Volks-Paparazzi: Film dir deine Meinung

"Bild"-Chef Kai Diekmann hat sie sich lange gewünscht. Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft kommt sie endlich in die Läden: die Bild.de-Leserreporter-Kamera. Nachdem die Fotoreporter-Aktion ein Erfolg war, will Bild.de jetzt die Video-Reporter mobilisieren. Erst im September sollten Leser mit Kameras ausgestattet werden und eine Bewegung in Gang setzen. Der Clou: Die Kameras sind so voreingestellt, dass Videos mit einem Klick bei Bild.de upgeloaded werden können. Doch es gibt auch kritische Stimmen.

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Nach dem großen Erfolg der 1414-Leserreporter-Aktion von Bild und Bild.de im Fotobereich erweitert Kai Diekmann die Leserbeteiligung jetzt um bewegte Bilder. Noch im September sinnierte der Bild-Chefredakteur über die Volks-Kamera: „Ideal wäre“, so Diekmann im Interview mit dem „Medium Magazin“, wenn ein Hersteller in Kooperation mit „Bild“ eine Videokamera „zu einem sehr günstigen Endpreis“ anbieten würde, sozusagen die „Volks-Kamera“.

Die könne man dann „unseren tausend besten Leserreportern schenken“ und „damit eine regelrechte Bewegung in Gang setzen“. Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft ist es nun soweit. Der Deutsche Journalistenverband erwartet nun zum Wintereinbruch eine wahre Lawine an Video-Reportern. Der Clou: Springer muss seine Leserreporteraktion noch nicht einmal finanzieren, sondern verdient daran schon beim Verkauf.

Stärkere Einbindung von Leserreportern

Die technischen Voraussetzungen dafür bietet eine preisgünstige und leicht zu bedienende Videokamera, die Vado von Creative. In Kooperation mit Bild.de wird Lidl ab dem 4. Dezember die Superkompaktkamera in 3000 Lidl-Filialen anbieten. Das Besondere an der „BILD.de Leserreporter-Kamera“ für 69,99 Euro ist die Upload-Möglichkeit von Videos auf das Online-Portal von BILD. Sobald die Kamera per USB an den Rechner angeschlossen wird, öffnet sich ein Programm, mit dem die eigenen Videos direkt an Bild.de geschickt werden können.

BILD-Chefredakteur Kai Diekmann dazu: „Die Einbindung von Leserreportern hat sich in den letzten Jahren sehr stark weiterentwickelt. Das wollen wir jetzt auch auf den Videobereich übertragen. Deshalb sind Leserfotos in vielen Medien heute schon eine Selbstverständlichkeit.“ BILD erhält bis zu 4000 Fotos von Leserreportern pro Tag. Seit dem Start der Aktion im Juni 2006 wurden insgesamt rund 9000 Fotos veröffentlicht – davon fast 1000 als Seitenaufmacher. Für jedes gedruckte Bild erhält ein Amateurknipser 500 Euro. Professionelle Fotografen bekommen allerdings pro Bild nur 200 bis 250 Euro pro Bild, was schon damals den DJV auf den Plan rief.

Revolution der Hosentaschen-Paparazzi

Die nur 90 Gramm leichte „Bild.de Leserreporter-Kamera“ mit 2 GB Speicherkapazität und einer Auflösung von 640 x 480 Pixeln scheint optimal, um unterwegs schnell und unkompliziert Videos aufzunehmen. Vergleichbare Geräte kosten im Handel ca. 100 Euro und mehr. Die Kamera passt in jede Hosentasche und eignet sich aufgrund ihrer einfachen Bedienung (ein Knopf zum Starten und Stoppen der Aufnahme) und der Upload-Funktion über einen integrierten USB-Anschluss für Leserreporter besonders.

Kai Diekmann geht in seiner Bewegbtbild-Euphorie sogar noch einen Schritt weiter: „Der so genannte User-Generated-Content ergänzt die Arbeit der professionellen Journalisten ideal, denn die Redaktionen können nicht überall auf der Welt immer vor Ort sein. Videos von Leserreportern sind der nächste Schritt in dieser Medienevolution.“ Das sieht der DJV völlig anders.

Für den DJV-Bundesvorsitzenden Michael Konken geht Verkauf der Videokameras zu weit: „Das bringt uns im Journalismus nicht weiter und es ist eine Aufforderung, Grenzen zu überschreiten“, sagt er. „Viele werden unter Missachtung aller Persönlichkeitsrechte versuchen, Prominenten aufzulauern.“ Diese Art von Sensationsjournalismus könne leicht außer Kontrolle geraten.

Der Videoreporter der Nation

Diekmann ist seit einiger Zeit selbst ein passionierter Videoreporter. „Hier filmt der Boss noch persönlich“ verkündete die weibliche Stimme am Beginn eines rund fünf Minuten langen Videobeitrages im Video-Angebot von Bild.de. Sein selbstgedrehtes Video mit allerlei Promis während einer Gala im Hamburger Alsterhaus hat längst Kultstatus erreicht. Noch im September wollte der „Bild“-Chefredakteur tausend Leser gratis mit einer Videokamera ausrüsten und so eine neue Bewegung starten.

Auch hier erntete er scharfe Kritik vom DJV. So etwas würde das Ansehen des ganzen Berufsstandes bedrohen. Bei Autounfällen würden zu allererst Kameras gezückt und damit Hilfskräfte sowie professionelle Journalisten behindert. Diekmann antwortete in einem Brief: Der DJV weigere sich hartnäckig, „den Journalismus im 21. Jahrhundert ankommen zu lassen“.

Deutschland schon bereit für die Leser-Kamera?

Solche Einwände hält er nicht für stichhaltig: „Leser- Reporter sind eine sinnvolle Ergänzung und machen den Journalismus interessanter und besser“. Als Paradebeispiel führt Diekmann gerne eine Leserreporter-Aufnahme vom Machtwechsel bei der SPD-Klausur Anfang September am Schwielowsee bei Potsdam an. Ein „Bild“-Leser fotografierte Kurt Beck kurz nach dessen Rücktritt bei einem gemeinsamen Spaziergang mit seinem Nachfolger Frank-Walter Steinmeier. Es war das einzige Foto und „ist ein historisches Dokument geworden“, so Diekmann.

Gegen eine potentielle Flutwelle von Klagen ist man bei Springer gewappnet. Diekmann betont deswegen die strenge Prüfung der Aufnahmen: „Wir hatten bisher nur drei bis vier rechtliche Auseinandersetzungen in zwei Jahren.“ Auch der Berliner Medienanwalt Christian Schertz, der drei Leser-Fotos von Joschka Fischer, David Odonkor und Lukas Podolski unter Hinweis auf Persönlichkeitsrechte verbieten ließ, kommt inzwischen zu dem Schluss: „Die Praxis hat gezeigt, dass stringenter als früher versucht wird, Rechtsverstöße zu vermeiden.“

In den USA sorgte die Superkompakt-Kamera „Flip“ für neue Verhältnisse am Videomarkt. Binnen kürzester Zeit krempelte der Winzling den kompletten Camcordermarkt um. Lange Zeit war die Flip ein Geheimtipp unter deutschen Videojournalisten. Seit einigen Wochen gibt es sie auch im deutschen Handel. Die qualitativ schlechtere Vado von Creative dürfte trotzdem ein Schnäppchen sein. 69,99 Euro für eine Kamera, deren unverbindlichen Preisempfehlung bei 99 Euro liegt, ist ein Kampfreis.

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