15.000 Journalisten bei Obamas Medienshow

Dieser Parteitag übertrifft alles, was bisher an medialem Aufwand in einem US-Wahlkampf betrieben wurde: Die viertägige Democratic National Convention (DNC), in deren Verlauf Barack Obama zum Präsidentschaftskandidaten gekürt werden wird, ist ein Musterbeispiel minutiöser medialer Inszenierung. Sowohl Demokraten als auch Medien-Unternehmen wollen auf der New-Media-Welle mitreiten. Dafür werden Blogger eingeladen, Journalisten digital aufgerüstet und User befragt. Der multimediale Content ist King.

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Bereits der Auftakt zur Democratic National Convention war spektakulär: Am späten Freitagabend verschickte Barack Obama laut Nielsen 2,9 Millionen SMS an mögliche Wähler. Botschaft der Aktion: Joseph Biden wird Vizepräsidentschafts-Kandidat. Der Coup wurde den Demokraten zwar durch findige Journalisten, die schon am Freitagnachmittag Bidens Vize-Kandidatur ausposaunten, vergällt; doch die unterschwellige Aussage der SMS wird in den Köpfen hängen bleiben: Barack Obama ist der Präsident des 21. Jahrhunderts. Modern bis in die Daumenspitze.

Das zeigt sich nun auch während des Kongresses: Am Veranstaltungsort, dem Pepsi Center in Denver, sind seit gestern 15.000 Medienschaffende versammelt. Darunter US-Nachrichtengrößen wie Katie Couric, die mit einem täglichen Webcast ihre Nachrichten auch online präsentiert. Oder Jon Stewart, der seine „Daily Show“  vier Tage lang aus Denver sendet. Für die großen Medienunternehmen hat die DNC die Dimension einer Sportveranstaltung: Ähnlicher Aufwand muss betrieben werden, um die Zuschauer zum Einschalten zu bewegen. So hat CNN etwa eine 100.000 Dollar teure Kameratechnik zum Parteitag mitgebracht, die wie ein fliegendes Auge über dem Stadion von Denver schweben wird, wenn Obama dort am Donnerstag seine Nominierung akzeptieren wird. Die „Skycam“ wird sonst bei Veranstaltungen wie dem „Super Bowl“ verwendet. Das Großaufgebot dürfte sich lohnen: 25 bis 30 Millionen Zuschauer werden für Obamas Abschlussrede erwartet.

Neben den unzähligen TV-, Print- und Online-Journalisten konnten sich auch zahlreiche Blogger für die diesjährige DNC akkreditieren: Aus allen Staaten wurde jeweils ein Blog herausgesucht, dessen Autoren gemeinsam mit der jeweiligen „state delegation“ den Kongress besuchen. In einem „general blogger pool“ kommen noch einmal Dutzende von Bloggern zusammen, die allerdings nicht an der Seite der Politiker der Convention beiwohnen.

Daneben gibt es mit dem „Big Tent“ noch ein von Google und Digg gesponsortes Multimedia-Zentrum für Blogger und Bürgerjournalisten. Google und sein Tochterunternehmen YouTube stellen in der Halle alle möglichen Geräte – vom Handy bis zur Digicam – bereit, Mitarbeiter vor Ort helfen bei technischen Fragen und geben Tipps für die multimediale Berichterstattung. Außerdem werden Panels, Workshops und Diskussionen abgehalten. Und mit Hilfe des „Digg Dialogg“ können User per Video oder Textnachricht ihre Fragen an die Delegierten stellen. Für insgesamt 100 Dollar können 300 bis 400 Blogger, Nachwuchs- und Bürgerjournalisten von hier aus ihre Berichte in die Welt schicken.

Larry Magid von CBS sieht die Blogger gerade bei Veranstaltungen wie der DNC an der richtigen Stelle: „Bloggers don’t have the resources, for example, to adequately cover wars and other important international events. But the blogosphere can do an excellent job in bringing us news and perspective of what happens in Denver.“ Diese neue, gern mit „demokratisch“ bezeichnete Art der Berichterstattung wird auch die Sichtweise der Zuschauer und User auf die politische Großveranstaltung ändern: Wo bisher nur Reden der wichtigsten Politiker im TV übertragen wurden, können nun im Netz fast alle Ansprachen mitverfolgt werden. Nebenschauplätze wie –darsteller werden gezeigt, Triviales wird seine Wege nach draußen, an die Öffentlichkeit, finden. Das ist nicht unbedingt von journalistischem Interesse, kann aber ebenfalls Wählerstimmen beeinflussen. Was also gerade in Denver zu beobachten ist, ist eine Machtverschiebung: Nicht unbedingt von den Republikanern zu den Demokraten, aber sicherlich von den Großen zu den Kleinen.

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