Die Dare-Story: Sex & the Web in Moskau (1)

Man muss Deidre Dare lieben für das, was sie tut: Eine Top-Anwältin riskiert auf dem Gipfel ihrer zwanzigjährigen Karriere alles für einen Internet-Roman. In elf Kapiteln schildert Dare genüsslich die sexuellen Ausschweifungen Expatriierter eines britisch-russischen Joint Ventures im dekadenten Moskau. Die Anwaltskanzlei Allen & Overy mahnte sie erst ab – und feuerte die 44-Jährige schließlich vorige Woche. Doch damit haben die unglaublichen Abenteuer der Deidre Dare erst begonnen...

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Die Sache klang zu gut, um wahr zu sein. Das dekadente Moskau, eine attraktive  Karrierefrau, ein erotischer Roman in verschiedenen Teilen, herunterzuladen im Internet. „Hier gibt es vermutlich keine „Berichte zur Lage der Nation“ von Deidre Dare, sondern nur virenverseuchte Word-Files“, mokierte sich ein Blog vorschnell.

Schon der Name schien verdächtig. Deidre Dare: das klingt in etwa so glaubwürdig wie Mecki Messer. Doch er war keine Erfindung, wie ihr damaliger Arbeitgeber, die renommierte britische Kanzlei Allen & Overy, auf MEEDIA-Anfrage bestätigte.  

„Expat“: Gewagte Lektüre über westliche Manager im wilden Osten

 „Dare“: Das heißt übersetzt so viel wie „gewagt“ – und das waren die veröffentlichten Kapitel ihres Internet-Romans allemal. „Expat“ hat die Amerikanerin die kurzweilige Lektüre getauft, die es insgesamt auf mehr als 100 Seiten bringt – das ist die im angloamerikanischen Sprachgebrauch geläufige Kurzform für „Expatriate“, also: im Ausland lebende Geschäftsleute.

ⓒ Deidre Dare

Expatriierten-Romane haben in der Literaturgeschichte, zumal der amerikanischen, eine große Tradition. Schnell denkt man an die „Roaring 20s“, als amerikanische Schriftsteller wie Ernst Hemingway, F. Scott Fitzgerald oder John Dos Passos nach Europa auszogen, um das echte Leben kennenzulernen: Die Kurzgeschichtensammlung „In our time“  oder Hemingways Debütroman „Fiesta“ sind so ein großartiges Zeugnis ihrer Zeit – „Tender is the night“ von Fitzgerald auch.

Rohstoffe lassen den Rubel rollen: Geschichten aus der Boom-Ära

Und immerhin: Auch ohne den Anspruch auf große Literatur ist der inzwischen 44-Jährigen, die erst im vergangenen Jahr bei der britischen Top-Kanzlei anheuerte, so etwas wie ein echter Coup gelungen. Nicht zuletzt, weil sie auf „Expat“ beharrte und ihren Internet-Roman bis zum bitteren Ende gegen die Abmahnungen ihres Arbeitgebers verteidigte – doch damit greifen wir vor.  

ⓒ Deidre Dare

Im Zentrum von Dares Plot, die nach dem Geburtsnamen ihrer Mutter früher Clark  hieß, steht das dekadente Moskau der vergangenen Jahre. Es ist das Moskau der Putin-Ära, das gerade in der zweiten Phase seiner Amtszeit einen wahren Jahrhundertboom erlebt hat. Getrieben durch die immense Hausse an den Rohstoffbörsen stieg auch der russische Aktienmarkt auf kaum für möglich gehaltene Höhen. Um mehr as 2000 Prozent schoss der Leitindex RTS binnen nicht einmal eines Jahrzehnts in die Höhe.

Finanzmärkte wie das wirkliche Leben: Es geht so lange gut, bis es  schiefgeht

Der Boom ist der enormen Nachfrage des wichtigsten  Rohstoffs der Weltwirtschaft geschuldet – dem schwarzen Gold: Öl. Praktisch alle russischen Unternehmen von Weltformat, allen voran Gasprom, das 2007 bereits zu den drei wertvollsten Firmen der Welt zählte, verdanken ihren Aufstieg dem Ölboom.

So überrascht es nicht, dass „Expat“ vom Innenleben eines internationalen Ölkonzerns handelt, in dem Geld keine Rolle spielt. Nachempfunden wurde der fiktive Konzern STB, dem Joint Venture zwischen BP und TNK.

ⓒ Deidre Dare

Auch in der Geschäftswelt gilt die alte Regel der Finanzmärkte: Es geht so lange gut, bis es  schiefgeht. Im Boom fließen wie im wirklichen Leben die Milliarden: Dares Protagonistin Dasha arbeitet alles andere als hart – lebt aber trotzdem  in ihrem 6-Zimmer-Apartment wie eine Prinzessin in Moskau.

Sex and the City auf russisch: „Alles ist faszinierend an Moskau“

Aber nicht wie eine Prinzessin auf der Erbse, denn dafür ist Moskau, das weiß jeder, der einmal die Gelegenheit hat, Russlands beeindruckende Hauptstadt bei Tag oder Nacht zu erkunden, einfach zu spannend. „Alles ist faszinierend an Moskau“, erklärt Dare gegenüber MEEDIA.

Worin diese Faszination besteht, lässt sie ihre Protagonistin in aller Deutlichkeit schildern: „Alles ist möglich in Moskau: Man kann so viel trinken, wie man will, selbst während man noch Auto fährt, man kann sich anschnallen oder es bleiben lassen, man kann rauchen, wo man will, selbst im Aufzug oder auf Toiletten, man kann so ziemlich jede Droge an der Theke kaufen, man kann so viel und so fett essen, wie man will, man kann schlafen, mit wem man will (inklusive seines neuen potenziellen Bosses, der mit einem das Bewerbungsgespräch führt, wie ich einst herausfand) und, vielleicht am wichtigsten, man kann sich wie eine komplette Schlampe anziehen, wenn einem danach ist“.    

Die Lust an der Dekadenz: Champagner, 250 Dollar-Dinner, wilde Partys

Und Dasha ist durchaus öfter danach. Bereits auf der ersten Seite ist von ihrem Abenteuer mit einem Franzosen zu lesen, von dem sie jedoch nicht besonders angetan ist – ebenso wie wenig später von einem Deutschen, dessen Ernsthaftigkeit sie langweilt.  So etwas wie Konstanz kehrt in Dashas abwechslungsreiches Liebesleben ein, als sie sich schließlich in einen russischen Mitarbeiter verliebt, mit dem sie eine ausschweifende Affäre zwischen Champagner-Nächten, 250 Dollar-Dinners und wilden Partys beginnt.   

Die Sache geht jedoch nicht gut aus: Weder für Dasha nach für Dare. Anfang Januar, das vorerst letzte Kapitel ist geschrieben, bekommt Dasha einen Drink von ihrem russischen Geliebten ins Gesicht – und wird buchstäblich wenige Sekunden später von der russischen Polizei abgeführt. „So ist Russland“, hatte Dasha schon Kapitel zuvor eine ungute Vorahnung.

Im wirklichen Leben schlägt der Arbeitgeber zu: Nach der Abmahnung („Bei Allen & Overy herrschen die höchsten Standards eines professionellen Umgangs“) für die Website DeidreDare.com, auf dem „Expat“ zu lesen ist, kam es vorige Woche zum Unvermeidlichen: der Kündigung.

Lesen Sie morgen:  Der Web-Eklat: Dares Kampf zwischen Fakt und Fiktion

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