: Mal sehen, was mit der Brechstange möglich ist und es ist oft ganz erstaunlich, wie gelungen die Ergebnisse sein können.

Was ist die Brechstange?
Beispielsweise: Neue Saurierart in China entdeckt. Immer wieder faszinierend, was man da rausholen kann. Eine vierte Kolumne zum aktuellen Tunneltest des ADAC wäre natürlich auch eine Herausforderung. Das wichtigste ist, einfach draufloszuschreiben. Denn ein Wort ergibt bekanntlich das andere und eine Kolumne dauert immer 1130 Zeichen.

Da sind sie also unabhängig von topaktuellen Ereignissen?
Saurier sind immer aktuell. Und man kann ihnen immer bestimmte Eigenschaften zuschreiben mit Bezügen zu aktuellen gesellschaftlichen oder politischen Vorgängen. Wenn diese Eigenschaften nicht vorhanden sind, erzwingt man sie eben.

Ein Text – „Nordkoreanische Bilder im Drogeriemarkt“ – zeigt Ihren Mut zu Berichten, die wohl nur sehr wenigen zugänglich sind. Muss man mit der Kolumne auch mal schocken?
Es ist schon schockierend genug, dass eine seriöse Zeitung so etwas druckt. Einige Menschen glauben, die Kolumne gehöre zum Nachrichtenteil oder sei eine ernstzunehmende Meinungsäußerung der Redaktion. Und das schätze ich wirklich sehr an meiner Arbeit, dass ich In den seriösen Rahmen der ersten Seite eingebunden bin und immer wieder Leute darauf reinfallen.

Manche sind dann tatsächlich böse?
Ja, das kommt vor und meistens hat es mit Tieren zu tun. Es gibt keine Probleme, wenn man sich über die Schweinegrippe lustig macht, wo ja nur Menschen sterben.  Aber als während der Olympischen Spiele die Zubereitung von Hunden in der Umgebung der Spielstätten verboten wurde, prophezeite ich eine Hundeplage in Peking, mit grausamen Folgen für die Marathonläufer und riet, es wäre doch besser, die Hunde zu essen. Da gab es erboste Kommentare!

Hat das mit einer mangelnden Auffassungsgabe zu tun?
Es handelte sich dabei um Beiträge von Menschen, die eine gewisse Lobby-Arbeit pflegen und die sich an jedem Punkt aufregen müssen, der ihren Auffassungen zuwider läuft – ob es sich um eine Glosse handelt oder um einen Leitartikel.

Gibt es Themen, über die Sie keine Witze machen würden?
Grundsätzlich bin ich für alles offen, sobald ich ein Komik-Potenzial sehe.

Es gibt absolute Tabu-Themen wie Sex mit Kindern, Antisemitismus…
Das ist natürlich erstmal nicht komisch. Es kommt aber immer darauf an, in welchem Zusammenhang so etwas auftaucht. Wenn diese Themen durch die Verlautbarungsmaschinen gedreht worden sind, wenn seltsame Programme aufgelegt werden oder Politiker auf bizarre Art Stellung beziehen, dann kann das durchaus komisch sein.

Als Sie den Henri-Nannen-Preises bekamen, wurden Sie als „anarchischster Kolumnist in der deutschen Zeitungslandschaft“ tituliert. Können Sie sich damit identifizieren?
Ich fand das schmeichelhaft, aber ich konnte das nicht ganz nachvollziehen. Derjenige, der das formuliert hat, wird sich hoffentlich was dabei gedacht haben.

Google listet beachtliche 20.700 Artikel zu Ihrem Namen auf. Wie wichtig
ist Ihnen Ruhm als Arbeitsmotiv?

Ich glaube, ich hatte schon mal über 100.000 Treffer. Das hängt wohl davon ab, wieviel Bücher gerade im Umlauf sind. Aber es ist eher ein absurdes Kriterium, die eigene Bedeutung über Google ermessen zu wollen. „Cicero“ erstellte mal ein internetgestütztes Ranking, da kam ich auf Platz 12 unter den „Wichtigsten Humoristen“ in Deutschland, und Gerhard Polt belegte Platz 20. Das war völliger Quatsch aber ich  war damit natürlich sehr einverstanden. Allerdings: Dass elf andere noch vor mir platziert wurden, empfand ich als Demütigung.

Eine ganz andere Seite ihrer Arbeit ist der Reisebericht.
Ich verreise eigentlich ungern. Sobald eine Reise ansteht, bekomme ich schwerste Bedenken: Ist es nicht ein Fehler, ausgerechnet in diesem Moment wegzufahren. Genau jetzt wäre doch der ideale Zeitpunkt, mit dem großen Wenderoman zu beginnen. Auch bei der Ankunft am Ziel bin ich einen Tag völlig konsterniert und denke immer: Was soll ich hier bloß? Chicago — so ein Mist. Grönland – wozu?

Aber dann.
Dann legt sich das, dann genieße ich das ungeheuer, in einem ganz anderen Universum zu sein. Meine Lieblingsreise war eine Vogelbeobachtungfahrt nach Kasachstan. Da gab es nichts anderes, als in der sehr eindrucksvollen Gegend herumzustehen und darauf zu warten, dass Steppenkibitze oder Blauracken auftauchten. Das hatte schon etwas Meditatives.

Es gibt also eine Neigung zu den gefiederten Freunden?
Zu allen Tieren. Letztes Jahr habe ich zum Beispiel meine legendäre Drei-Eisbären-Expedition unternommen. Die drei berühmtesten deutschen Eisbären Knut, Flocke und Wilbär habe ich an einem Tag beobachtet, alles mit öffentlichen Verkehrsmitteln – ein Weltrekord, der von der Öffentlichkeit weitgehend übersehen wurde, weil zu wenig Menschen die Welt lesen.

Sie sind schon lange in der Branche. Sie haben irgendwo geschrieben, dass schon Ihre Wiege mit Zeitungspapier gepolstert war – eine schöne Metapher. Was fühlen Sie angesichts der Abenddämmerung der gedruckten Zeitung?
Ich sehe das nicht so. Ich lese darüber immer nur in den Zeitungen. Hin und wieder arbeite ich fürs Fernsehen, dabei merke ich, was für ein halbseidenes und haltloses
Medium das ist. Im Gegensatz zur Zeitungsarbeit. Da redet mir niemand rein und es wird immer genau das produziert, was ich geschrieben habe. Wenn man einen Text um 17 Uhr abgibt, kann man ihn am nächsten Morgen gegen halb vier vor der Tür wieder in Empfang nehmen. Das ist schwer zu toppen.

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