Xing: Gute Zahlen, langsameres Wachstum

Es liest sich gut: Ein weiteres Rekordjahr kann das Hamburger Online-Business-Netzwerk Xing verkünden. Um satte 80 Prozent legte der Umsatz im abgelaufenen Geschäftsjahr zu – um stolze 86 Prozent kletterte sogar der Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen. So weit, so erfolgreich: Doch es scheint zu früh, um Xing gar als vermeintlichen Krisengewinnler zu stilisieren. Tatsächlich lässt ein Blick auf das vierte Quartal nämlich deutliche Bremsspuren in der Wachstumsdynamik erkennen.

Anzeige

Dieser Tweet wollte geschrieben werden. „Great Customers, Great Team, Thank you!“, freut sich Xing-Gründer Lars Hinrichs über die heute bekannt gegebenen Ergebnisse für das Geschäftsjahr 2008. Auf 140 Zeichen zusammengefasst, bringt der bekennende Twitter-Fan Hinrichs die Bilanz auf den Punkt:  „35m€ rev. +80%, 13m€ profit +86%, 550k subs!“

Damit ist die Erfolgsgeschichte in wenigen kryptischen Zahlen und Zeichen erklärt: Nach 19,6 Millionen Euro in 2007 konnte das Hamburger Online Business-Netzwerk in den vergangenen zwölf Monaten nunmehr 35,3 Millionen Euro umsetzen – ein stolzer Umsatzsprung von 80 Prozent. Das operative Ergebnis (EBITDA) schoss gar um 86 Prozent in die Höhe: von 6,89 Millionen Euro auf nunmehr 12,82 Millionen Euro. Die Mitgliederzahl 2008 legte zum mehr als zwei Millionen auf nun 7 Millionen Xing-Netzwerker zu – 550.000 Nutzer zahlen inzwischen für Premium-Abonnement.

Wirtschafts- und Onlinemedien bejubeln das Rekordjahr

Entsprechend einhellig fiel das Presse-Echo aus: „Karriere-Portal Xing wächst im Wirtschaftsabschwung“, vermeldete etwa der Finanznachrichtenanbieter Reuters kurz nach der Veröffentlichung der Quartalszahlen. Das Börsenangebot der ARD zieht schnell nach: „Xing in der Krise stark frequentiert“, ist dort zu lesen. Und das österreichische „Wirtschaftsblatt“ schwingt sich gar zur Feststellung auf: „Xing vergoldet sich das Internet“.

So weit, so richtig.  Ein Journalist sah jedoch genauer hin. Der Netzökonom Holger Schmidt lieferte die Story hinter der Story: „Xing verliert an Schwung„, titelte der FAZ-Redakteur und führt dafür gute Gründe an, die in der Jahresbilanz etwas untergehen.

Zweiter Blick auf die Bilanz: Bremsspuren im vierten Quartal

Natürlich blickt Xing auf ein weiteres, beeindruckendes Rekordjahr zurück: Doch die Anzeichen einer Verlangsamung der Wachstumsdynamik sind auf den zweiten Blick deutlich zu erkennen – nämlich im vierten Quartal, dem eigentlich traditionell stärksten des Geschäftsjahres:   

• Der Umsatz im Dreimonatszeitraum Oktober bis Dezember legte binnen eines Jahres von 6,48 auf 10,2 Millionen Euro zu – das ist zwar eine beachtliche Erlössteigerung um 57 Prozent, aber doch deutlich schwächer als das Gesamtjahr (80 Prozent).  

• Der operative Gewinn legte von 2,76 im vierten Quartal 2007 auf nunmehr 3,35 Millionen Euro zu – das entspricht einem nicht mehr ganz so beeindruckenden Gewinnwachstum von 21 Prozent in Q4 versus den 86 Prozent im Gesamtjahr.

• Am auffälligsten ist jedoch der Vergleich zum Vorquartal: 3,35 Millionen Euro erlöste Xing  im letzten Quartal – 3,7 Millionen Euro waren es allerdings im Dreimonatszeitraum Juli bis September. Überraschende Erkenntnis: Damit ist tatsächlich ein realer Gewinnrückgang von 10 Prozent zum vorigen Vergleichszeitraum angefallen!

Trotzdem stuft DZ-Bank-Analyst Marcus Pratsch das einzige deutsche Web 2.0-Unternehmen an der Börse weiter mit „Kaufen“ ein – auch deshalb, weil das Geschäftsmodell von Xing rezessionsresistenter als das anderer Internet-Unternehmen sei.

Ob das tatsächlich stimmt, muss Xing nun beweisen. Der jüngst erfolgte überraschende Vorstandswechsel erscheint so noch einmal im anderen Licht: Neu-Vorstand Stefan Groß-Selbeck hat nicht nur die hohe Bürde seines erfolgreichen Vorgängers übernommen, sondern nun noch das Erbe, just im wirtschaftlich herausforderndsten Umfeld der letzten Jahrzehnte der ersten Wachstumsverlangsamung der jungen Unternehmensgeschichte zu begegnen. Leichter macht das der vor einer Woche erfolgte deutsche Markteintritt vom Wettbewerber LinkedIn nicht.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige