„In Zukunft mehr Mogel-Titel“

Hörst Röper vom Dortmunder Formatt-Institut ist der deutsche Zeitungsexperte schlechthin. Regelmäßig analysiert er für die Fachpublikation „Media Perspektiven“ die Konzentrationsbewegungen im deutschen Tageszeitungsmarkt. „Große Verlage wachsen derzeit in einer Weise, wie wir es bisher nicht kannten“, sagt er. MEEDIA sprach mit Röper über die aktuellen Verschiebungen in der deutschen Zeitungslandschaft, Gefahren für die Presse-Vielfalt und mögliche weitere Deals in der Branche.

Anzeige

Erleben wir derzeit eine Neuordnung des Marktes für Regionalzeitungen?

Diese Formulierung ist sicher etwas überzogen. Aber wir erleben derzeit erstmals den Verkauf auch großer Verlage. Groß im Sinne von Verlagsunternehmen mit hochauflagigenTiteln. Das führt dazu, dass diejenigen, die zugekauft haben, in einer Weise wachsen, wie wir es bisher nicht kannten.

Wir dieser Trend anhalten? Haben wir bald nur noch eine Handvoll großer Zeitungsblöcke?

Diese Spekulation kenne ich seit 25 Jahren. Aber so schnell läuft die Konzentration in der Bundesrepublik nicht ab. Wir haben hier im Wesentlichen immer noch altes Verlegertum und kaum anonymes Kapital in der Branche. Der Konzentrationsprozess läuft – ja, aber solche Größenordnungen hat er nun doch nicht.

Wie bewerten Sie die jüngsten Groß-Deals – den Verkauf von Springers Regionalzeitungsbeteiligungen an Madsack und den Erwerb der Mecom-Zeitungen durch DuMont?

Beides waren Transaktionen, die zu den größten zählen, die es je im deutschen Markt gegeben hat. Beide haben gezeigt, dass die Orientierung in der Region für die Branche längst nicht mehr gilt. Wachstum wird auch außerhalb der ursprünglichen Verlagsheimat angestrebt. Beide Unternehmen zählen durch die Zukäufe natürlich nun zu den ganz Großen der Branche. Im Fall von DuMont kann man das auch nur befürworten. Damit hat sich das Thema „Heuschrecken“ im deutschen Zeitungsmarkt erst einmal erledigt.

Glauben Sie, dass DuMont seine neuen Titel in Hamburg und Berlin mit den bisherigen verzahnen wird?

Ja, natürlich. Zunächst einmal werden in den klassischen Verlagsbereichen und der Verwaltung nach Synergien gesucht. Aber man muss davon ausgehen, dass dies auch auf redaktionellem Gebiet geschieht. „Berliner Kurier“ und „Hamburger Morgenpost“ arbeiten ja schon redaktionell zusammen. Dieses Bündnis wird sicherlich um den „Express“ verstärkt werden. Und ich denke, bei den Korrespondentenstellen werden auch die Abozeitungen künftig noch stärker zusammenarbeiten als dies bisher ohnehin schon der Fall war.

Würde denn ein bundesweites Netz an regionalen Boulevardzeitungen Sinn ergeben? Die Münchner „Abendzeitungen“ hat wirtschaftliche Probleme und würde noch ganz gut ins Portfolio von DuMont passen…

Solch ein Konstrukt würde natürlich betriebswirtschaftlich Sinn ergeben. Dazu müssen die Zeitungen aber nicht zwingend in einer Hand sein. Man kann auch Synergien über Verlagsgrenzen hinaus erschließen, das geschieht in der Branche ja auch bereits. Dass sich DuMont erneut an der „Abendzeitung“ beteiligt, sehe ich im Augenblick eher nicht.

Warum sehen Sie das nicht?

Dazu müsste der „Abendzeitung“-Verleger Friedmann ja veräußern wollen. Wenn man gesehen hat, wie er sich gegen den Verkauf der Anteile an der „Süddeutschen Zeitung“ gewehrt hat, hatte man den Eindruck, er will sein Verlegerdasein noch einige Jahre weiter betreiben und sich nicht in Ruhestand begeben.

Ein Verlag, der laut Medienberichten zum Verkauf steht, ist die schleswig-holsteinische Zeitungsgruppe sh:z. Warum hat das Ihrer Meinung nach bisher nicht geklappt mit dem Verkauf?

Womöglich steht dort nicht ein ganzes Unternehmen zum Verkauf, sondern einzelne Anteilseigner wollen aussteigen. In so einem Fall haben die Miteigner ein Vorkaufsrecht. Ich vermute darum geht es, wenn sich dieser vermeintliche Verkauf nicht vorwärts bewegt.

Wie bewerten Sie den Trend hin zu Zentralredaktionen?

Diesen Trend gibt es ganz deutlich, und ich fürchte, auf diesem Gebiet werden wir in den nächsten Jahren noch viel erleben. Ich fürchte, diese Welle wird neue, größere Dimensionen erreichen. Weitere Hauptredaktionen werden zu Gunsten von neuen Zentralredaktionen aufgegeben. Auch große, hochauflagige Zeitungen werden auf eigene Redaktionen verzichten. Das mindert die Vielfalt in einem Maße, wie es manchmal kaum noch erträglich ist. Wenn beispielsweise in ganz Mecklenburg-Vorpommern heute gerade noch eine Hauptredaktion arbeitet und eine weitere Zeitung ihren Mantelteil aus Lübeck bezieht, dann ist das alles andere als die erwünschte Vielfalt.

Befürworter von solchen Zentralmodellen argumentieren, sie würden sich auch die Vielfalt wünschen, aber die Zentralisierung sei ein unvermeidlicher Schritt, wenn man die Zeitungstitel retten will. Haben Sie dafür Verständnis?

Das sehe ich nicht so. Die derzeitige konjunkturelle Delle wird auch dazu genutzt, um Dinge zu vollziehen, die betriebswirtschaftlich nicht unbedingt notwendig wären. Dass der WAZ-Konzern mit der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“, die Abo-Zeitung mit der größten Auflage in der Bundesrepublik, die eigene Hauptredaktion aufgibt, hat sicher keine betriebswirtschaftlichen Gründe. Es gibt auch Zeitungen mit 50.000er oder 60.000er-Auflagen, die weiterhin eigene Hauptredaktionen haben und auf der anderen Seite gibt es Titel mit weit über 100.000 Exemplaren Auflage, die das angeblich nicht mehr können. Da scheint vieles an Problemen hausgemacht.

Das würde man bei der WAZ vehement bestreiten, dass die Einführung einer gemeinsamen Mantelredaktion keine betriebswirtschaftlichen Gründe hat. Welche Gründe kann das sonst haben?

Die Frage ist, ist ein solcher Schritt aus Rendite-Erwägungen zwingend notwendig? Bei Verlagen gibt es immer noch Rendite-Erwartungen, die einfach unrealistisch sind, die der Markt nicht mehr hergibt, die man aber dennoch erzielen will. Dafür wird auch in Kauf genommen, dass das Produkt beschädigt wird.

Werden wir auch erleben, dass in den kommenden fünf Jahren Zeitungstitel eingestellt werden?

Davon gehe ich aus. Das hat nicht nur mit der Konjunkturkrise zu tun, sondern auch mit der Anpassung der Märkte an neue Gegebenheiten und mit strategischen Überlegungen von Verlagen. Einzelne Zeitungen bleiben hier und da vielleicht noch als Titel erhalten aber eher als Mogel-Titel. Dahinter wird dann keine eigene redaktionelle Leistung stecken.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige