„Spiegel“: Wirbel um Internet-Titelstory

"Fremde Freunde": Mit diesem Cover beleuchetet der "Spiegel" in der aktuellen Ausgabe die Schattenseiten der sozialen Netzwerke - und sorgt für Diskussionen. Die Titelstory ("Vom zweifelhaften Wert digitaler Beziehungen") thematisiert die Selbstentblößungskultur des Web 2.0, die auch vorm Microblogging-Dienst Twitter nicht halt mache. Scharf kanzelt das Magazin just jenen Kommunikationskanal ab, über den sich Spiegel Online seit Neuestem so gern verbreiten. In der Branche stößt die Titelstory auf Kritik.

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Die Steilvorlage war da: Heute beginnt die weltgrößte Computermesse CeBit. Was liegt also näher, als mit einem Internet-Thema aufzumachen? Vor zwei Jahren war es der Hype um Second Life („Der digitale Maskenball„),vor drei der Boom des Online-Datings („Ware Liebe. Das Online-Geschäft mit der Sehnsucht„), nun widmet sich das Hamburger Nachrichtenmagazin dem größten Internet-Phänomen unserer Zeit – den sozialen Netzwerken.

Und das wieder auf seine ganz eigene Art: Betont kritisch, scharfzüngig und skeptisch. Und diesmal zudem mit der Stimme des Mahners: In den boomenden sozialen Netzwerken unserer Zeit fänden sich „Fremde Freunde“, suggeriert das Cover. Mehr noch: Der Wert der digitalen Beziehungen in Facebooks, MySpaces und StudiVZ sei „zweifelhaft“ bezieht der Untertitel schnell Position.

Soziale Netzwerke: „Risiken und Nebenwirkungen sind beträchtlich“

Und tatsächlich: Was über 14 Seiten geschildert wird, bestätigt die längst bekannten Zweifel im Umgang mit den boomenden Social Networks. „Millionen Menschen pflegen ihre Freundschaften in den sozialen Netzwerken des Internet: Begeistert, arglos und kaum gehemmt entblößen sie ihr Privatleben in der globalen Öffentlichkeit“, erklärt der Spiegel. „Risiken und Nebenwirkungen sind beträchtlich – auch für den Wert der menschlichen Bindung“, so die Folgerung.

Was folgt, ist eine  Aneinanderreihung von Fallbeispielen, die jeder Nutzer von MySpace, Facebook, StudiVZ oder den Lokalisten zur Genüge kennt: Natürlich wird dort – auch –  gepost, sich ausgezogen und hemmungslos dummes Zeug an die Pinnwände geschrieben, bis die DSL-Leitung glüht. Je jünger, desto hemmungsloser.

Schüler-Alltag: Schmähattacken per Internet-Chat, per E-Mail und in Online-Portalen

Alle und alles sind online – alles ist öffentlich. So ist vom Freunde-Bewertungszwang bei MySpace zu lesen.  („Und dann heißt es, unerbittlich die Top-Friends aufzulisten. Das geht selten gut.“) Oder von der Beherrschung  des Schüler-Alltags durch SchülerVZ. („Es gibt keinen Rückzugsraum mehr (…) Schon auf dem Heimweg treffen diese SMS auf dem Handy ein. Zu Hause gehen die Schmähattacken weiter im Internet-Chat, per E-Mail und natürlich in den diversen Online-Portalen…“). Und wie unvorteilhaft Partybilder doch für die spätere Karriere seien. („Die Party ist längst verrauscht, der Kater überstanden, aber das Bild ist noch immer öffentlich im Internet ausgestellt…“)
Allein: Neu ist diese Erkenntnis keinesfalls. Die 14 Seiten dicke Geschichte „Fremde Freunde“, die sich bei genauer Betrachtung dann vor allem auf den Exhibitionimus konzentriert und deswegen auch als Artikel „Nackt unter Freunden“ heißt, hätte auch vor 2008 oder 2007 den Titel füllen können. Tatsächlich ist die Erkenntnis, wie sorglos Nutzer in sozialen Netzwerken Inhalte veröffentlichen, nämlich so alt wie das Web 2.0 selbst.

Bloggosphäre watscht Spiegel-Titel ab

Entsprechend verhalten fällt dann auch die Schnell-Reaktion der Branche in beliebten Kommunikationskanal Twitter aus. „Endlich berichtet ein deutsches Print-Medium auch mal über die negativen Seiten des Internet: Der neue Spiegel-Titel gegen Social Networks“, freut sich zunächst noch Alpha-Twitterer Sasha Lobo.
Mario Sixtus, elektrischer Reporter und notorisch kritischer Twitterer, zieht dagegen schon ein negatives Fazit: „Ohne diese alles zukleisternde Unheilsschwangerschaftigkeit wäre der Spiegel-Titel gar nicht so schlecht wie befürchtet. Ohne. Wäre.“
Am Mittag legte der bekannte Medienjournalist Thomas Knüwer („Handelsblatt“) nach: „Von der zweifelhaften journalistischen Qualität eines „Spiegel“-Titels„, lautet seine sehr detaillierte Analyse der Titelgeschichte, in der der Blogger („Indiskrektion Ehrensache“) kaum ein gutes Haar lässt am Hamburger Nachrichtenmagazin lässt: „Heute sind „Spiegel“-Redakteure nicht mal mehr in der Lage, ihre Leser so zu manipulieren, dass diese es nicht nach zwei Minuten merken“, so sein vernichtendes Urteil.

Besitzt der Spiegel die Bildrechte der gezeigten Nutzer?

Doch Knüwer rechnet nicht nur gandenlos mit der Themenentfaltung („diese Geschichte hat ein Entstehungsproblem“) und der Recherche-Leistung („diese „Bild“-artige Story aber verdummt den Leser und gibt sich nicht mal Mühe, das zu kaschieren) – er bringt auch einen interessanten Punkt zu Sprache, der bereits durch die Twittersphäre geistert: Was ist mit den Bildrechten der dargestellten Nutzerprofile?
Thomas Knüwer merkt an: „Laut „Spiegel“ soll das Gesamtarrangement „Fotos aus Online-Netzwerken“ darstellen. Überraschend ist dabei: Für 13 der Bilder gibt es „Credits“, also Fotorechte. Sie umfassen Reuters oder AFP. Zu sehen aber sind 17 Bilder, die nicht Screenshots sind. Wer hat die Rechte an den anderen? Sind es tatsächlich Bilder aus Social Networks? Hat der „Spiegel“ dafür die Rechte erfragt? Die Fotografen entlohnt?“
Zum verpixelten Bild der Studentin Sarah, die tatsächlich wenig weiblich aussieht, merkt Knüwer etwa an: „Sollte der „Spiegel“ kein Bildhonorar gezahlt haben, würde ich Sarah empfehlen, sich einen guten Medienanwalt zu suchen – da könnte ein hübsches Sümmchen drin sein.“

Spiegel Print rechnet mit Twitter ab: „Was wollte der künftige US-Präsident in dieser Schwatzbude?“

Von einer weiteren Überraschung des Artikels in Twitter ist indes noch wenig zu lesen. Dabei dreht es sich um Twitter selbst! In den wohl bissigsten Passagen des 14-Seiters kanzelt der „Spiegel“ die Kommunikationsform der Stunde erstaunlich scharf ab: Twitter sei „bislang eher bekannt als Weltzentrale der Plattitüden“ heißt es an einer Stelle.

Und an einer anderen, als Barack Obama seine Sieg-Botschaft via den 140-Zeichen-Dienst verschickt:  „Wir haben Geschichte geschrieben“, verkündete Obama seinen Gefolgsleuten; und er sandte die Nachricht ausgerechnet über einen  viel belächelten Internet-Dienst namens Twitter.  (…) Was aber wollte der künftige US-Präsident in dieser Schwatzbude?“

Meinungspluralismus an der Brandstwiete: Ein Verlag, zwei Meinungen über Twitter

Diese Frage könnten kritische Geister nun aber getrost an den „Spiegel“ zurückgeben – nämlich, wenn man bedenkt, welche Anstrengungen die Online-Redaktion zuletzt unternommen hat, um im Web 2.0 präsent zu sein. Nicht nur der Link zur Facebook-Fanseite („Werden Sie Spiegel Online-Freund!“) wird auf der rechten Navigationshälfte der Website stolz präsentiert, sondern eben auch die Twitter-Anbindung, auf „Spiegel Online Updates“: „Immer auf dem Laufenden dank Twitter: Verfolgen Sie SPIEGEL ONLINE über die praktische Kurzmitteilungs-Plattform“, heißt er dort. Und das inzwischen auf 19 verschiedenen Kanälen zusätzlich zu den eigenen Twitter-Accounts der Redakteure.

Handelt es sich hier um kleine Sticheleien zweier Redaktionen unter einem Dach? So richtig vorstellbar erscheint das nicht, zumal der heutige Spiegel-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron über Jahre selbst die Online-Redaktion geführt hat. Vielmehr leisten sich hier wohl die beteiligten acht Print-Redakteure den Luxus des anderen Standpunkts zum Hype-Medium Twitter, auf dem die Onliner mit „Spiegel_Eil“ unter den deutschen Nachrichtenportalen jüngst die Marktführerschaft erlangten – und das auch von Chefredakteur Wolfgang Büchner an vorderster Front in 299 Tweets seit der Wahlnacht am 5. November leidenschaftlich betrieben wird. So sieht Meinungspluralismus an der Brandstwiete in der Web 2.0-Ära aus: Ein Verlag, zwei Meinungen.

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