Bizarrer Streit: Rowohlt verklagt „Spiegel“

Eine literaturwissenschaftliche Aufgabe für das Landgericht: Am Dienstag reichte der Rowohlt Verlag eine Klage gegen den „Spiegel“ ein, weil das Magazin eine Rezension über Daniel Kehlmanns neuen Roman „Ruhm“ bereits zwei Wochen vor dem Erstverkaufstag veröffentlicht haben soll. Spiegel-Sprecher Hans-Urlich Stoldt kontert gegenüber MEEDIA: „Es war keine Rezension, sondern ein Portrait, und es war mit dem Autoren und dem Rowohlt-Verlag abgesprochen.“

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Die Absprache bestätigt auch Rowohlt-Sprecherin Ursula Steffens gegenüber MEEDIA. „Rowohlt hatte mit dem ‚Spiegel‘ ein Interview mit Kehlmann und ein mögliches Porträt vereinbart – aber keine Rezension seines neuen Buchs. Der ‚Spiegel‘ hat die Abmachung gebrochen, deshalb klagt der Rowohlt-Verlag.“

Der Streit dreht sich also um die Frage, ob der Text „Ich habe sehr gelitten“ von  Volker Hage (2/2009), ein Portrait ist oder eine Rezension? Die Antwort lautet: Irgendwie beides. Der Teaser-Text leitet eindeutig ein Portrait ein: „Daniel Kehlmanns neues Buch ‚Ruhm‘ ist sein erster Roman seit dem Megabestseller ‚Die Vermessung der Welt‘ – ein Besuch bei dem Starautor in Wien.“ Allerdings finden sich im dem Artikel auch Absätze, die klar die Qualität des neuen Buches bewerten, wie: „Mit dem Roman ‚Ruhm‘ hat Daniel Kehlmann das ganz andere gewagt – und ein Geburtstagsgeschenk an sich selbst ist das Buch auch: Am 13. Januar wird er 34 Jahre alt. Ein gelungenes Geschenk.“

Die Richter müssen jetzt klären, wie viel Inhalt und Wertung ein Schriftsteller-Portrait beinhalten darf, dass kurz vor Erscheinen eines neuen Buches veröffentlicht wird.

Zu der Klage als solche will der „Spiegel“ noch keine Stellung beziehen. „Bei uns liegt noch gar nichts vor, deshalb können wir auch nichts zu der eingereichten Klage sagen“, erklärte Stoldt. Auch eine mögliche Strafe lässt sich noch nicht absehen. „Wir hoffen, dass es jetzt eine entsprechende Klärung gibt“, sagt Steffens. Die Rowohlt Sprecherin glaubt jedoch nicht, dass eine gütliche Einigung möglich ist. „Das haben wir im Vorfeld ja versucht. Ist aber gescheitert.“ Der Verlag hofft darauf ein Exempel statuieren zu können.

„Es geht letztlich auch darum, ein Zeichen zu setzen“, zitiert das Börsenblatt Lutz Kettmann, Marketing- und Vertriebschef bei Rowohlt. Der Verlag will mit der Klage die „Institution Erstverkaufstag“ schützen, um so potentiellen Kundenfrust zu vermeiden. Der Verlags-Manager sagt, dass sich immer wieder Buchhändler beschweren, weil Leser eine Rezension gelesen haben und nun das Buch kaufen wollen, obwohl es gar nicht im Handel erhältlich ist. Mit der Klage will Rowohlt nun die Situation um den Erstverkaufstag abschließend klären.

Für den „Spiegel“ gibt es wenig grundsätzlichen Klärungsbedarf bei der „Institution Erstverkaufstag“. „Wir halten uns natürlich an Sperrfristen, es sei denn gibt andere Verabredungen“, sagt Stoldt.

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