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Flirten in Facebook: A bisserl was geht immer…

Es menschelt in Facebook: Wie im wirklichen Leben, wenn sich Menschen auf die ein oder andere Weise begegnen, spielt auch im Social Network das Zwischenmenschliche eine tragende Rolle. Auf keiner anderen Plattform im Internet haben User die Möglichkeit, andere Menschen auf so unverfängliche Weise kennenzulernen. Die Grenzen zwischen Freundschaft und Flirt sind dabei fließend - und verwischen sich dabei mit jedem Mausklick zunehmend...

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Vielleicht liegt es am schlechten Wetter, vielleicht auch einfach am Humor, der auf der Insel ein bisschen anders ist. Aber witzig in irgendeinem Sinne fand der beliebte britische Autor Tom Hodgkinson („Die Kunst des Müßiggangs“) das boomende Social Netzwork Facebook so gar nicht, als er im Januar für den Guardian eine Schmähschrift verfasste.

„Mit Freunden wie diesen… „, wie der Artikel lautete, wollte der 40-jährige Brite dann doch besser nichts zu tun haben. Das mag zum einen mit an der sehr amerikanischen Note Facebooks gelegen haben, („Clearly, Facebook is another uber-capitalist experiment: can you make money out of friendship?“), zum anderen an den Big Brother-esquen Zügen („The CIA may look at the stuff when they feel like it“), die Hodgkinson ausfindig gemacht haben will.

Vor allem gefällt Hodgkinson nicht, was da auf der Seite vor sich geht. „Facebook appelliert an die Eitelkeit und an das Ego. Wenn man ein schmeichelhaftes Bild von sich selbst hochlädt und eine Liste mit interessanten Dingen auf Facebook stellt, kann ich ein künstliches Bild von mir erzeugen, um Anerkennung zu bekommen – oder Sex.“

Wundertüte des Online-Flirts: Von virtuellen Küssen zu eindeutigen Botschaften 

Da ist es wieder – das verpönte S-Wort, das früher oder später immer im Zusammenhang mit dem Internet fällt. Ist Facebook, dieses saubere Netzwerk im IKEA-cleanen Design, das mit echten Identitäten und Bildern daherkommt,  am Ende des Tages also auch eine weitere verkappte Dating-Plattform?

Die Grenzen sind vermutlich so fließend wie im richtigen Leben. Wann ist ein Flirt ein Flirt – und wo fängt er an? Die Nuancen dazwischen können in Facebook fast beliebig ausgetestet werden – vom einfachen „Poke“, dem „Anstupsen“ eines Mitglieds, das der deutsche Konkurrent studiVZ neologistisch „gruscheln“ nennt, bis zu expliziten Liebesbotschaften, die über eine der vielen Applikationen der Drittanbieter verschickt werden. Diese reichen von eher harmlosen virtuellen Umarmungen und Küssen bis zu so überraschend offen Botschaften wie: „Du hast eine Einladung zu „sleep with me“.

Killerapplikationen Are you interested? und Meet new people

Um über solche eindeutig, wenn auch oft genug nicht zwangsläufig ernst gemeinten Angebote zu entscheiden, muss man sich jedoch erst einmal kennengelernt haben. Das passiert bei inzwischen mehr als zehn Millionen Facebookern über die Zusatzprogramme Are you interested? und Meet new people, die der börsengelistete Dating-Softwareanbieter  Snap! Interacticve entwickelt hat.

Die Killerapplikationen funktionieren wie im alten Rom: Ein Daumen nach oben oder unten genügt zur Entscheidung. Mehr als zweitausend Jahre später wird der moderne Gladiatorenkampf indes nicht mehr in einer Arena, sondern anonym auf wenigen Pixeln ausgetragen: Ein einziges Foto entscheidet nämlich über die mögliche Bekanntschaft zwischen Acapulco und Zürich  – ein Klick nach links („Yes“) oder rechts („Skip“) sind das gnadenlose Votum  im digitalen Zeitalter.

Bin ich interessiert: Und wenn – woran?

Genau genommen ist es eine geschickte Abwandlung jenes Prinzips, mit dem Mark Zuckerberg in jener sagenumwobenen Oktobernacht in 2003 seinen Liebeskummer vertrieb, als er Facemash.com programmierte: Seinerzeit wollte er Kommilitonen nach ihrer Attraktivität miteinander vergleichen. Heute vergleicht jeder User den nächsten Vorschlag mit seinen Vorstellungen:  Bin ich interessiert – ja oder nein?

Eigentlich eine einfache Frage. Verbunden jedoch mit einem schier unermesslichen Interpretationsspielraum: Bin ich interessiert – woran eigentlich? Das ist nun die Online-Variante des Gesellschaftsspiels Was-wäre-wenn, das sich in der Anonymität des WWW bis zur Erschöpfung spielen lässt. Bin ich interessiert an dieser Bekanntschaft? Klick. Wenn ja: Wieso? Klick. Und mit welchem Ziel? Klick-klick-klick.

Zunächst einmal daran, interessant zu sein. Erwidert die/der Angeklickte das Interesse, gibt es ein „Match“. Natürlich kann es auch sein, dass jemand Interesse bekundet, dass man selbst erwidern möchte – oder nicht. Was dann passiert, ist dem Einfallsreichtum überlassen. Oder der Zielstrebigkeit. Von Grüßen mit virtuellen Cocktails einmal abgesehen, ist der schnellste Weg, um herauszufinden, was einen tatsächlich verbinden könnte, das „Add“, also das Hinzufügen als Kontakt. Erst dann erhält man meist Einblick auf das vollständige Profil samt Interessen, Freundesliste, Pinnwand und – ganz wichtig – den Fotoalben.

Facebook verbindet: Kontakte knüpfen – zu Hause, nach dem Umzug oder auf Reisen

Weil Facebook jedoch nach anglo-amerikanischen Höflichkeitsmustern funktioniert, bekommen User nur im Erfolgsfalle eine Rückmeldung: User 1 und 2 „sind jetzt Freunde“, ist auf der Pinnwand dann zu lesen – und im Newsfeed des Netzwerks auch gleich. So schnell werden in Facebook Freundschaften geschlossen. 

Doch wie im echten Leben sollten Facebooker Freunde nicht mit Bekannten verwechseln.  Verläuft ein Kontakt nicht wie gewünscht, verschwindet der Facebook-Freund manchmal so schnell, wie er gekommen ist – nur unbemerkt. Man möchte ja, sehr amerikanisch, den Schein wahren.

Tim Hodgkinson ist und bleibt das alles sehr unsympathisch. „Ich verachte Facebook“, so das gnadenlose Urteil des bierernsten Briten. Eines jedoch billigt der 40-jährige Beststeller-Autor („Die Kunst, frei zu sein“) dem boomenden Startup dann doch zu: „Einige Net-Nerds glauben, dass die Bewertung von 15 Milliarden Dollar exzessiv hoch ist. Aber wenn  sie angesichts der schier unbeschränkten Wachstumsmöglichkeiten eines ist – dann eher moderat.


Wie es zur bemerkenswerten Bewertung von 15 Milliarden Dollar für Facebook gekommen ist, lesen Sie im nächsten Teil.

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