„Bauerfeind“: Popkultur frisst ihre Kinder

Die Erwartungen waren groß: Katrin Bauerfeind, in der Online-Welt fest verankerte Kultmoderatorin des beliebten Web-TV-Formats "Ehrensenf", ist gestern mit ihrer eigenen TV-Sendung bei 3Sat an den Start gegangen. "Popups für die Popkultur" will das nach ihr benannte Format liefern – also: die Ästhetik der Internets ins klassische Fernsehen transportieren. Überraschenderweise scheitert dieser Versuch nicht an der Form – als vielmehr an den erstaunlich belanglosen Inhalten.

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Der Reflex ist bekannt: Wie viel leichter ist ein Verriss geschrieben – und wie viel schneller geht er auch noch von der Hand, wenn er den Versuch einer Avantgardistin abhandelt, im Mainstream Fuß zu fassen. Das nämlich ist die Geschichte der „Ehrensenf“-Moderation Katrin Bauerfeind, die nach knapp zwei Jahren beim enorm populären Web-TV-Format seit einiger Zeit versucht, sich auch in den klassischen Medien zu etablieren.

Zunächst moderierte die erst 26-Jährige für 3Sat von der Berlinale, dann vertrat Bauerfeind für einige Monate die schwangere Tita von Hardenberg bei „Polylux“, um sich schließlich bei den Öffentlich-Rechtlichen mit dem Fünfteiler „1-2-3 Moskau“ und zwei Moderationen über die Austragungsländer der Fußball-EM weitere Meriten zu verdienen.

Vernichtendes Medienecho: Von „ungedrosselt assoziativem Rauschen“ bis „bloß peinlich“

Nun also endlich das eigene Format, das schon am Titel erahnen lässt, dass die diplomierte Technikjournalistin auf dem Weg in die traditionellen Medien Stufe um Stufe nach oben nimmt: „Bauerfeind“ heißt der Halbstünder, der ab sofort jeden ersten Mittwoch im Monat ab 21.30 Uhr in 3Sat zu sehen ist.


 
Glaubt man den ersten Kritiken der Richter aus den Print-Medien, ist der Wurf des neuen Formats furios gescheitert:  „Im ungedrosselten assoziativen Rauschen sucht man eines vergebens: Haltung“, kanzelt ausgerechnet „Spiegel Online“ ab, wo „Ehrensenf““ – und mit dem Web-Format auch Bauerfeind – vor Jahren noch den Aufstieg zur Online-Celebrity erlebte. „Wie eine Popup-Anzeige den Blick auf einen starken Text versperrt, überstrahlt die Pointe hier jede Art von Standpunkt“, so das harte Fazit von Deutschlands reichweitenstärkstem Nachrichtenportal.   

Noch gnadenloser geht die Online-Ausgabe der „FAZ“ mit dem Debüt ins Gericht: „Jetzt hat Bauerfeind es schon ins seriöse Fernsehen geschafft, moderiert eine Sendung, die ihren Namen trägt und trotzdem keine Nachmittagstalkshow ist – und dann kommt das dabei heraus. Ein für 30 Minuten aufgehübschtes Garnichts, das mit einem schlechten Gag endet“. Damit ist die ironische, halbkomische Frage gemeint, ob die Sendung „schon Popkultur“ sei? „Die Antwort reichen wir gerne nach“, giftet die „FAZ“: „Sie lautet: Nee, das ist bloß peinlich.“

TV-meets-Web-Experiment: Multi-Tasking-Look-and-Feel fürs Wohnzimmer

Stimmt das wirklich: Ist „Bauerfeind“ ein solches Desaster? In zwei Worten: Nicht ganz. „Das System wird gestartet…“, verkündet der Trailer zu Beginn der Sendung: Das TV-meets-Web-Experiment beginnt.

Denn genau das soll es schließlich sein:  „Da Fernsehen, Computer und Internet bald eins werden, haben wir uns gedacht, dass „Bauerfeind“ schon jetzt alles zusammen vereinen soll“, lautet der turmhoch formulierte eigene Anspruch, der nur allzu schnell zur Kritik herausfordert.

Etwa diese: Was der Zuschauer in den 30 Minuten zu sehen bekommt, hat durchaus seine ästhetischen Reize. „Bauerfeind“ versucht das aus „Ehrensenf“ bekannte Multi-Tasking-Look-and-Feel nun ins TV-Format zu transportieren. Wie vom Computer bekannt, überlappen sich schon mal mehrere Fenster gleichzeitig: Beiträge werden angehalten – und/oder aus dem Off kommentiert – mal verbal, mal nur mit Gesten. Diese Form der multimedialen Bildsprache ist zwar etwas verspielt, aber für eine Zielgruppe, die so alt sein dürfte wie die 26-Jährige, ziemlich authentisch übertragen – das Format ist so flüchtig wie das Web selbst.

Blasse Inhalte: „Die Gamer von heute könnten die CEOs von morgen sein“

Was in der Form noch als eigene Handschrift ausgelegt werden kann, scheitert indes furios beim Inhalt. Tatsächlich kommt während der 30 Minuten verhältnismäßig schnell die große Langeweile auf.

Gezeigt wird mäßig Neues und Lustiges über den Internet-Wahlkampf im Superwahljahr 2009, ein wirklich lahmer Beitrag über die Gamer-Szene, der auch nicht durch pseudo-verblüffende Statements („Die Gamer von heute könnten die CEOs von morgen sein“) eines IBM-Teamleiters besser wird und dann ein Interview mit dem Altrocker Udo Lindenberg, fraglos so etwas wie der Ikone der deutschen Popkultur.

Lindenberg-Interview: Steilvorlage nicht genutzt

Doch was macht Bauerfeind und ihre Redaktion daraus? Eingeleitet wird das eigentliche Highlight der ersten Sendung mit einem völlig sinnfreien Wortgeplänkel mit einem – Achtung – Pop(!)-Literaten aus dem letzten Jahrzehnt, nämlich Benjamin von Stuckrad-Barre, der seinen kurzen Gast-Auftritt schlicht der Freundschaft zu Lindenberg verdankt.

Das Interview selbst ist verstörend nichtssagend: Immer wieder bietet der inzwischen 62-jährige Altstar Vorlagen für Tiefe – etwa, als er über den Tod philosophiert („unpraktisch“), doch Bauerfeind lässt sie liegen. Und „joky – lustig und so“, wie Lindenberg es an anderer Stelle in seinem ganz eigenen Sprech formuliert, waren die knapp zehn Minuten auch nicht.

Die erste Sendung war nicht der große Wurf, keine Frage. Und doch: Es war eben nur diese erste Sendung. Für Katrin Bauerfeind, die das Spiel mit Wortwitz und Koketterie im TV nicht plötzlich verlernt haben kann, wird es nun darum gehen, das, was sie in „Ehrensenf“ richtig gemacht hat, auch ins Wohnzimmer zu übertragen.

Die Möglichkeiten dazu sind immer noch da: Die Grimme-Preisträgerin ist nicht nur attraktiv und charmant – sie kann auch augenzwinkernd, ironisch und kokett sein. Die große Frage des Abends bleibt, ob Bauerfeind schlicht ein paar schlechte Produktionstage hatte – oder ob das, was drei Minuten in Internet funktionierte, nicht auf 30 Minuten ins TV übertragen werden kann. Fortsetzung: am 4. März 

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