Olympia: „Extra 3“ zeigt zensierte Seiten

Kein Scherz: Auf der Webseite der NDR-Satiresendung „Extra 3“ lassen sich in China gesperrte Seiten abrufen. Regimekritische Inhalte von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International sind über diesen Umweg auch im Gastgeberland der Olympischen Spiele zugänglich. Mit der Aktion will „Extra 3“ auf Chinas Internetzensur aufmerksam machen – und möglichst viele Seitenbetreiber zum Mitmachen bewegen, wie Redaktionsleiter Andreas Lange im MEEDIA-Interview erklärt.

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Herr Lange, wie ist die Idee entstanden, Internet-Usern in China über die Extra 3-Homepage Zugang zu gesperrten Webseiten zu ermöglichen?

Das Top-Thema in dieser Woche ist für uns die chinesische Internet-Zensur. Da haben wir uns gefragt, ob auch unsere Seite gesperrt ist. Wir waren erst fast ein bisschen enttäuscht, als unsere Korrespondenten vor Ort festgestellt haben, dass wir zu empfangen sind, aber dann haben wir uns gedacht, wir können das ausnutzen. Wir haben überlegt, welche Organisationen zensierte Seiten haben, was uns zu Amnesty International, die Gesellschaft Für Bedrohte Völker und die International Campaign For Tibet geführt hat. Deren Pressesprecher haben uns bestätigt, dass ihre Seiten nicht zu erreichen sind.

Teilweise gibt es Internet-Zugang im Olympischen Dorf.

Amnesty International ist im olympischen Dorf und im Pressezentrum zu empfangen, das hilft aber letztlich der chinesischen Bevölkerung wenig. Wir finden es erschreckend, dass sich das IOC hauptsächlich für den Internet-Zugang der Journalisten eingesetzt hat.Es geht aber darum, den „normalen Menschen“ freien Zugang zu ermöglichen. Sobald die Journalisten wieder weg sind, ist das alles wieder vorbei. Da haben wir uns gesagt, das kann nicht sein. Wir als kleine Satire-Sendung wollen unseren Teil dazu beitragen, jedenfalls für ein bisschen mehr Information in China zu sorgen.

Welche Informationen stellen sie über die Extra 3-Seite zur Verfügung?

Ausgewählte Inhalte dieser Organisationen. Wir können natürlich nicht deren gesamte Seiten spiegeln, aber wir zeigen im PDF-Format Auszüge. Eigentlich hätten wir alles auf Chinesisch oder Mandarin machen müssen, aber das wäre dann ein riesiger Aufwand gewesen, sodass wir uns für Englisch entschieden haben. Das versteht dann zumindest ein Teil der Chinesen. Wir weisen auch auf den Chaos Computer Club hin, der relativ umfangreich etwas zur Umgehung der Internet-Zensur gemacht hat, und es gibt die Seite picidae.net, die auch diesen Service anbietet.

Hatte der NDR Bedenken gegen die Aktion?

Eigentlich nicht. Die Idee fanden von Vornherein alle super. Die technische Umsetzung musste dann nur bewältigt werden, aber das haben wir dann auch alles prima hingekriegt. So etwas geht beim NDR dann doch.

Haben Sie einen „Plan B“, falls China die Seite sperrt?

Dann greift der symbolische Teil unserer Aktion: Im Idealfall, und die Hoffnung haben wir auch formuliert auf unserer Seite, machen viele Leute mit – Unternehmen, Einzelpersonen, wer auch immer, und stellt diese Informationen auch bei sich zur Verfügung, damit sie in China abrufbar sind. Dann kann man das erreichen, was auch der Sprecher von Amnesty International gesagt hat: Ein Loch in die Mauer der chinesischen Zensur zu bohren. Wenn das ganz viele kleine Löcher sind, ist irgendwann ein ganz großes Loch da. Wenn unsere Aktion dazu führen kann, haben wir schon eine Menge erreicht und sind glücklich.

Gibt es schon Reaktionen aus China?

Es fängt jetzt langsam an, dass auch in chinesischen Foren eine Diskussion beginnt. Erfahrungsgemäß dauert das immer ein bisschen, bis sich so etwas herumspricht. Wir haben ein paar Foreneinträge auf chinesischen Seiten gehabt, und das ist natürlich genau das, was wir wollen. Es ist eine Sache, solch eine Seite anzubieten, aber es geht ja andererseits darum, dass die Chinesen das mitbekommen. Wir hoffen da so ein bisschen auf das virale Marketing bzw. die Streufähigkeit des Internets, dass das über alle möglichen Kanäle an diejenigen gelangt, für die es gedacht ist. Das fängt jetzt an und wird hoffentlich noch größer.

Ist die Aktion eventuell Ausdruck eines neuen Konzepts des Fernsehformats Extra 3, vom ironisch-zynischen Kitzeln einen Schritt weiter zu gehen und selbst aktiv zu handeln?

Einen kleinen inhaltlichen Relaunch haben wir bereits im vergangenen Jahr gehabt, als wir im August mit Tobias Schlegl als neuem Moderator an den Start gegangen sind. Seitdem hat sich das schon ein bisschen mehr verändert, dass wir weggehen von den eher inszenierten oder auch „Comedy“-Anteilen, die wir etwas runtergeschraubt haben, und der Verstärkung der real-satirischen Teile. Wir haben das mit Tobias seit Monaten schon regelmäßig gemacht, dass wir jede Woche rausgehen und versuchen, mit einer Art Aktion auf Missstände aufmerksam zu machen. Wir werden uns nicht von der Ironie verabschieden, und auch nicht von der Satire, aber wir variieren den Grad. Die Aktion jetzt ist selber nicht ironisch, aber die Idee, zu sagen: „Unsere Seite ist empfangbar, dann bieten wir das an“, das hat schon etwas von Extra 3, denn wer sonst würde so etwas machen?

Im Extra 3-Blog steht derzeit noch nichts zu Ihrer Aktion. Kommt das noch?

Auf jeden Fall, das machen wir noch. Wir sind ja eine kleine Redaktion, und eine Kollegin ist seit Tagen dabei, das alles einzustellen. Das wird da noch Eingang finden, und wir werden das vielleicht auch noch ausweiten, je nachdem, wie die Resonanz ist.
Schon seit längerem beschäftigen wir uns mit dem Thema Internet, wir haben unser Angebot online stark ausgebaut, um dort presenter zu werden, und versuchen auch immer wieder, in der Sendung Sachen zu machen, die das Internet mit einbinden. Unsere jetzige Aktion ist natürlich exemplarisch für das Zusammenspiel zwischen Fernsehen und Internet. Es ist ja eigentlich eine reine Internet-Aktion, die wir aufgrund der Bilder, die wir im NDR in der Sendung zeigen werden, schön mit Fernsehen kombinieren können. Wir verstehen Extra 3 zwar hauptsächlich als eine Fernsehsendung, aber in zunehmendem Maße auch als Internet-Angebot.

Das heißt, im Netz wird Extra 3 weiter ausgebaut?

Klar, soweit der Staatsvertrag das irgendwann mal zulassen wird.  Alles, was sendungsbegleitend ist und was wir im Moment machen dürfen, wollen wir vorantreiben so weit es geht.

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