„Nido“ – das Print-Nest für die Mitte-Mutti

Jetzt ist also „Nido“ (italienisch: „Nest“) da, das mit großen Hoffnungen ausgestattete neue Print-Projekt des „Neon“-Machers Timm Klotzek. „Bisher gab es so etwas nicht: Eine Zeitschrift, die moderne Eltern kleiner Kinder mit vielfältigen Themen und zeitgemäß anspricht“, heißt es im nicht namentlich gezeichneten Editorial. Und was ist mit „Eltern“? Der Klassiker unter den Erziehungszeitschriften kommt […]

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Jetzt ist also „Nido“ (italienisch: „Nest“) da, das mit großen Hoffnungen ausgestattete neue Print-Projekt des „Neon“-Machers Timm Klotzek. „Bisher gab es so etwas nicht: Eine Zeitschrift, die moderne Eltern kleiner Kinder mit vielfältigen Themen und zeitgemäß anspricht“, heißt es im nicht namentlich gezeichneten Editorial. Und was ist mit „Eltern“? Der Klassiker unter den Erziehungszeitschriften kommt genau wie „Nido“ aus dem Hause Gruner + Jahr. Die „Eltern“-Macher werden vielleicht ein wenig missmutig auf den neuen Magazin-Sprössling schauen, der so modern daherkommt, während sie sich mit Windel-Tipps, Windpocken und Wut-Attacken auseinandersetzen müssen. Ein bisschen ist das so wie bei den Müttern. Manches Vollzeit-Muttertier reagiert auch mal latent aggressiv, wenn die Berlin-Mitte-Mutti ihr Kleines nach dem Agentur-Job auf dem Trekking-Bike aus der Kita holt.

Für „Nido“ und den Verlag muss das nichts Schlechtes bedeuten. Denn s gibt ja beide: die überzeugte Vollzeit Mutter und die berufstätige Mitte-Mutti. Nun gibt es eben auch für beide eine Zeitschrift. Und natürlich auch für die Papas, diese neuen Väter von denen man allenthalben liest und von denen Ursel von der Leyen immer redet. Denn während „Eltern“ von Männern noch nicht mal mit der Kneifzange angefasst wird, sollte es bei „Nido“ für die Herren keine Berührungsängste geben. Das Magazin ist erfrischend asexuell.

Nach dem wohl unvermeidlichen kleinteiligen Einstiegsseiten gibt es eine sehr schöne Bilder-Strecke, bei der Kinder aus aller Welt vor ihren Spielzeugen posieren. Schon beeindruckend zu sehen, wie der sechsjährige Nelson aus Südafrika seine fünf verschammerierten Autos präsentiert, während der kleine Anton aus Österreich einen Riesen-Fuhrpark inkl. Ferraris, Kränen und Space Shuttle vor sich drapiert hat.

Es gibt eine schön bebilderte und sorgfältig geschriebene Auslandsadoptionsgeschichte, die zeigt, dass das Thema in so einem Heft viel besser aufgehoben ist, als in einer x-beliebigen RTL-II-Reportage. Dann haben wir noch ein Interview mit Daniel Cohn-Bendit, die zwangsläufige Story zur Vereinbarkeit von Elternschaft und Job (Kurzfassung: alles nicht so leicht aber irgendwie machbar), eine Geschichte über guten Sex trotz Kindern und eine herrlich fotografierte Reportage über ein Berliner Fotografenpaar, das mit seinen Kindern Neuseeland und Thailand bereist hat.

Die Geschichten sind schön geschrieben und, noch wichtiger, weitgehend klischeefrei. Mit den großen Stücken lösen die Macher ihren Anspruch, vielfältige Themen anspruchsoll zu behandeln wirklich ein. Leider hat das Heft auch eine zweite Seite, die gegenüber der ersten deutlich abfällt. All die Seiten im hinteren Heftteil, die sich mit Mode und Produkten befassen sind die üblichen Produkt-Friedhöfe und Katalog-artigen Strecken, wie man sie aus x-beliebigen Frauenzeitschriften kennt und nicht schätzt. Will die Anzeigen-Industrie dieses Zeugs wirklich haben? Halten die Werbe-Heinis die Leser für so blöd? Egal. Man kann diese Seiten ja schnell überblättern, beziehungsweise kann die Lektüre auch einfach abbrechen, da die „Nido“-Macher die Produkt-Friedhöfe dankenswerter Weise hinten platziert haben.

Wird‘s was mit „Nido“? Ich war ja sehr skeptisch, was das Konzept des Magazins betrifft. Diese Skepsis ist nach der Ansicht der Erstausgabe vorsichtigem Optimismus gewichen. Das Magazin hat wirklich einige Glanzpunkte zu bieten und bei den großen Geschichten oder der erwähnten Bilderstrecke mit den Spielzeugen beginne ich zu ahnen, wie „Nido“ zu einem richtig tollen Magazin werden kann.

Warum ich nicht euphorischer werden will? Keine Ahnung. Vielleicht ist es das Gefühl, mit diesem ersten Heft bereits so viele Themen zur modernen Elternschaft serviert zu bekommen, dass ich mir kaum vorstellen kann, was da noch folgen mag. Sex, Adoption, Eigenheim, Reisen mit Kindern, Job und Beruf – alles schon abgehakt. Eine Geschichte zum Kochen fehlt vielleicht noch. Aber dann? Vielleicht, weil sie als Favicon unter www.nido.de ein doofes Herzchen haben? Vielleicht weil mir manches Thema auch einen Tick zu bemüht auf das Kinder-und Familienthema gebürstet wurde (Cohn-Bendit über seine späte Vaterschaft). Vielleicht weil ich die Typo der Titelzeilen furchtbar finde, was aber nur wieder Geschmacksache ist. Wir werden sehen.

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