Microsoft stellt Encarta ein

Besiegt: Microsoft stellt nach 16 Jahren sein elektronisches Nachschlagewerk Encarta ein. Der Software-Konzern gibt bekannt, dass der Service weltweit Ende Oktober vom Netz geht, in Japan zum Jahresende. Encarta-CDs und DVDs gehen bereits im Juni 2009 aus dem Handel. Zur Begründung für das Ende seines Lexikons schreibt Microsoft: "Die Leute suchen und nutzen Informationen heute auf vollkommen andere Weise als in vergangenen Jahren". Im Klartext: Encarta muss sterben, weil Wikipedia floriert.

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Das Microsoft-Nachschlagewerk wurde 1993 gestartet und war eine Herzenssache von Bill Gates. Die Idee: nach der Encyclopedia Britannica ein Lexikon für das elektronische Zeitalter zu schaffen und so Menschen weltweit zum Bruchteil der Kosten für ein gedrucktes, vielbändiges Lexikon mit Wissen zu versorgen. Zeitweilig war das Geschäft mit Encarta-CDs und DVDs für Microsoft äußerst lukrativ.

Doch der rasante Aufstieg von Wikipedia läutete das Ende der redaktionell erstellten Lexika ein. Gegen die Effizienz und Leistungsfähigkeit eines netzbasierten Nachschlagewerks, das von einer Unzahl von Nutzern dezentral erstellt und gepflegt wird, ist kein einzelnes Unternehmen konkurrenzfähig. Der gängige Einwand, eine Community-Enzyklopädie könne qualitativ nicht an ein redaktionelles Angebot heranreichen, wurde mehrfach wissenschaftlich entkräftet.

Im Fall von MSN Encarta mag sich noch ein weiterer Umstand nachteilig ausgewirkt haben: Das negative Image des Software-Konzerns in der Öffentlichkeit – in den 90er Jahren waren viele Bürger der Ansicht, Microsoft missbrauche seine marktbeherrschende Stellung. Eine freie und offene Enzyklopädie wie Wikipedia hatte dagegen bei vielen einen klaren Vertrauensbonus.

Spätestens nach 2000 wurde klar, dass Wikipedia die Nummer eins unter den Wissensmedien werden würde. 2005 versuchte Microsoft noch einmal, mit einer Annäherung an das Mitmach-Lexikon aufzuholen, indem es seine Nutzer aufforderte, Aktualisierungen von Artikeln vorzuschlagen – die anschließend gegebenenfalls von Encarta-Redakteuren umgesetzt wurden. Doch das Wachstum und die Arbeitsabläufe wurden auch durch diese Maßnahme nicht beschleunigt. Heute umfasst Encarta rund 50.000 Artikel. Zum Vergleich: Wikipedia kommt ingesamt auf zwölf Millionen Einträge.

Encarta ist nicht das erste Opfer des Wikipedia-Erfolgs. Ein besonder prominenter Kollateralschaden der Gratis-Enzyklopädie war Brockhaus. Der gleichnamige Verlag plante zunächst – nach 202 Jahren und 21 Auflagen –, nur die gedruckte Ausgabe einzustellen, um sich ganz auf eine Online-Version zu konzentrieren. Die Transformation misslang, Brockhaus hat es nicht geschafft, seinen exzellenten Markennamen ins Internetzeitalter zu retten. Das Lexikon wurde im Dezember 2008 von Bertelsmann-Tochter Arvato übernommen.

Im März 2009 kaufte Berliner Verlagsgruppe Cornelsen Meyers Lexikon und Duden. Das Meyers Lexikon Online wurde mittlerweile übrigens abgeschaltet.

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