„Immer ein wenig extra Gas geben“

Krisenzeiten sind Gründerzeiten? – "Das ist eine Plattitüde", findet Business-Angel Torsten Oelke. Dennoch hat er ein Mut-mach-Buch für die Gründerszene geschrieben: "Stars des Internets". Oelke porträtiert 13 Web-Unternehmer, von Oliver Samwer über Lars Hinrichs bis zu Craig Newmark. Herausgekommen ist eine bunte Mischung unterschiedlicher Charaktere, deren verbindendes Moment die unbedingte Leidenschaft für ihre Projekte darstellt. MEEDIA im Gespräch mit dem Autor.

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Herr Oelke, Sie bezeichnen Ihr Buch als Mut-mach-Buch. Wieso?
Ich wollte die erste Internetgeneration beschreiben. Spätestens das Web 2.0 hat – wie kein anderes Phänomen – unterschiedliche, aber vergleichsweise junge Unternehmer etabliert. Der Erfolg dieser 13 Web-Macher, die ich in meinem Buch vorstelle, zeigt, dass Unternehmertum gelingen kann, wenn man für seine Sache brennt. Insofern will ich mit „Stars des Internets“ denjenigen Mut machen, die über den Schritt in die Selbstständigkeit nachdenken.

Die Trends im Web sind schnelllebig und oft sind die Gewinner von heute schon die Verlierer von morgen. Was macht den Reiz dieser 13 Unternehmer aus?
Natürlich ist die Auswahl subjektiv. Ich denke, die 13 Entrepreneure in meinem Buch sind ein gutes Beispiel für Web-Unternehmer, die über Trends hinaus interessant sind. Mir war gerade wichtig, kein Buch für die Zeitgeisthalde zu schreiben. Wenn Sie sich die einzelnen Lebensläufe der 13 Web-Unternehmer anschauen, dann wird klar, dass alle an ihren Ideen festgehalten haben. Lukasz Gadowski zum Beispiel hat sich am Anfang nur Abfuhren geholt, da 2002 nach dem Zusammenbruch der New Economy keiner einen Studenten mit einer Internetidee finanzieren wollte.

Haben Sie eine allgemeingültige Formel für Erfolg gefunden?
Nein, darum geht es in dem Buch auch gar nicht. Ich wollte die Geschichten hinter diesen Erfolgen erzählen und dabei kam allerlei Unterschiedliches heraus. Um etwa den Erfolg der Samwer-Brüder zu verstehen, ist es interessant zu erfahren, wie Selbstständigkeit in dieser Familie erlebt wurde. Der Vater hatte eine eigene Anwaltskanzlei und daher hing die Frage nach dem Sommerurlaub immer davon ab, wie es in der Kanzlei lief. Insofern haben die Samwers schon sehr früh mitbekommen, was es bedeutet, auf eigenen Beinen zu stehen. Als ich Oliver Samwer einen Nachmittag interviewte, saßen wir in einer Hotel-Lobby und immer wieder wurden wir kurz unterbrochen, weil er irgendwelche Schriftstücke gegenzeichnen musste. Das ist einfach sein Arbeitsstil – zu jeder Zeit mehrere Bälle in der Luft und „immer ein wenig extra Gas geben“, wie er so gerne sagt.

Sie sagten es gibt unterschiedliche Typen. Wer geht ins andere Extrem?
Das komplette Gegenbeispiel, aber nicht minder erfolgreich, ist Craig Newmark. Den habe ich in einem Café in San Francisco getroffen und mich etwa zwei Stunden mit ihm unterhalten. Auf einmal schaute er auf sein damals noch nagelneues iPhone und verabschiedete sich – er müsse jetzt leider gehen, sein Bus käme gleich. Er ist eher der kreative Typ, der kein Interesse am Management hat. Im Gegenteil: Newmark sagt von sich selbst, dass er als Manager eher die falschen Entscheidungen getroffen habe. Er hat oft den falschen Leuten vertraut und zur Absicherung, Craigslist nicht zu verkaufen, Anteile an dem Unternehmen an einen alten Mitstreiter übertragen. Erreicht hat er damit das Gegenteil, denn inzwischen hält Ebay diesen Anteil.

Wo ist zwischen diesen beiden Unternehmer-Typen die Schnittmenge?
Beide bringen unheimlich viel Leidenschaft für ihre Ideen mit. Während Oliver Samwer mit einem Höchstmaß an Professionalität zu Werke geht, ist das Bezeichnende für Craig Newmark, dass, was er selber einen moralischen Kompass nennt. Beide denken vom Nutzer her. Im Zentrum ihrer Überlegungen steht zu aller erst die Frage nach dem Nutzwert für den Endverbraucher. Während Samwer das Ganze aus der Business-Perspektive sieht, fühlt sich Newmark wohler in der Rolle des einfachen Mitarbeiters im Kundenservice. Aber beiden ist die Leidenschaft für das jeweilige Projekt gemein.

Und was ist das Web 2.0-spezifische daran?
Web 2.0 ist eher so ein Zeitgeist-Begriff, der sich überholt hat. Aber wenn Sie nach dem Wesen des Web fragen, z.B. nach der Interaktivität, spiegelt sich die auch in dieser Charaktereigenschaft der Web-Unternehmer. Als Oliver Samwer für sein Buch über die wichtigsten Start-ups im Silicon Valley recherchierte, stellte er seinen Gesprächspartnern immer wieder dieselbe Frage: Wie würdet ihr so ein Buch schreiben? Samwer fand den roten Faden für sein Buch über die direkte Ansprache seiner späteren Leser. Craig Newmark schaute sich zum Beispiel immer wieder sein Anzeigenportal an und stellte Mitte der 90er Jahre fest, dass ihn die vielen blinkenden Banner nervten. Also schaffte er sie kurzerhand ab. Obwohl er mit Werbung noch sehr viel mehr Geld aus Craigslist.org herausholen könnte, verzichtet er auf Anzeigen, weil er wie ein Konsument denkt – das steht erst mal einem Gesellschafter entgegen, der als börsennotiertes Online-Auktionshaus wie Ebay die Interessen seiner Aktionäre im Blick haben muss.

Sie waren einige Zeit bei der Unternehmensberatung McKinsey. Was bedeutet die Wirtschaftskrise für die Start-upSzene?
Ganz so schlimm sehe ich diese Krise für die Start-up Szene nicht. Die Bedingungen sind für Internetunternehmen doch wesentlich besser als in der letzten Krise. Wenn wir auf den Zusammenbruch der New Economy zurückblicken, können wir auch Mut schöpfen. Xing, damals noch Open Business Club, wurde im nuklearen Winter des Internets gegründet, Spreadshirt, inzwischen ein rentables Unternehmen, im Jahr 2002. Das sind Erfolgsgeschichten.

Dennoch wird überall gekürzt, die Werbeeinnahmen sinken und Venture Capitalists drehen jeden Cent dreimal um, ehe sie investieren.
Das stimmt. Natürlich ist der Ausspruch „Krisenzeiten sind Gründerzeiten“ eine Plattitüde. Diese Beispiele beweisen dennoch, dass Mut und Leidenschaft auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten belohnt wird.

Worauf sollten Start-ups achten, um im Krisenjahr nicht unterzugehen?
Unternehmen werden heute ganz anders aufgebaut als noch vor 20 Jahren und Web-Unternehmen sogar anders als noch vor acht Jahren. Damals musste man sich zum Beispiel eine Oracle-Lizenz kaufen. Heute zieht man sich einfach irgendeinen Open-Source-Code aus dem Netz und fängt an, die eigene Seite zu entwickeln. Die Umsetzung von der Idee zum Angebot ist heute viel direkter möglich. Das vereinfacht sehr viel.

Damit hat man aber noch keinen Euro verdient.
Richtig – und das ist auch überhaupt nicht schlimm. Bei dieser Form des Unternehmertums muss man sich zu erst auf den Nutzen konzentrieren. Die Entwicklung eines sinnvollen und nutzerorientierten Angebots kommt zuerst, anschließend kann und muss man sich Gedanken über das monetarisierbare Geschäftsmodell machen. Oder glauben Sie, dass sich die Gründer von Twitter zuerst einen Umsatzplan überlegt hatten, ehe sie ihren Microblogging-Dienst gelauncht haben? – Nein, die haben ihre Idee erst einmal ins Netz gestellt und müssen sich jetzt, da eine gewaltige Menge an Nutzern da ist, genau überlegen, wie Sie Twitter monetarisieren.

Welche Web-Trends werden sich in diesem Jahr durchsetzen?
Ich denke auch dieses Jahr wird fieberhaft an einem Konzept zur Monetarisierung von Sozialen Netzwerken gearbeitet. Auch wenn es zahlreiche Stimmen gibt, die Web-Seiten wie Facebook für nicht vermarktbar halten, glaube ich dennoch, dass es Möglichkeiten gibt – bei so einer unglaublich großen Community sollte das möglich sein. Xing hat das beispielhaft vorgemacht.

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