Anzeige

Express.de: „Keine Klicks um jeden Preis“

Das Kartellamt hat den Kauf von „Berliner Zeitung“, „Berliner Kurier“ und Hamburger "Mopo“ durch den Kölner Verlag DuMont Schauberg erlaubt. Für den Verlag des „Express“ eröffnen sich neue Möglichkeiten zur Kooperation. Der „Express“ kann Verstärkung gebrauchen, die Auflage sinkt seit Jahren. Online gehen die Kölner einen eigenen Weg. Im MEEDIA-Interview erklären „Express“-Chefredakteur Rudolf Kreitz und Online-Chef Thomas Kemmerer, warum Google für sie nicht das Maß aller Dinge ist.

Anzeige

Wofür steht das Online-Angebot Express.de?

Thomas Kemmerer: Wir bezeichnen uns als den Infotainment-Kanal der Marke “Express“. Wir sind einerseits ein Nachrichtenangebot. Wenn zum Beispiel eine Gasleitung Leck schlägt und die halbe Stadt ist abgesperrt, dann steigen sofort die Zugriffe auf Express.de. Die User erwarten einfach, dass wir die ersten sind, die berichten. Wir versuchen die Leute aber auch zu unterhalten. Wir bieten etwas, worüber man mit Kollegen sprechen kann.

Wieviele Klicks hat Express.de zur Zeit?

Kemmerer: In der neuen IVW-Auswertung für Januar haben wir erstmals 5,7 Millionen Visits bei über 35 Millionen Page Impressions, das ist für uns ein neuer Rekordwert. Das zeigt, dass wir mit unserer Strategie auf dem richtigen Weg sind. Es gibt tausende Nachrichtenwebsites. Aber wir haben für uns eine Nische gefunden. Mit einem Angebot, das in dieser Form nur wir bieten können.

Wen sehen Sie als Konkurrenz? „RP Online“?

Rudolf Kreitz: „RP Online“ ist keine direkte Konkurrenz, weil die Düsseldorf beackern und wir Köln. Aber natürlich schauen wir, wie positionieren die sich und wie können wir besser sein. Aber online ist quasi jeder Konkurrent. „Spiegel Online“ genauso wie „Bild.de“.

Im Internet gibt es das Motto: Tue was Du am besten kannst, verlinke zum Rest. Wäre es nicht konsequent, sich nur noch auf Kölner Themen zu spezialisieren?

Kemmerer: Der „Express“ ist eine Marke, die auch über Köln hinausstrahlt. Nicht zuletzt auch wegen unserem hiesigen Fußballverein, dem 1. FC Köln. In Köln kennt den „Express“ jeder. Online wollen wir den „Express“ auch für Nicht-Kölner interessant machen.

Ist Express.de profitabel?

Kreitz: Wir sind auf dem besten Weg.

Wann wird es profitabel sein?

Kreitz: Das ist für uns nicht das erste Ziel. Wir wollen in erster Linie das Angebot weiter aufbauen und Reichweite gewinnen. Das ist gerade in Zeiten von sinkenden Auflagen bei den Zeitungen wahnsinnig wichtig. Wir versuchen als Redaktion dem Leserstrom zu folgen.

Ist der gedruckte „Express“ denn profitabel?

Kreitz: Wir kommen zurecht.

Wie ergänzen sich „Express“ und Express.de?

Kreitz: Ich versuche, die Zeitung ins Internet zu verlängern. Manchmal macht das aber auch keinen Sinn.

Wo ergibt das denn keinen Sinn?

Kreitz: Wenn wir ein Interview im „Express“ haben und in der Zeitung auf eine ausführlichere Version online verweisen, dann bringt das keine Klicks. Das Interview ist kurz und knapp im „Express“, da stehen ohnehin schon die wichtigsten Sachen drin. Warum soll ich dann noch ins Internet gehen und noch mehr lesen?

Und wo ergibt die Verlängerung der Zeitung ins Internet Sinn?

Kreitz: Vor allem bei Bewegtbild. Wir können im Blatt schreiben, dass der Prinz wunderbar singt. Aber online und im TV kann man sehen und hören, wie er singt. Oder wir hatten einen Uni-Professor, der seine Vorlesungen rappt. Das kann man wunderbar beschreiben, aber wenn man es sieht und hört, ist es etwas ganz anderes.

Kemmerer: Noch ein Beispiel: Wir haben 100 Straßenmängel in Köln, die die Stadt in den kommenden zwei Jahren beheben will, dokumentiert. Das war super aufwändig, aber so etwas bringt den Leuten echten Mehrwert. Die fragen sich: „Ist mein Schlagloch auch dabei?“

Express TV besteht einerseits aus kurzen Web Clips, doch es gibt auch eine Sendung beim Regional-TV-Anbieter center TV. Wie hängt das zusammen?

Kreitz: Einen Teil der Clips nutzen wir auch für die center TV-Sendung. Das ist als Wochenrückblick gedacht, bei dem die Moderatorin mit einem Gast über die Ereignisse der vergangenen Woche, auch anhand unserer Clips, spricht.

Was bringt die center-TV-Sendung dem „Express“? Leser? Geld? Image?

Kreitz: Geld bringt das gar keines, im Gegenteil, das kostet nur. Es geht dabei in erster Linie ums Image. Die Sendung ist sehr unterhaltsam, die Moderatorin ist sehr gut, die Einspieler sind boulevardesk. Wir haben auch mal versucht, dreimal am Tag eine Nachrichtensendung online zu produzieren. Die Zugriffe waren sehr überschaubar. So was wollen unsere User nicht.

"Zehn nackte Frauen hinstellen reicht heute nicht mehr."

Besteht das Themen-Dreigestirn bei Express.de aus FC, Karneval und Nackten?

Kemmerer: Das würde ich nicht so sagen. Vor allem nicht in Bezug auf die nackten Mädels. Die ziehen gar nicht mehr so. Die Leute sehen zwar immer noch gerne nackte Haut. Aber zehn Galerien mit den Seite-1-Mädchen sind keine Klickbringer mehr. Themen, die gewisse erotische Komponenten aufweisen, laufen natürlich gut. Aber plump eine Galerie mit zehn nackten Frauen hinstellen – das reicht heute nicht mehr.

Kreitz: Wir machen hier Boulevard und da kommen wir ohne die Nackten nicht aus. Das Mädchen auf Seite 1 ist heute aber sicher auch kein Kaufanreiz mehr für die Zeitung. Da sehen die Leute an jeder Ecke mehr. Aber die Leser erwarten das, es gehört zum Boulevardblatt einfach dazu. Die Bringer im Netz, das sind Kuriositäten.

Was verstehen Sie unter Kuriositäten?

Kreitz: Highlight war zum Beispiel ein Gewitter in Köln. Dazu gab es einen nachrichtlichen Artikel und einen zweiten Beitrag über eine Frau, die ein „schlimmes Gesicht“ an der Fensterscheibe gesehen hat, das waren Regentropfen, die eine Art Fratze bildeten. Dazu hatten wir ein Video. Die Nachricht zum Gewitter haben rund 3.000 Leute angeklickt, die Gewitterfratze haben über 100.000 angeklickt. Das Gewitter hat alle beschäftigt und da war dieses verrückte Video bei Express.de. Das hat sich über Mundpropaganda herumgesprochen.

Bringt Express.de dem „Express“ neue, junge Leser oder umgekehrt?

Kemmerer: Das Problem mit Crossmedia ist, dass der „Express“ als Kaufzeitung vor allem morgens gelesen wird, auf dem Weg zur Arbeit, in der Bahn. Bis man von dort wieder an einem Internet-Zugang sitzt, ist die Zeitspanne zu groß. Darum funktioniert es nicht ohne Weiteres, die Leute vom Medium „Express“ mit dem Abdrucken von Links zu Express.de schicken. Da sind sich der „Express“ und Mobil-Angebote viel näher. Man kann auch in der Bahn sein Handy rausholen und eine Seite aufrufen. Das wird, glaube ich, in Zukunft noch viel besser funktionieren.

Kann das Handy die Tageszeitung ersetzen?

Kemmerer: Nicht ersetzen, aber ergänzen. Im Juli 2008 haben wir eine gute Plattform zusammen mit der dpa Infocom gestartet, auf der wir die Inhalte der Website optimiert für Mobilgeräte anbieten. Die Steigerungsraten dort sieht man sehr deutlich. Die Mobilnutzung steigt stark. Es ist viel. Man muss aber auch die wahren Relationen sehen. Im Vergleich zu den gesamten Zugriffen, die wir bei Express.de erzielen, entfallen derzeit nahezu 100.000 Visits auf Mobil.

Kreitz: Langfristig sehe ich eine gedruckte Zeitung als so etwas wie eine Luxuspause. Morgens, wenn die Kinder aus dem Haus sind und die Arbeit ist gemacht, nimmt die Kölnerin den „Express“ zur Hand und gönnt sich eine Pause. Wenn sie dann irgendwo Sirenen hört und wissen will, was los ist, geht sie nicht zu Köln.de oder Meinestadt.de, sondern zu Express.de. Ich finde, das ist für unsere Marke doch eine gute Zukunftsaussicht.

„Kleine Glücksgefühle“

Das klingt fast zu gemütlich. Der „Express“ verliert sehr schnell Auflage. Allein im 4. Quartal 2008 war es ein Minus von 6,2 Prozent. Machen Sie sich denn keine Sorgen?

Kreitz: Doch natürlich, denn die Auflagenentwicklung ist ein Wechselbad der Gefühle. Boulevard verliert seit Jahren. 2008 haben wir es aber geschafft, mit minus 3,6 Prozent etwas weniger zu verlieren als die „Bild“. Im Januar verzeichnen wir sogar ein Plus von 2,8 Prozent in Köln/Bonn. Ich gebe gern zu, dass das sehr kleine Glücksgefühle sind und ich habe nicht die Hoffnung, dass es irgendwann wieder steil nach oben geht. Die Kunst ist es, das Niveau so gut wie möglich zu halten. Aber letztlich sind wir Beschaffer und Aufbereiter von Nachrichten. Das mit center TV ist ein Experiment mit dem wir zeigen, dass wir auch Fernsehen können. Aber ich glaube auch, dass wir noch lange mit der Zeitung Geschäfte machen.

Sie bekommen in der DuMont-Familie bald Boulevard-Zuwachs. Können Sie sich künftige Kooperationen mit „Berliner Kurier“ und „Hamburger Morgenpost“ vorstellen?

Kreitz: Meine Vorstellungskraft ist enorm, aber hierzu kann man noch überhaupt nichts sagen. Das Kartellamt hat zugestimmt, die Entscheidung der britischen Mecom Gruppe steht jedoch noch aus.

Ist Online alles recht, was Klicks bringt. Auch die sinnloseste Bilder-Galerie?

Kemmerer: Was für eine Aussagekraft haben schon Page Impressions? Viele PIs heißt doch nur, ich habe meine User viel Klicken lassen. Galerien sind gerechtfertigt als ein Mittel, um Usern viele Bilder anzubieten. Es wird ja auch keiner gezwungen, sich überall durchzuklicken. Mit vielen Galerien und Tricks kann man auf einen schönen Klickwert kommen. Es stellt sich aber dann die Frage: Kann ich mit jeder Page Impression Geld verdienen? Eben nicht. Wir sind also ganz sicher nicht diejenigen, die unbedingt PIs scheffeln wollen.

Express.de bedient sich aber schon teilweise Tools, die das Prädikat „gaga“ verdienen und die sehr klickträchtig sind. Als die Entscheidung anstand, ob Christoph Daum den FC trainiert, berichtete Express.de in einem Live-Ticker, der bei ständigem Klicken darüber informierte, wie viele Hanutas die wartenden Journalisten bisher verputzt hatten. War das etwa kein Klickfang?

Kemmerer: Wir haben den Ticker nicht gemacht, um Klicks zu scheffeln. Ich kann die Leute aber nicht daran hindern, dauernd Reload zu drücken, um zu sehen, ob es etwas Neues gibt. Das ist durch die Medien und die Foren gegangen. Der Ticker war eben das Tool, das wir hatten, um dieses Thema abzubilden. So konnten wir schnell viele User informieren.

„Gaga und Beerdigung, das geht nicht.“

„RP Online“ brachte kurz danach einen Live Ticker zur Beerdigung des ehemaligen Düsseldorfer Oberbürgermeisters Erwin. Hätten sie das auch gemacht?

Kemmerer: Niemals! Wir müssen uns immer wieder fragen, was können wir verantworten und was nicht. Der Live-Ticker von der Beerdigung des Oberbürgermeisters Erwin war natürlich daneben. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Leute zuhause sitzen und eine Beerdigung mittels Live Ticker mitverfolgen wollen. Das hat in der Medienbranche für eine gewisse Aufmerksamkeit gesorgt, aber es war gaga. Und gaga in Zusammenhang mit einer Beerdigung, das geht nicht.

Kreitz: Unser Daum-Live Ticker war aber nicht nur gaga. Wir wussten, dass es am Ende eine Entscheidung gibt. Dann hat die Frau Daum den wartenden Reportern immer wieder Hanutas gebracht. Das fanden wir irgendwann witzig und wir haben uns gefragt: Wenn wir das lustig finden, dann vielleicht auch die Leser. Und so haben wir den Ticker dann immer mehr mit kuriosen Randthemen gefüllt. Es war gaga, aber es war auch lustig. Es war Entertainment, aber immer mit dem reellen Hintergrund, dass da eine Geschichte ist, die auch irgendwann ein Ende haben wird.

Wie stehen Sie zur Diskussion um die Suchmaschinen-Optimierung von Online-Angeboten?

Kemmerer: Suchmaschinen-Optimierung ist wichtig, aber wir wollen keine Klicks um jeden Preis. Wir glauben, dass es künftig eher darum geht, wie lange die Leute bei einem Online-Angebot verweilen. Online-Redaktionen, die sich auf den Klick-Wahnsinn einlassen, betrügen sich letztlich selbst. Für mich ist es wichtiger, eine gute Resonanz haben. Man kann Online-Angebote auch Google-tot-optimieren. Wir haben Leser, die kommen jeden Tag mehrmals bewusst auf unsere Seite, weil sie eine Bindung an die Marke „Express“ haben. Das sind keine Treffer, die zufällig über Google bei uns landen und noch nie vom „Express“ gehört haben. Die Leute, die zu uns kommen wissen: der „Express“, das ist die schnelle Medienmarke vom Rhein. So etwas wird eines Tages auch in der Vermarktung eine wichtige Rolle spielen.

Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige