„Zwangsabos nach der Machtergreifung“

Er genoss eine katholische Erziehung, legte seine Magisterarbeit zur Satire-Kritik vor und war "Titanic"-Chef. Dann ging er in die Politik. Jetzt hat Martin Sonneborn, der Bundesvorsitzende der "Partei", ein Buch veröffentlicht, in dem er seine politische Karriere und die Verlockung der Macht beschreibt. Mit MEEDIA spricht er über Deutschland, letzte Tabus und politische Gegner. Den Medien empfiehlt er angesichts der schweren Krise, antizyklisch zu handeln.

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Herr Sonneborn, lieben Sie die Politik?

Ja. Meine große Liebe gehört natürlich der Politik! Behauptungen wie „Ich liebe meine Frau“ wären für den Bundesvorsitzenden einer kleinen schmierigen, populistischen Partei reiner Wahnsinn.

Der Untertitel Ihres neuen Buches lautet: „Wie man in Deutschland eine Partei gründet und die Macht übernimmt“ – warum hat das eine geklappt, das andere noch nicht?

Wir sind auf dem besten Wege dahin. Es gibt ja wesentlich erfolglosere Parteien, die sich seit über 140 Jahren in der Politik tummeln; ich denke da an die SPD. „Die Partei“ gibt es seit 2004, wir haben an verschiedenen Wahlen teilgenommen; wir haben es geschafft, das Land auseinander zu dividieren, noch weiter, als das nach der Grenzöffnung von anderen politischen Parteien betrieben wurde. Und wir haben bei der Bundestagswahl in Hamburg und Berlin aus dem Stand bis zu 0,4 Prozent der Stimmen abgefischt. Das ist unser bestes Ergebnis seit Kriegsende.

Bei der letzten Landtagswahl in Hamburg im Februar sind wir mit unserem Spitzenkandidaten Heinz Strunk angetreten und haben einen ganz klaren Auftrag zur Regierungsbildung erhalten. Allerdings von relativ wenig Wählern.

All das zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind und ich glaube nicht, dass wir so lange brauchen wie die SPD.

Wird „Das Parteibuch“ bei ihrem Kampf eine wesentliche Rolle spielen?

Ich glaube ja. Schon allein deswegen, weil sich auf Seite 223 ein Aufnahmeantrag befindet. Und ich glaube, wer das Buch gelesen hat, muss sich entscheiden, ob er für oder gegen die Partei steht. Noch ist das alles freiwillig. Noch gibt es einige wenige niedrige Mitgliedsnummern, und eine solche kann nach der Machtübernahme von Vorteil sein.

Das Buch ist Teil einer Multi-Medien-Kampagne, im Sommer kommt noch der „Partei-Film“ ins Kino.

Wie hoch ist die Auflage?

Ich vermute, dass zwischen 10.000 und 20.000 Exemplaren gedruckt wurden. Zum Kauf von Hitlers „Mein Kampf“ wurden die Bürger übrigens zwangsverpflichtet. Das ist ein Zustand, den wir anstreben, aber vermutlich erst nach der Machtübernahme erreichen werden.

Was ist der wesentliche Unterschied zwischen „Mein Kampf“ und ihrem Buch?

„Das Parteibuch“ ist natürlich wesentlich lustiger als „Mein Kampf“. Und es ist wesentlich weniger verboten. Im übrigen vergleiche ich es lieber mit dem Parteibuch der CDU.

In „Das Parteibuch“ haben Sie die Possen Ihrer politischen Karriere genau geschildert. Ist es eine Genugtuung, einen solchen Bericht zu veröffentlichen?

Nein, eine Genugtuung ist das nicht. Es war eher eine Freude, es zu schreiben, weil mir so viel extrem komischer Stoff zur Verfügung stand. Außerdem war es höchste Zeit, dass ich meine Memoiren vorlege. Man muss bedenken, dass Enddreißiger in diesem Land Minister werden – und ich bin schon 43!
Wenn man an ihre Wahlkampfaktionen denkt, („Deutsche wehrt euch! Wählt FDP!“) könnte man den Eindruck gewinnen, dass Ihr Menschenbild insgesamt sehr pessimistisch ist.

Nein, überhaupt nicht. Als Vertreter des Satire-Magazins „Titanic“ geht es mir natürlich nicht darum, die schönen Dinge im Lande zu beschreiben; wir kritisieren das Unzulängliche mit komischen Mitteln. Da ist es klar, dass man sich auch mit verkommenen Parteien wie der FDP beschäftigen muss. So haben wir antisemitische Tendenzen des rechten Flügels der FDP aufgegriffen und überspitzt.

Von Guido Westerwelle scheinen Sie wirklich besessen zu sein. Was ist so faszinierend am FDP-Vorsitzenden?

Dass dieser Mann immer noch ernstgenommen wird! Der Vorsitzende einer Spaß-Partei – während wir, die eine ernste Parteiarbeit betreiben, als „Spaß-Partei“ denunziert werden. Das ist ein grundlegendes Missverständnis im Land.

Haben Sie persönlichen Kontakt mit dem FDP-Vorsitzenden?

Ich habe ihm einmal auf die Schulter getippt, als er mit dem Guido-Mobil in Heidelberg unterwegs war, und gesagt: „Herr Westerwelle, sagen Sie mal was Antisemitisches“. Darauf drehte er sich um und sagte: „Nein! Das überlasse ich Leuten wie Ihnen.“ Es ist aber keine Freundschaft aus der Begegnung erwachsen.

Was haben Sie eigentlich gegen die Grünen?

Die Grünen tauchen eigentlich nur als furchtbares und abschreckendes Beispiel auf. Einmal habe ich mich bei der Heinrich-Böll-Stiftung vor einem Auditorium vorgestellt und erklärt, dass ich Bundesvorsitzender einer kleinen schmierigen, populistischen Oppositionspartei bin. Woraufhin die Bundesvorsitzende der Grünen Claudia Roth krähte: „Aber nicht der Grünen!“. Das hatte ich ihr in dieser Schnelligkeit gar nicht zugetraut. Auf diese Pointe wollte ich natürlich auch hinaus. Das charakterisiert die Grünen ganz schön.

Muss man in Ihrem Beruf besonderen Gefallen an den Schwächen seiner Mitmenschen empfinden?

Ich denke, es ist in der Politik normal, dass man die Schwächen des Gegners erkennt und ausnutzt. Das sieht man jetzt ja gerade bei meinem Kollegen Althaus, dessen Frau in der „Bild“-Zeitung sagte: „Mein Mann ist über den Berg“. Wir haben das kommentiert: „Das ist genau das Problem, und zwar viel zu schnell“. Jetzt haben alle Parteien kundgetan, dass sie die Vorstrafe von Herrn Althaus im Wahlkampf nicht thematisieren wollen. Das ist eine Thematisierung, die mir in ihrer Abgefeimtheit sehr gut gefällt. Von anderen Parteien wird das also genauso gemacht. Heute geht es in der Politik immerhin weniger um Inhalte als die mediale Vermittlung von Nichts oder von Scheinwerten.

Gibt es Tabus? Immerhin bemühen Sie sich erfolgreich, sie zu finden und zu treffen.

Als „Titanic“-Redakteur sieht man sich mit einem Tabu konfrontiert. Und aufgrund der Denkstruktur der Leute, die im Satiremagazin arbeiten, ist man gezwungen, sich mit dem Tabu auseinanderzusetzen und sich daran zu reiben. Es ist also nicht so, dass wir Tabus suchen – Tabus umgeben uns.

Das womöglich zweitgrößte Tabu, das in Deutschland existierte, ist jenes Tabu, das die deutsche Einheit umgab. „Die Partei“ wurde auch gegründet, weil 2004 in den Feuilletons keine Diskussion darüber stattfand, ob wir wirklich ein Volk sind – wir und die da drüben. Ob es nicht gravierende wirtschaftliche, historische, sozioökonomische Unterschiede gibt. Das wurde ja alles zugekleistert.

Noch einmal: Gibt es Sachen, die man nicht anfassen kann?

Wir hatten einmal katholische Nachwuchsjournalisten aus dem Kirchenbereich in unserer Redaktion. Die haben gefragt: „Gibt es ein Tabu, etwas, das wir in ‚Titanic‘ nicht machen würden?“. Damals ist ein Kollege aufgestanden und hat gesagt, es gibt zwei Tabus im Heft: Witze über die Drehtabakindustrie – die werden Sie nie im Heft finden, weil das die einzigen sind, die bei uns inserieren. Das zweite Tabu ist meine Mutter. Wir haben sofort überlegt, ein Team in sein Heimatdorf zu schicken, um die Frau zu interviewen und zu fotografieren.

Aber es gibt natürlich Themen, bei denen man vorsichtig ist. Also bei jedem Judenwitz. Wir schauen genau darauf, dass diese Witze nicht zuviel Beifall von der falschen Seite erhalten. Das kann ein Grund sein, etwas nicht abzudrucken.

Gibt es da einen Unterschied zwischen der Rolle des Politikers und der des Chefredakteurs eines Satire-Magazins?

Da die Offentlichkeit das vermischt und auch wir das nicht klar trennen können – die „Titanic“ ist das Zentralorgan der „Partei“, „Die Partei“ ist der politische Arm des Faktenmagazins – glaube ich nicht, dass man differenzieren muss. Die Arbeit in der Politik ist allerdings einfacher.

„Die Partei“ ist vor allem ein Medienereignis. Alle, vom „Spiegel“ über die „FAZ“ bis zur „Bild“, berichten regelmäßig. Warum lassen sich die Medien so leicht instrumentalisieren?

Es stimmt: Wir instrumentalisieren jeden, der sich anbietet…

…uns, MEEDIA, jetzt.

Genau. Ich vermute, dass es eine allgemeine Kritik an den politischen Verhältnissen gibt. Wir werden als komische Kritik wahrgenommen.

Verstehen Sie, dass viele Menschen Martin Sonneborns demagogisches Talent auch fürchten?

Ich glaube, das ist eine Fehleinschätzung. Es gibt natürlich Leute, wie die „Bild“-Zeitungsleser, die uns beschimpfen und sagen: „Im Rechtsstaat gehören Typen wie Sie ins KZ“ – eine Kritik, mit der wir leben können. Aber vor allem gibt es auch jene, die das, was wir tun, schätzen. Ich bin überzeugt, dass unsere Arbeit eher geschätzt als gefürchtet wird. Noch.

À propos Medien: Sie wissen, dass es ihren Instrumenten zur Zeit gar nicht gut geht. Sie sind vertraut mit der Branche. Was raten Sie?

Wir haben schon vor Jahren mit „Titanic“ das anzeigenfreie Magazin erfunden und jetzt ziehen alle nach. Wir gehen auch jetzt wieder antizyklisch vor: Wir haben bezahlte Werbung auf der „Titanic“-Webseite. Ich rate ganz klar, sich antizyklisch zu verhalten. Oder Parteien zu gründen. Nach unserer Machtübernahme führen wir dann sowieso Zwangsabos ein.

Das Ziel ist nun in Sicht. Was wollen Sie nach ihrer multiplen politischen Karriere noch erreichen?

Ich möchte, dass Klaus-Dieter Preuß aus Krefeld Bundespräsident wird. Der Mann ist 54, sieht präsidial aus, ist ein Beamter, der in die Partei eingetreten ist, um seinen Dienstherren auf demokratischem Wege zu stürzen. Ich könnte ihn mir viel besser vorstellen als Köhler. Ich glaube, auch wenn wir einen freundlichen, gutgelaunten Neger wie Roberto Blanco an der Spitze hätten, sähe es jetzt ganz anders aus im Land – Sie wissen, wieviel Wirtschaft mit Psychologie zu tun hat.

Wir haben hier einen Mitarbeiter, der sich verändern will. Hätten Sie einen Posten für den?

Natürlich! Wir haben Posten für jeden, der sich einbringen möchte. Wir freuen uns über jeden, der Verantwortung übernehmen will. Ämter kann man sich noch aussuchen. Wir präsentieren im August ein Schattenkabinett. Vergeben sind bis jetzt die Plätze Justizministerium, Gert Postel, das Gesundheitsministerium geht an Rodrigo González von den Ärzten. Alle anderen Posten sind noch frei.

Möchten Sie noch etwas sagen?

Oh ja. Vertreter der „Partei“ waren in Georgien und haben sich nach 60 Jahren für den Bruch des Hitler-Stalin-Pakts entschuldigt. Das ist, glaube ich, eine außenpolitische Leistung, die vor der kläglichen Leistung Merkels gut dasteht.

Wichtiger noch: Anlässlich des 30sten Geburtstags von „Titanic“ im Oktober veranstalten wir am 27. September eine Bundestagswahl. Wir werden dazu alle anderen Parteien einladen, mit Ausnahme der FDP.

Abschließend: Welche Meinung vertritt „Die Partei“ hinsichtlich des aktuellen politischen Tauziehens um den ZDF-Vorsitzenden Nikolaus Brender?

Wären wir an der Macht, würden wir das ZDF abschaffen, aber eine Position für Brender finden. Der bekommt derzeit soviel Gegenwind, dass wir Mitgefühl mit ihm haben. Unser Motto: Sympathie mit Brender, nicht mit dem Sender!

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