Goom: Das erste nationale Web-Radio

Die traditionellen Medien erreichen das junge Publikum immer schlechter. Die Internet-Generation kommt weitgehend ohne Zeitung und Rundfunk aus. Der französische Web-Sender Goom Radio, der in Kürze in Deutschland startet, will sich hierzulande als neues nationales Internetradio etablieren. Goom fusioniert traditionell produzierte Inhalte mit Beiträgen aus der Community und individueller Programmgestaltung. Ein Gespräch mit dem Deutschlandchef Frederic Antelme.

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Herr Antelme, wann startet Goom Radio endlich in die Beta-Phase?

Wir sind noch dabei, alles zu testen. Es gibt noch kein festes Datum, aber es geht in den nächsten Wochen los.

Das Konzept von Goom klingt recht kompliziert: vorproduzierte Sendungen nach traditionellem Muster, Playlists, eigene Podcasts, Community-Netzwerk. Das alles sollen sich die Hörer im Baukasten-System selbst zusammenstellen. Wie hat man sich das genau vorzustellen?

Wir bei Goom Radio kommen von einem traditionellen Radiosender. Bei NRJ (französischer Privat-Radiosender, Anm. der Red.) hatten wir Einblick in Studien und Marktforschungsergebnisse und wir dachten: Jetzt wird es langsam schwierig für traditionielle Radiosender, noch eine junge Zielgruppe zu erreichen. Denn es gibt heute so viele Möglichkeiten der Unterhaltung. Wir haben überlegt, wie man das anders machen kann und Radio neu erfinden.

Zunächst haben wir ein Radio-Paket entwickelt, mit vorgegebenen Kanälen, die wir als Radiomacher produzieren. Die Spanne reicht von Musik, speziellen Promos und Wettbewerben bis zu Nachrichten, Talk-Shows und DJ-Shows.

Aber wir haben auch gesehen, dass die Leute heute selbst entscheiden und im Netz aktiv sein wollen. Das hat uns auf die Idee gebracht, dass der Hörer aus den von uns vorproduzierten Inhalten auswählen können soll, um sie in seinen personalisierten Sender einzubauen.

Wie funktioniert das?

Nach dem Baukastenprinzip. Podcasts und Musikstücke können für den eigenen Sender ganz nach Belieben zusammengestellt und neu geordnet werden. Nachrichten zu dieser Zeit, Musik zu jener, oder Freitag Abend ein bestimmtes DJ-Set. Das funktioniert wie ein Sendeplan.

Aber: Die Idee ist auch, dass Nutzer Radioinhalte selbst produzieren. Sehr viel guter Inhalt kommt von den Leuten selbst. Von YouTube bis MySpace steckt so viel interessante Kreativität im Web 2.0. Deshalb sollen die Leute ihre eigenen Inhalte hochladen – selbst produzierte Musik, Audio-Mitteilungen à la Twitter, Jingles etwa – und in Verbindung mit unserem Content ihren eigenen Sender gestalten.

…der für alle anderen zu hören ist.

Ja, für alle Leute. Und diese persönlichen Sender sind außerdem in die eigene Website oder ein anderes Community-Profil integrierbar.

Ist diese Mischform aus traditionellem „Sende-Radio“ und interaktivem, personalisiertem Webradio die Zukunft des Hörfunks?

Ich glaube schon. Gestern kamen die Ergebnisse der Medienanalyse heraus. Man sieht, wie schwierig es für junge Radiosender ist, ihre Zielgruppe zu erreichen. Wir sind leidenschaftliche Radiomacher und wir glauben nicht, dass Radio tot ist. Wir glauben nur, dass man ins Netz gehen muss, weil die jungen Leute viel Zeit im Internet verbringen.

Da wird es künftig einen großen Wettbewerb geben, nicht mehr die 60 Sender des deutschen Lokalfunks von heute, sondern vielleicht 20.000 Websender. Ich glaube, im Netz kann man wieder leidenschaftliches Radio machen, so wie ich das von meiner Anfangszeit beim UKW-Radio her kenne.

Radio hat immer auch „gesprochenes Wort“ bedeutet. – Ändert sich das jetzt?

Das ist schwer abzuschätzen. Die Frage ist aber nicht, wieviele Worte man spricht, sondern was man sagt. Genau darin liegt der Unterschied zwischen gutem und schlechtem Radio.

Kann ein Radio wie Goom auch das Hörerbedürfnis nach den großen Wortformaten wie Reportage, Hörspiel oder Feature befriedigen?

Klar! Wir selber werden viele Specials machen. Außerdem werden die Nutzer eigenen Content produzieren. Was wir da alles an Inhalten bekommen können, finde ich sehr spannend.

Inhaltliche oder formale Beschränkungen gibt es nicht?

Nein – es bleibt junges Radio und es bleibt Musik-Radio. Dem Deutschlandfunk machen wir sicher keine Konkurrenz. Aber wir werden viele Sachen ausprobieren, auch Anspruchsvolles. Danach muss man sehen, ob das die Hörer interessiert.

In der aktuellen Alpha-Version von Goom sind viele Arten von Musik nicht enthalten – klassische, ethnische, Jazz etwa. Zielt Goom auf den Mainstream?

Was wir spielen, ist eigentlich die Musik, die uns selbst gefällt, die aber auch Mainstream-Potenzial hat. Wir sind natürlich kein alternativer Sender. Aber die Nutzer werden ihre eigenen Beiträge senden, und auch wir werden versuchen, alle Genres zu berücksichtigen. Die Bandbreite an Musik wird so kontinuierlich erweitert werden.

Immer mehr Menschen hören „on Demand“. Was bedeutet da „live“? Kann das Radio noch Menschen im gleichzeitigen Hören vereinen?

Goomradio ist eine Mischung aus Live-Inhalten und vorproduzierten Sendungen. Große Musikfestivals könnten wir etwa live ausstrahlen, mit Backstage-Reportagen. Wir werden auch interaktive Shows machen, bei denen Hörer teilnehmen – und das muss man live machen. Ganz allgemein: Das personalisierte Radio ist super. Aber wenn man es nicht teilen kann, bringt es nicht so viel. Denn Radio bedeutet auch: Ich lebe in derselben Welt wie meine Freunde, ich höre das Gleiche und ich erlebe im selben Moment das Gleiche.

Wie unterscheidet sich der französische vom deutschen Markt?

Konzept und Idee von Goom Radio sind in beiden Ländern gleich. Vielleicht ist die Umsetzung ein bisschen anders. Der größte Unterschied aber liegt im Markt selbst: Radio in Frankreich, das sind nationale Radiosender, Radio in Deutschland sind lokale Radiosender. Aus diesem Grund sind Umsetzung, Wichtigkeit und Wahrnehmung von Medien sehr verschieden. In Frankreich sind große Medienmarken in der Radiolandschaft über Entertainment entstanden. Demgegenüber hat sich Radio in Deutschland über die lokalen Bedürfnisse und Interessen entwickelt – Verkehrsnachrichten, Veranstaltungen und so weiter. Deswegen sehen wir hier für Goom ein großes Potenzial, sich landesweit als Radiomarke zu etablieren, denn es gibt in Deutschland bislang keine großen nationalen Radiomarken.

Wird Goom noch in anderen Ländern zu hören sein?

Außer in Frankreich, wo Goom schon läuft, in Deutschland und – ungefähr zeitgleich – in den USA.

Bei Goom können Firmen auch einen bestimmten Sender sponsern und so ihre Zielgruppe erreichen („öffentliches Corporate Radio als innovatives Marketing-Tool“). Gibt es dafür Beispiele?

Ja. In Frankreich haben wir mehrere solcher Sender, zum Beispiel mit einem Telekommunikationsunternehmen und einer Bank. Die Idee ist, einen Sender für eine Marke zu machen. Die Bank hat ein Produkt für Kinder zwischen acht und zwölf, dafür haben wir „Popcorn Radio“ entwickelt, das Musik für Teens spielt. Das Unternehmen kann damit ihr Angebot emotionalisieren und im Netz verbreiten. Die Resonanz ist sehr positiv.

Goom existiert seit 2008 und beschäftigt derzeit 71 Mitarbeiter. Wer finanziert das alles?

Zwei Venture-Capital-Gesellschaften. Die eine ist Partech International, ein europäischer Ableger eines amerikanischen Unternehmens, die andere Wellington Partners Deutschland.

Wann könnte Goom Gewinne erwirtschaften?

Wir hoffen, in den nächsten zwei Jahren den Break-even-Punkt zu erreichen. Niemand hat bislang versucht, im Netz richtig Radio zu machen. Natürlich bieten die großen Sender Streams im Netz an, aber sie haben nicht die Zeit und Man Power, um ein richtiges Internetangebot zu entwickeln. Und ich habe bei NRJ gesehen, wie schwierig es ist, eine traditionelle Marke in die digitale Welt zu übertragen. Die großen Websites und jungen Marken wurden im Netz geboren. Da sehen wir große Chancen für Goom.

Und Sie glauben, man kann wirklich Geld damit verdienen?

Ja. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt.

Medienkonsum wird zunehmend mobil. Wollen Sie Goom auch auf mobile Geräte bringen?

Ja, über Widgets, exportierbare Player und Radio-Aggregatoren. Zunächst ist aber wichtig, dass sich die Flatrate-Angebote für Handys weiter durchsetzen. Da entsteht ein neuer Markt. Neben Mobiltelefonen werden in den nächsten Jahren auch Autos zunehmend mit Internetanbindung ausgestattet sein. Die ersten Geräte dafür gibt es schon. Ich glaube, das sind zwei wichtige Verbreitungsmöglichkeiten für einen Radiosender. Dazu kommen schon heute verschiedene W-Lan-Geräte.

Das mobile Internet ist gerade im Entstehen. Und deswegen muss man dabei sein.

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