Medien-Kommentare: Obama siegt 5:2

Fünf zu zwei für Obama: Die Rede des demokratischen Präsidentschaftskandidaten begeisterte nicht nur die Berliner. Auch beim Kampf um die Kommentare auf den reichweitenstärksten Mediensites lag der 46-Jährige vorn – obwohl seine Rede mehr einem Eierlauf als einer klaren außenpolitischen Positionierung glich. Vor deutschem Publikum, an die Adresse der „zaudernden weißen Wähler in Ohio und Pennsylvania“ (Sueddeutsche.de) gerichtet, versuchte Obama sich als „Brückenbauer“.

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Für Spiegel Online steht fest: „ Europa erlebt in diesen Tagen den 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten“. Unter der Überschrift „Nr. 44 hat gesprochen“ berichtet Gerhard Spörl denn auch vom „Politiker aus Leidenschaft“ Obama, der vom „großem Drang zur Utopie von einer besseren Welt beseelt ist“. Anders als die Kollegen von FAZ.net oder Focus Online, entdeckte Spörl auch nicht den „Showcharakter“ oder die „Volksfeststimmung“, für ihn zielt Obama „nicht auf Effekte, die rauschenden Beifall erheischen“. Auch beim publizistischen Reichweiten-Giganten „Bild“ kam Obama überaus gut weg: Der US-Kandidat habe „die Herzen seiner Zuhörer erreicht“, befand der Seite 2-Kommentar. Und weiter: „Es war eine Geschichtsstunde, eine Lehrstunde in Globalisierung und ein Angebot zur Zusammenarbeit.“

Florian Güßgen von Stern.de fühlte sich während Obamas Rede dennoch wahlweise an John Lennon und dessen Hippie-Utopie „Imagine“ oder an Immanuel Kant erinnert: „Barack Kant beschwor den ewigen Frieden.“ Habt Euch alle lieb, alles wird gut. Güßgen hofft auf einen Fehler, einen klitzekleinen, den der „ globale Polit-Messias“ machen möge, doch „der Streber hat schon wieder alles richtig gemacht“, er „hat den richtigen Ton getroffen, hat Europäer und Amerikaner befriedigt“, spricht in einer Sprache, die „ diesseits und jenseits des Atlantiks verstanden werden kann. Das ist schon viel.“

Der „Meister des Wir“ sei nach seiner Berliner Rede irdischer geworden, schreibt Stefan Reinicke auf taz.de. Zu groß sind seine Vorbilder, allen voran Kennedy, zu amerikanisch seine Rhetorik. Doch „sein Charme besteht darin, dass er noch nicht mit der Macht identifiziert wird. Obama ist ein Popstar, gerade weil er noch nicht US-Präsident ist.“

Christoph Seil (Zeit Online) schätzt die Deutlichkeit Obamas. Dieser Mann wird kein einfacher Partner für Europa werden. Gerade durch seine Forderungen hat der Demokrat für Seil „an außenpolitischer Statur gewonnen.“

Anders sieht es Thomas Schmid (Welt Online). Er vermisst gerade diese Deutlichkeit in Obamas Rede. Ein großer „Taschenspielertrick“ sei die gewesen. Der groß inszenierte Auftritt, in seinen Ausmaßen an Loveparade oder WM erinnernd, war „enttäuschend“, die Rede „gefällig“, wenn auch hübsch anzuhören. Das ewige „Wir“, auf taz.de noch gepriesen, scheint Schmid nur noch anzuöden. „Eine große Rede war es nicht.“

Ähnlich denkt Susanne Bähr (Focus Online), die in Obamas Rosinenbomber-Rhetorik „Kaugummi für ausgezehrte Nachkriegskinder“ sieht. Berlin als Symbol für Freiheit: das Bild ist überspannt. Seine Rede war ein einziges „Friede, Freude, Eierkuchen“, ein „Slalom“, der geschickt um alle strittigen Punkte herummanövrierte.

Einzig und allein Thomas Hanke beschreibt Obamas Auftritt unter der Headline „Kaltes Pathos“(Handelsblatt.com) als nüchtern und kühl. „Keine Seelenmassage“, weder für Deutsche noch für Amerikaner, hätte Obama da betrieben. Hanke ist nicht enttäuscht: „In politischer Hinsicht beruhigt, dass Obama viel fordert und wenig verspricht: Er wird dadurch berechenbarer.“

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