Kein zweiter „Hudson-River-Tweet“

Die Medien überschlagen sich nach dem Amoklauf von Winnenden. Nicht nur über das Ereignis an sich, sondern auch über die Rolle von Twitter bei der Berichterstattung. Nahezu alle bei Twitter präsenten Medien boten eine umfangreiche Live-Berichterstattung zu dem Amoklauf via Twitter an. Focus Online richtete dafür gar eigens einen Live-Account ein. Die Hoffnung der Medien auf authentische Augenzeugenberichte, wie bei dem in New York notgewasserten Flugzeug, wurde jedoch enttäuscht.

Anzeige

So stellte ein n-tv-Mitarbeiter eilig seine Handynummer bei Twitter ein, wohl in der Hoffnung, Augenzeugen vor Ort hätten nichts besseres zu tun, als ihre Laptops aufzuklappen, die Nummer bei Twitter zu lesen und ihn anzurufen. Damit er dann womöglich wieder was zu twittern hätte. Symptomatisch ist der Fall der Twitter-Nutzerin „Tontaube“. Sie twitterte eine Stunde nach der Bluttat aus Winnenden: „Schüler in angrenzender Grundschule sind in Klassenzimmern, die von Gymnasium & Realschule sind ins Wunnebad evakuiert.“

Sofort versuchten Medien mit „Tontaube“ via Twitter Kontakt aufzunehmen, hektisch auf der Suche nach dem Augenzeugen-Twitterer. Vergeblich. Die Nutzerin befand sich nur in derselben Ortschaft, aber nicht am Tatort, und twitterte kurz darauf: „Liebe Presse: ich weiss doch auch nichts von dem Verrückten…“

Die Medienmaschine lief und läuft heiß auf Twitter. Der Kommunikations-Dienst wurde zum Nachrichten-Feed und Befindlichkeitsmedium für Journalisten umfunktioniert. Besonders die Reporter von Bild.de (Twitterfeed: bild_aktuelles) und Focus Online (FOCUSLive) taten sich durch getwitterte Banalitäten hervor. So erfuhren wir bei bild_aktuelles brandheiß, dass der Amokläufer seine Katze geliebt hat, dass Bild.de umfassend berichtet, dass ein Opfer Ausländer ist und dass die MySpace-Seite eines gewissen Tim K. nicht die des Täters ist. Denn der Täter sei weder Hesse noch Wassermann.

Bei FOCUSLive wurde minutiös von der Fahrt der Reporter zum Tatort berichtet und auch Reporter-Witzeleien fanden bei FOCUSLive ihren Weg über Twitter in die Öffentlichkeit. Zunächst hatte das Focus Online-Team unter dem Namen „amoklauf“ einen eigenen Twitter-Account für den Vorfall eingerichtet, nach deutlichen Nutzerprotesten aber wieder gelöscht und in „FOCUSLive“ umbenannt. In diesem Fall wird offensichtlich, dass Medien mit dem neuen Spielzeug Twitter eben erst lernen, umzugehen. Der berühmte Hudson-River-Tweet, als ein Augenzeuge das erste Foto des in New York notgewasserten Flugzeugs twitterte, hat gezeigt, wozu Twitter in der Lage ist. Der Amoklauf von Winnenden demonstriert nun, was Twitter nicht kann. Nämlich Journalismus ersetzen.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige