Christoph Mohn: Das Ende der Hundejahre

Es ist das erwartete Ende einer einzigen Leidensgeschichte. Der Portalbetreiber Lycos Europe kündigt an, zwei Drittel seiner Geschäfte zu verkaufen oder zu schließen. Vorstandschef Christoph Mohn zieht damit viel zu spät den Schlussstrich unter den Niedergang des Internetportals, das den Durchbruch nie geschafft hat. Der Sprössling der Verlegerfamilie Mohn hat es nicht verstanden, das Dot.com-Unternehmen der ersten Stunde in die Web 2.0-Ära zu führen.

Anzeige

Der treue Hund blieb bis zuletzt. Noch immer ziert der schwarze Labrador das Firmenlogo, doch der Blick ist nach unten geneigt, traurig. „Wenn du einen Freund brauchst, besorg dir einen Hund“, lautet ein altes Präsidenten-Zitat. Nun bleibt nicht mal der. Heute gab der einst höchst bewertete deutsche Internetkonzern mit holländischem Firmensitz in kryptischem Börsensprech bekannt, was in der Branche längst als ausgemacht galt: Lycos hat fertig.

Dabei hat es der Internetportalbetreiber nie geschafft. Schon 2000, als der Europa-Ableger des ewigen Yahoo-Verfolgers an die Börse strebte, war dies alles andere als eine Erfolgsgeschichte. Auf den letzten Metern, zwei Wochen nach dem Allzeithoch der Internet- und Technologiewerte, landete der schon damals defizitäre Portalbetreiber am Neuen Markt noch ein Monster-IPO mit einer Mondbewertung von mehr als vier Milliarden Euro.

Enorme 672 Millionen Euro spülte der Börsengang allein in die Kassen des Bertelsmann-Lycos-Joint-Ventures. Nach Ausübung des Greenshoes waren es sogar 773 Millionen – eine prall gefüllte Kriegskasse, die bei solidem Wirtschaften Jahrzehnte des Überlebens hätte sichern können. Geblieben sind davon per 30. September nicht einmal mehr 140 Millionen Euro. 50 Millionen werden davon nun an die Aktionäre (darunter auch zu einem nicht unwesentlichen Teil an Mohn selbst) ausgezahlt – nach Willen der Gesellschaft noch vor Jahresende.
 
Scheitern auf allen Ebenen: Zukäufe  und Neu-Engagements zahlen sich nicht aus

Was ist in der Zwischenzeit schief gelaufen? So ziemlich alles.
Im Kernsegment, dem Portalgeschäft, erlebte Christoph Mohn einen einzigen Abstieg. Im Frühjahr 2000, als Lycos an die Börse strebte, war man in deutschsprachigen Internet noch das zweitmeistbesuchte Portal – in Europa unter Berücksichtigung der Zukäufe vor allem im skandinavischen Bereich sogar kurzzeitig Marktführer. Inzwischen jedoch verirren sich gerade noch rund 3 Millionen User im Monat auf die Anlaufstelle zum Web. Zum Vergleich: T-Online bringt es auf 14 Millionen, Yahoo auf rund 10 Millionen.

Und das ist noch das  gewichtigste Pfund, mit dem das Gemeinschaftsunternehmen von Bertelsmann und der Teléfonica wuchern kann. Mohn kaufte zu und zu und versuchte in so ziemlich allen Spektren der Internet-Peripherie Fuß zu fassen – sei es mit der Übernahme des Domain-Registrars united-domains AG oder Beteiligung an der dänischen Chat-Community Worldsbiggestchat, aus der im vergangenen Jahr die Messaging-Plattform Jubii hervorging.

Vor allem die Expansion im Provider-Geschäft entwickelte sich zum Debakel. Andere Dienste wie der Webhosting-Service Tripod, die Wissenscommunity Lycos iQ online blieben weit hinter den Erwartungen zurück und wirken vor dem Hintergrund der Zeitenwende der Web 2.0-Ärä hoffnungslos antiquiert. Ein schlagkräftiges Social Network sucht man bei Lycos vergebens.

Lycos.de ist heute wie wohl kein anderes Internetportal hoffnungslos 1.0. Am Ende, das zeigt der harte Schnitt von heute, reichte es nicht mal mehr zum Verkauf von Teil-Assets. So bleibt Christoph Mohn nichts übrig, als das Kerngeschäft – namentlich: die Portal- und Hostingaktivitäten –  zu schließen.

Beispiellose Wertvernichtung: Lycos-Aktie – von 24 Euro auf 24 Cent in 8 rund Jahren

Christoph Mohn bleibt damit das traurige Vermächtnis, als einer der größten Wertvernichter in die Annalen der deutschen Internet-Geschichte  einzugehen. Der völlig überteuerte Börsengang, bei dem das Online-Portal mit einem KGV von über 100 bewertet wurde, markierte im März 2000 den Höhepunkt der Internet-Euphorie in Deutschland.

Lycos-Anteilseigner, die dem Portal bis heute die Treue gehalten haben, dürfte das kaum mehr trösten: Sie haben eine beispiellose Talfahrt hinter sich – vom Ausgabekurs bei 24 Euro am 23. März 2000 bis auf gestern 24 Cent. Summa Summarum: 99  Prozent Wertvernichtung in achteinhalb Jahren auf dem Börsenparkett.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige